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Sich dem Klimawandel davon entwickeln?

In der vergangenen Woche konnte ich an einem hochrangig besetzten klima- und energiepolitischen Dialog zwischen Indien und der EU teilnehmen. TeilnehmerInnen waren u.a. Berater von EU-Kommissionspräsident Barroso und des indischen Premier Manmohan Singh, sowie ChefverhandlerInnen von beiden Seiten.

Dabei kam es zu einem interessanten Austausch (aufgrund der vereinbarten „Chatham House Rule“ kann ich die Personen nicht nennen).

Ein indischer Teilnehmer führte an, wie viele Millionen Menschen in Indien noch keinen Zugang sauberem Wasser, Strom, sanitären Anlagen, Bildung und Ernährung haben. Und wie es daher für Indien die sinnvollste Strategie der Anpassung an den Klimawandel sei, sich so rasch wie möglich zu entwickeln, um damit die Verwundbarkeit gegenüber dem Klimawandel zu reduzieren. Jegliche Wachstumseinbusse z.B. durch Klimaschutzauflagen sei daher zurückzuweisen.

Ein Klimaforscher von europäischer Seite entgegnete daraufhin: „You can’t outdevelop climate change“, sinngemäß: Man kann sich nicht dem Klimawandel davon entwickeln. Er machte dies mit einer Parabel deutlich: Wenn man in einem Bus sitzt, der mit hoher Geschwindigkeit auf ein Hindernis zufährt, dann nützt es wenig, sich in den hinteren Teil des Buses zu begeben. Der Aufprall erwischt einen auch dort. (Das erinnerte mit an meine Parabel vom tödlichen Rennen in der Nacht).

Angesichts der nur als katastrophal zu bezeichnenden Auswirkungen, die das Abschmelzen z.B. der tibetischen Gletscher auf die sommerliche Wasserführung der Flüsse Süd- und Ostasiens hat, kann man dem europäischen Klimaforscher nur recht geben. Es liegt im ureigensten Interesse Indiens wie andere Staaten des Südens, dass dem Klimawandel so entschieden wie nur irgend möglich entgegen getreten wird. Und sicherlich gibt es ein relevantes Potential für Klimaschutz auch in Indien, der keine Kosten verursacht, sondern sogar Geld spart.

Doch hat auch der indische Teilnehmer einen Punkt: Dort wo Klimaschutz relevante Kosten verursachen wird, darf man Staaten wie Indien nicht vor die Wahl stellen, Kliniken, Schulen und Latrinen für ihre arme Bevölkerung zugunsten von Klimaschutzmaßnahmen zu opfern. Das bedeutet: Obwohl auch in Indien massiv das Emissionswachstum eingeschränkt werden muss und bald die Treibhausgasemissionen absolut reduziert werden müssen, müssen diese Klimaschutzanstrengungen fair geteilt werden.

Das heisst konkret, sie müssen von denen getragen werden, die für die Klimakrise verantwortlich sind, und leistungsfähig genug sind, um entsprechende Lasten zu schultern. Damit Indien nicht vor die unmoralische Wahl zwischen Latrinen und Windrädern gestellt wird, wie sie Leute wie Lomborg aufmachen.

Das ist der Kern des Greenhouse Development Rights Frameworks. Siehe dazu mehr hier und hier.

Foto: von pastalane auf flickr

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Diskussion

  1. Jörg, ein guter Beitrag! Und unter dem Eindruck meiner aktuellen Lektüre, „Klimakriege“ von Harald Welzer, möchte ich hinzufügen dass den Dutzenden so genannter versagender Staaten („failed states“) nicht einmal die Möglichkeit besteht, durch rasch voranschreitende Entwicklung die schlimmsten Folgen wenigstens etwas abzufedern – ganz abgesehen davon, dass die zitierte Entwicklung ihrerseits mit enormen Mengen von Treibhausgasen einhergeht, die das Klimasystem weiter destabilisiert und gegenüber den Ärmsten um so verheerendere Folgen zeitigen wird.

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