Schiefergas – Ausweg aus der fossilen Falle?

Letzte Woche war ich auf einem sehr interessanten Fachgespräch im Bundestag. Es ging um Schiefergas. Noch nie davon gehört? Dann wird es aber Zeit. Bekanntlich werden die leicht zugänglichen Ölreserven immer knapper und die Industrie greift vermehrt auf unkonventionelles Öl zurück. Nicht viel anders sieht es beim Erdgas aus. Auch hier gibt es unkonventionelle Quellen. Dazu zählen z.B. Aquifergas, Gashydrat, Kohlegas oder eben auch Schiefergas. Schiefergas ist Gas, das noch im Muttergestein, in dem es gebildet wurd, festhängt.

Dementsprechend schwierig und energieintensiv ist die Förderung. Gefördert wird in mehreren tausend Metern Tiefe mit Horizontalbohrungen und oft unter Anwendung der sog. Frac-Technik: das Gestein wird durch das Hineinpressen einer Flüssigkeit (mit Chemikalien versetztes Wasser) aufgesprengt, damit die kleinen Gasmengen, die in den Poren stecken, gefördert werden können.

In den USA ist Schiefergas ein großes Geschäft und soll bis 2050 50 % der Gasproduktion ausmachen. In Europa – Deutschland, Frankreich, Polen und Schweden – finden derzeit Explorationen und Probebohrungen statt, da auch hier große Vorkommen vermutet werden. Der verlockende Gedanke: durch Nutzung einheimische Rohstoffe die Abhängigkeit von Russland reduzieren und zugleich die Nutzung von Erdgas als klimafreundliche Übergangsenergiequelle anstatt Kohle und Atom stärken.

Ganz so einfach ist das nicht. Das zeigt sehr schön eine Kurzstudie, die Dr. Werner Zittel für die Energy Watch Group verfasst hat. Die Probleme lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

  • Im Gegensatz zum konventionellen Erdgas muss sehr flächendeckend gebohrt werden. Beispiel: 10.000 Bohrungen auf einer Fläche von ca. 120 Mal 160 km auf dem Antrim Gasfeld in den USA. Die passenden Bilder dazu gibt’s in der o.g. Studie. Das sieht nicht schön aus. Hinzu kommt das enge Straßennetz, das für Schwerlaster ausgerichtet sein muss.
  • Die Förderraten nehmen extrem schnell ab, sprich der Ertrag pro Feld ist mittelfristig nicht sehr hoch. Das stellt die Wirtschaftlichkeit der Investitionen in Frage.
  • Die CO2-Bilanz bei der Produktion von Schiefergas ist wesentlich höher als bei konventionellem Erdgas.  Unkonventionelles Erdgas kann sogar bis zu 30 % CO2 enthalten, das bei der Produktion freigesetzt wird. Hinzu kommt die Energie, die für die Frac-Technik aufgebracht werden muss. Bezeichnenderweise konnte keiner der Experten beim Fachgespräch eine konkrete Zahl nennen. Aber die Klimafreundlichkeit von Erdgas nimmt extrem schnell ab, wenn die CO2-Bilanz sich ändert.
  • Luftverschmutzung und Verunreinigung des Wassers durch Chemikalien und Gas sind weitere Probleme. Dr. Zittel stellt in seiner Studie fest, dass der Boom der Schiefergas-Produktion zeitlich direkt mit einer Aufweichung der Umweltgesetzgebung zusammenfällt.

Was heißt das für Deutschland? Beim Fachgespräch waren auch Vertreter von besorgten Gemeinden, in denen bereits Probebohrungen stattfinden. Es ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht anzunehmen, dass wir in Europa einen ähnlichen Boom bekommen wie in den USA. Die Umweltgesetzgebung in Deutschland müsste eigentlich besser sein. Allerdings wurde angemerkt, dass im Umweltverträglichkeitsgesetz Bohrungen explizit ausgenommen sind.

Für besonders problematisch halte ich die Verheißung einer klimafreundlichen Energiequelle und Reduzierung von Außenabhängigkeiten, wenn es schließlich doch nur mehr um eine Forcierung und Verlängerung des fossilen Entwicklungspfades geht. Und Schiefergas ist und bleibt ein fossiler und damit auch endlicher Rohstoff. Mit allen Problemen, die damit einhergehen.

Zittel: Es muss erwartet werden, dass die Zunahme dieser Probleme die künftigen Förderpotenziale viel stärker beeinflusst als eine theoretische Reserveabschätzung. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass Shale-Gasvorkommen in Europa keine große Bedeutung spielen werden. Angesichts der hier wesentlich niedrigeren Reserveabschätzungen und höheren Umweltauflagen ist es fast auszuschließen. Das schließt jedoch nicht aus, dass die Diskussion hierüber zunehmen wird.

Und diese Diskussion sollte mit voller Transparenz und in der breiten Öffentlichkeit geführt werden. Schließlich geht es um die Zukunft unserer Energieversorgung. Und da haben Sie auch ein Wörtchen mitzureden.

Foto: „The Door to Hell (in the daytime) / Turkmenistan, Darvaza“ von flydime auf flickr mit Creative Commons Lizenz.

Dieser Artikel wurde unter Klimaregime kategorisiert und ist mit , verschlagwortet.

Diskussion

  1. Noch nie gehört. Danke, dass ihr immer wieder Neues auftut!

  2. Ich bin bei solchen scheinbar neuen Ideen immer Vorsicht. Natürlich danke für die Aufklärung, denn auch mir war das neu,aber selbst wenn man das ganze in einem vernünftigen Maß umsetzen könnte, würde dadurch doch das Kernproblem gar nciht gelöst. Letztlich ist auch hier eine Endlichkeit abzusehen und nur wenn man sich von diesem Problem löst wird auch die Energiefrage eine Lösung finden. insofern kann es nur ein Ersatz für den Übergang sein.

Kommentieren