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Klimacamp 2011 bei Aktionskonferenz in Berlin angedacht

Am vergangenen Samstag fand in Berlin Kreuzberg auf Inititative der Gruppe „Gegenstrom“ ein besonders interessantes Treffen statt. Die auch von uns schon besungene Klimabewegung, bestehend v.a. aus den Aktivist_innen des Klima!Bewegungsnetzwerkes, traf auf sog. „bürgerliche Gruppen“ wie Bürgerinitiativen (BIs) gegen CCS-Lagerung oder Braunkohletagebauten. Politisch dazwischen stehende Gruppen wie der BUND samt Jugend oder der Grünennachwuchs gesellten sich auch dazu. Gemeinsam wurde nach einer kurzen Auftaktdiskussion am Freitagabend den Samstag diskutiert und gebrainstormt, ob ein Camp überhaupt Sinn macht, welchen Einfluss es haben könnte (auf die Bewegung, das Klima und die Konzerne) und wer dabei welche Rolle spielen sollte.

Die AktivistInnen ließen es sich trotz Aktionskonferenz nicht nehmen, gemeinsam gegen Vattenfall zu protesteiren (Foto: ccs-protest.de)
Die AktivistInnen ließen es sich trotz Aktionskonferenz nicht nehmen, gemeinsam gegen Vattenfall zu protesteiren (Foto: ccs-protest.de)

Schon die Diskussion am Freitag machte deutlich, dass das hier eine besondere Veranstaltung ist. So saßen mit René Schuster (Grüne Liga) und Mike Kess (Träger des Berliner Umweltpreises, Anti-CCS BI) zwei Gesichter auf dem Podium, die sicher nicht die rote Fahne im Gepäck hatten. Radikalere Worte kamen vom Klimaaktivisten Martin aus München oder der Vertreterin von „Castor? Schottern!“ und dazwischen saß wortgewandt Kerstin Rudek (BI Lüchow-Danneberg). Somit wurden nicht nur die Spektren vermischt, sondern anscheinend auch die Themen. Kohle, CCS, Atom, Klima, Gerechtigkeit und Kapitalismus. Wie sollte das nur gut gehen? Es ging, zumindest am Freitagabend. Schnell wurde klar, dass die Gegner die selben sind: z.B. Vattenfall mit ihren Braunkohletagebauten, CCS-Pilotprojekten undAtomkraftwerken. Die Strategien gegen solche Konzerne sind noch sehr verschieden, und auch die Slogans (z.B. „Energiekämpfe“ oder „Energyatonomie“). Zudem haben Proteste wie gegen den Castor im Wendland gezeigt, dass Stadt-Hippies, bürgerliche AnwohnerInnen, Autonome und Ökos gemeinsam (zumindest in gegenseitiger Toleranz und Respekt) an einem Projekt arbeiten können. Nicht zuletzt der November 2011 hat gezeigt, zu welchen Allianzen und Kooperationen eine fehlgeleitete Politik wie die von Schwarz-Gelb führen kann.

Das Wochenende hat vielen Menschen gezeigt, wo Andockpunkte und Probleme liegen. Es wird schwer werden, mit den Menschen über Klimagerechtigkeit zu reden, welche ihr Dorf von den Braunkohlebaggern bedroht sehen. Andersherum werden Klimabewegungsmenschen sich schwer tun, mit einem Energiekonzern zu verhandeln. Autonome schätzen die direkte Konfrontation mit „dem Feind“ und wollen durch Taten die Produktion runter und die öffentliche Wahrnehmung hoch schrauben (was gefährlich sein kann). Einige Gruppen versuchen, politischen Druck auf zu bauen während andere ein „klimaneutrales Leben“ voller Frieden und Solidarität auf dem Land erleben wollen. Geht all das zusammen? Ich hoffe es! Am Ende kommt es bei solchen Dingen nämlich weniger darauf an, dass sich alle in jedem Konsens wiederfinden, sondern, dass jemand die Arbeit macht. Auf gehts!

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Diskussion

  1. Schade, dass 99,98% der Weltbevölkerung von solchen Klimacamps nicht das Geringste mitbekommen.
    Schade, dass das weltweite Ressourcenverbrauchs- und Emmissionssteigerungs-System völlig unbehelligt davon seine wahnhafte Wachstumsdynamik und Emissionssteigerungsdynamik weiter entfaltet.
    Schade, dass jährlich per Saldo 82 Millionen zusätzliche Menschen ihren völlig berechtigten Anspruch anmelden, an den irdischen Gütern zu partizipieren und somit ihren Emissionsanteil zusätzlich in die Ökosysteme der Erde einzuspeisen.
    Nicht zu vergessen natürlich die 50 bis 70 Millionen Menschen, denen es jährlich gelingt, der Armut zu entkommen und die in die globale Mittelschicht aufzusteigen.
    Schade, dass die Staaten weiter 1,5 Billionen Dollar in die Rüstung stecken, anstatt mindestens 80% dieser finanziellen Ressourcen in ein historisch einmaliges Transitionsprogramm der Wirtschaft zu stecken.
    Schade, dass die Politik des billigen Geldes und des quantitative easing die Kapitalakkumulation insbesondere bei der globalen Oberschicht und Oligarchie verstärkt und damit zu ständig wachsendem parasitären Ressourcenverbrauch und daraus generierten Emmissionen führt.
    Schade, dass fast jeder Mensch so leben will, wie der Teil der Menschheit, der einen noch höheren materiellen Lebensstandard hat, als er selbst.
    Schade, dass eigentlich nur ein kompletter Systemkollaps mit verheerenden sozialen Verwerfungen das Problem der ständig zunehmenden Emmissionen wird lösen können (und der wird in Folge von Peak Oil und Peak almost everything mit großer Wahrscheinlichkeit in nicht sehr ferner Zukunft kommen).
    Schade, dass die Menschheit 38 Jahre lang die Warnungen eines Herrn Meadows belächelt und ignoriert hat.

    Schade, dass es diese riesige Differenz gibt zwischen dem, was die bewundernswerten und engagierten Teilnehmer an solchen Camps wollen und dem, was sich tatsächlich global abspielt.

  2. Der Fatalismus ist sicher nicht unbegründet, doch genau hier knüpfen Camps zu Klimagerechtigkeit und Energiekämpfen ja an!
    Den TeilnehmerInnen soll nahe gebracht werden, dass ein ressourcenschonend(er)es Leben möglich ist. Dass es gut ist, gemeinsam statt gegeneinander zu leben. Dass direkte Aktionen gegen Klimakiller Wirkung entfalten können (zumindest medial – siehe Moorburg). Menschen mit radikaleren Analysen, mit politischem Hintergrund (und bald auch Einfluß?) bis hin zu den „normalen“ BürgerInnen – alle können hier gemeinsam ihre Ansätze einbringen und etwas lernen. Diese Allianzen (oder zumindest das gegenseitige Verständnis) ist nötig, um die gesamte Gesellschaft zu einer Wende zu bringen.
    Die Hoffnung liegt also in der MultiplikatorInnenwirkung. Ein Anfang…

  3. Ja Georg,
    ich will nicht die totale Nutzlosigkeit und damit Überflüssigkeit solcher Aktionen als These in den Raum stellen. Nichts zu tun verbietet sich auf Grund der Dimension der Herausforderungen.
    Ich selber bin, wenngleich derzeit mit begrenztem zeitlichen Engagement, in einer kommunalen Nachhaltigkeitsinitiative am Werke. Ein sinnvoller Ansatz wie ich finde. Veränderung „von unten“, im regionalen Kontext.
    Denn Initiativen, die sozusagen „von oben“ das große Ganze umkrempeln wollen (was freilich notwendig wäre), schweben oft irgendwie im luftleeren Raum.
    Aber ich bin mir auch immer der Situation solcher Initiativen als Tropfen auf ein heißes Felsgebirge bewusst. Trotzdem würde ich mir einen Vorwurf machen, nicht wenigstens Bestandteil dieses Tropfens zu sein. Wobei ich mir ja als Praktizierer einer durchschnittlichen bis leicht unterdurchschnittlichen europäischen Lebensweise ohnhin Vorwürfe zu machen hätte.
    Da ist es fast als Trost zu betrachten, dass uns die Erosion der physischen Wertschöpfungsgrundlagen (nicht nur Peak Oil) ab diesem Jahrzehnt und danach beschleunigt auf ein vernünftigeres Verbrauchs- und Emmissionsniveau zurückschleudern wird. Wobei das auch sehr gewöhnungsbedürftig sein wird.
    Um so mehr wird die Frage der Verteilungsgerechtigkeit/sozialen Gerechtigkeit in den Vordergrund treten müssen, je mehr die Gesamtwertschöpfung national und global erodiert und die Zahl der Menschen ansteigt.
    Deshalb ist der Titel dieses Blogs „Klima der GERECHTIGKEIT“ auch gut gewählt.

  4. … und genau an diesen Punkt „Klima und Gerechtigkeit“, knüpfen die Camps ja an. Deshalb auch dieser Blogeintrag von mir. Hier soll (auch) der Öko-Szene (teilweise unter dem Motto „Klimawandel stoppen, koste es was/wen es wolle!“) nahe gebracht werden, dass Klimawandel auch eine soziale Frage und eine Machtfrage ist – das lässt sich nur gemeinsam lösen.

  5. Tilman Santarius

    Lieber Georg, sehr interessanter Bericht.
    Mal ne andere Rückfrage: waren da eigentlich auch Südvertreter auf dem Treffen? Hat das Thema „Internationale Gerechtigkeit“ auch eine Rolle gespielt, oder nur Kohle, Atom, CCS et al.? Und: hattest Du den Eindruck, dass die Klimabewegung hier, so es sie gibt, viel gemeinsam hat mit Cochabamba und den Initiativen im globalen Süden?

  6. Leider waren weder SüdvertreterInnen, noch eine ausgeprägte Nord-Süd Sicht in Bezug auf das Camp da. Die Klimabewegung war mehr damit beschäftigt, wie sie ihre langsam gefundene Sicht (Klimawandel als soziales Problem; Verknüpfung von Kapitalismus und Klimawandel; Klassenkämpfe und Nord-Süd-Ungleichheiten) nun mit der Weltsicht von Bürgerinitiativen (viel lokaler, dennoch nicht lediglich „NIMB“, keine Klimagerechtigkeitsperspektive) in Verbidnung bringen kann. Zudem die alten Gräben zwischen Radikalinskis und Pragmatis.
    Die Cochabamba Leute agieren ja zum Großteil aus einem betroffenheitskontext, den hier niemand so wirklich nachvollziehen kann. Deutschland ist halt nicht Mali. Das schwebt hier eher zwischen Altruismus und Weltrevolution; die Motivation ist also anders.
    Gemeinsamkeiten gibt es aber im Konkreten. Mit den BIs bei der Gegneranalyse: Vattenfall und Co. Mit den Südinitiativen bei der Analyse der false solutions (CCS, CDM, GeoEngineering, z.T. Atom). Aber ALLE kommen wohl in den nächsten Jahren nicht in einen Kasten. Gestern Cancun. Morgen Lausitz. Übermorgen Durban. Irgendwann: Weltrevolution. Das Programm ist ambitioniert. 😉

  7. Wenn wir das Thema globale Verteilungsgerechtigkeit der begrenzten irdischen Güter und globale Emissionsgerechtigkeit – und zwar auf nachhaltigem klimaneutralem Niveau – konsquent betrachten und in unserer Lebenspraxis berücksichtigen wollten, dann würden uns Kindern des Wohlstands die Tränen in die Augen schießen.

    Kein Wunder, wenn Menschen aus Mali da etwas andere Vorstellungen haben, als die Menschen aus den OECD-Ländern. Forderungen nach Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit lassen sich leicht aufstellen.
    Nur wenn es um ganz konkrete, notwendige Lebensstilveränderungen geht, dann bekommen selbst die einsichtigeren Menschen aus den Ländern des Wohlstandskartells ganz schnell schlotternde Knie.

    Ich nehme mich da garnicht aus.

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