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Das erstaunte Erwachen.

AKW Grohnde
„…wenn man einen Fehler macht gibt es auch eine kleine Explosion. Es macht puff und die Kühe fallen um und die kleinen Häuser und Bäume. Da ist dann immer ein großes Hallo...“ (aus: Loriot, Weihnachten bei den Hoppenstedts)

Angesichts der Erdbebenkatastrophe und der sehr schweren Atomunfälle in Japan ist es nicht angebracht, in Triumphgeschrei auszubrechen, weil wir ja schon immer gewusst haben, dass Atomkraft eine nicht auf Dauer beherrschbare Hochrisikotechnologie ist. Es ist und bleibt aber nach wie vor richtig, zu fordern, alle Atomkraftwerke in Deutschland und weltweit abzuschalten.

Was mich und viele andere aber erst staunend und dann mit ungläubigem, wütendem Kopfschütteln zurück lässt, ist die Dreistigkeit und Blödheit mit der diejenigen, die noch vor einem halben Jahr der deutschen Atomindustrie eine Verlängerung der AKW-Laufzeiten geschenkt haben, jetzt das plötzlich verhängte „Moratorium“ der Laufzeitverlängerung erklären. Wobei mir noch nicht so klar ist, was das Moratorium konkret bedeutet. Kriegen die AKWs danach nochmal drei Monate zusätzlich?

Es dürfe bei der neuerlichen Sicherheitsüberprüfung aller AKWs keine Tabus geben, erklärt die Kanzlerin. Heißt das, dass es vor Fukushima 1. keine gründlichen und ausreichenden Sicherheitsüberprüfungen und 2. Tabus gab? Was, bitte, war denn vor einem halben Jahr noch nicht bekannt? Und warum nicht? Oder wurden Dinge, die bekannt waren, außer Acht gelassen, weil es ein Tabu war, sie zu benennen?

Horst Seehofer lässt den Reaktor Isar 1 abschalten, weil er zu neuen Erkenntnissen gekommen ist.

„In Isar 1 dürfen wir jetzt, was die Flugzeugabstürze betrifft, nicht nur nach Wahrscheinlichkeiten gehen, sondern von der Möglichkeit ausgehen eines Flugzeugabsturzes oder Anschlages, und alles was möglich ist muss ausgeschlossen werden.“

, so Seehofer gegenüber der ARD. Auf einmal ist aus der Wahrscheinlichkeit eine Möglichkeit geworden. Offenbar hat die Fantasie vorher nicht ausgereicht.

In den vielen Interviews, die durch die notorischen Brennpunktspezialvorort-Sondersendungen geistern, wird jetzt gerne auch wieder die Kohlekeule heraus geholt, da wird wieder die Angst vor unbezahlbaren Strompreisen und Black-Outs geschürt: Wenn wir keine Atomkraft haben, müssen wir eben mehr Kohle verbrennen, damit das Licht nicht ausgeht, und das wollt ihr Klimaschützer doch nicht, oder? Außerdem hätte ja auch Rot-Grün die Atomkraftwerke nicht sofort alle abgeschaltet. Stimmt, aber ohne diese Koalition hätte es nicht einmal einen mittelfristigen Ausstiegsplan gegeben. Das wird natürlich nicht erwähnt.

Das schärfste, fand ich, war gestern Abend in der ARD-Sendung „Atom-GAU in Japan“ von Tanja Gönner zu hören. Sie war, natürlich, für das Moratorium und eine Neubewertung der Kernkraft. Dann sagte sie:

„Aber es gehört auch dazu, dass wir dann schon sagen müssen, wir brauchen eine breiten gesellschaftlichen Dialog. […] Wer will, dass wir schneller vorankommen bei den erneuerbaren Energien, der muss die Herausforderungen bei den Stromnetzen, bei den Stromspeichern und auch beim Ausbau, wenn es konkret vor der eigenen Haustür ist, mittragen.“

Da hatte sie dann also schnell mal die Verantwortlichen ausgemacht: es sind die Bürger, die den gesellschaftlichen Dialog verweigern, sich gegen den Ausbau von Stromnetzen wehren, damit den Weg zu den Erneuerbaren behindern und so die Verlängerung der Atomkraftnutzung nötig machen.

Aha. Was fällt einem dazu noch ein?

Foto: AKW Grohnde, von Malte Schmidt unter CC-Lizenz BY-SA

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