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Ende der nuklearen Geheimniskrämerei!

Nur spärlich fließen die Informationen über die technischen Hintergründe in Fukushima. Die weltweite Atomlobby klärt nicht auf, sondern beschwichtigt. Dabei könnte sie für Transparenz sorgen, denn ausgeklügelte Simulationen ermöglichen es inzwischen nachzuvollziehen, was im Reaktor passiert.

Bei der Betreiberfirma Tepco sucht man Transparenz und Selbstkritik vergeblich. Systematisch verschleiert das Unternehmen, was im AKW tatsächlich passiert. Der Spiegel hat dazu berichtet. Das Problem ist vor allem, dass Industrie und Kontrollgremien aufs Engste miteinander verflochten sind.

Dass die Atomindustrie weltweit über weitaus mehr Wissen zum GAU in Fukushima verfügt, als sie öffentlich zugibt, ist offensichtlich. Die New York Times erklärt in ihrer gestrigen Ausgabe, wie rund um die Welt Spezialisten ihre Rechner auf Hochtouren laufen lassen, um das Reaktorunglück zu modelieren und nachzustellen. AREVA sieht eine Kernschmelze als erwiesen an. An der kalifornischen Standford University hat der US-Vertreter von AREVA einen detaillierten Vortrag mit 30 Folien zum Unglück in Fukushima und all seinen technischen Hintergründen gehalten. Die Powerpoint wurde von Matthias Braun erstellt, einem Mitarbeiter bei AREVA Deutschland. Als die Universität die Folien anschließend ins Internet stellte, musste sie nachträglich alle Hinweise auf AREVA löschen; der Atomkonzern verweigerte dazu jeglichen Kommentar gegenüber der New York Times:

On March 21, Stanford University presented an invitation-only panel discussion on the Japanese crisis that featured Alan Hansen, an executive vice president of Areva NC, a unit of the company focused on the nuclear fuel cycle. “Clearly,” he told the audience, “we’re witnessing one of the greatest disasters in modern time.” Dr. Hansen, a nuclear engineer, presented a slide show that he said the company’s German unit had prepared. That division, he added, “has been analyzing this accident in great detail.”

The presentation gave a blow-by-blow of the accident’s early hours and days. It said drops in cooling water exposed up to three-quarters of the reactor cores, and that peak temperatures hit 2,700 degrees Celsius, or more than 4,800 degrees Fahrenheit. That’s hot enough to melt steel and zirconium — the main ingredient in the metallic outer shell of a fuel rod, known as the cladding. “Zirconium in the cladding starts to burn,” said the slide presentation. At the peak temperature, it continued, the core experienced “melting of uranium-zirconium eutectics,” a reactor alloy.

A slide with a cutaway illustration of a reactor featured a glowing hot mass of melted fuel rods in the middle of the core and noted “release of fission products” during meltdown. The products are radioactive fragments of split atoms that can result in cancer and other serious illnesses.

Stanford, where Dr. Hansen is a visiting scholar, posted the slides online after the March presentation. At that time, each of the roughly 30 slides was marked with the Areva symbol or name, and each also gave the name of their author, Matthias Braun. The posted document was later changed to remove all references to Areva, and Dr. Braun and Areva did not reply to questions about what simulation code or codes the company may have used to arrive at its analysis of the Fukushima disaster. “We cannot comment on that,” Jarret Adams, a spokesman for Areva, said of the slide presentation. The reason, he added, was “because it was not an officially released document.”

Beschwichtigung und Geheimniskrämerei sind das Aushängeschild der Atomindustrie, allen voran der internationalen Atomenergiebehörde IAEA wie taz berichtet. Betreiber und Aufsichtsbehörden betrachten Atomenergie immer noch als eine Geheimsache von Experten, in die die Öffentlichkeit nicht hineingelassen werden soll. So, wie die IAEA, AREVA und die anderen Atomlobbyisten handeln, geht es ihnen nicht um Aufklärung, sondern ums Vertuschen. Diese nukleare Geheimniskrämerei muss ein Ende haben. Druck scheint zu helfen. Inzwischen ist die Powerpoint – mit AREVA-Logo – wieder im Internet und kann hier als ZIP-Datei und PDF runtergeladen werden.

Foto: privat.

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Diskussion

  1. Lug, Trug und Geheimniskrämerei ist doch ein verbreitetes Kennzeichen unserer Zeit.
    Diejenige der Atomindustrie ist ja oben zutreffend beschrieben worden.
    Die Ölindustrie ergeht sich in schwachsinnigen Behauptungen, wie „Das Ölzeitalter wird genau so wenig am Mangel an Öl zu Ende gehen, wie die Steinzeit am Mangel an Steinen zu Ende ging“.
    Und die Tiefseebohrungen sind natürlich plötzlich bombensicher und die Umweltkatastrophen z.B. in Alberta und im Nigerdelta werden totgeschwiegen.
    Die Kohlelobby schwadroniert über „green coal“ dank CCS-Technik, obwohl nicht ein einziges Kohlekraftwerk mittlerer bis größerer Dimension bisher mit dieser Technik arbeitet. Außer kleinen Pilotprojekten, die als Feigenblatt dienen, ist nichts in Sicht.
    Die Autoindustrie palavert von der E-Mobilitäts-Revolution, obwohl für die weltweite Massenproduktion von E-Cars garnicht genug Lithium und Neodym pro Zeiteinheit zur Verfügung gestellt werden könnte.
    Die Biospritindustrie versteckt sich hinter einem Öko-Mäntelchen und E10 wird mit Emissionsargumenten gepusht, während riesige Regenwadgebiete abgeholzt oder teilweise brandgerodet werden und tropische Moore trockengelegt werden, was zu riesigen Klimagasemissionen führt.
    Dann wird Desertec gefeiert, als gäbe es die Anlagen schon, während Teile Nordafrikas im Chaos versinken.
    Da wird die Überwindung der Finanzkrise zelebriert, obwohl zur Beseitigung der Finanzkrise genau die Mittel im Übermaß eingesetzt werden, die schon zur letzten Finanzkrise führten.
    Da werden Klimakonferenzen in Serie durchgeführt, mit tollen Versprechungen, obwohl jedes Jahr größere Mengen an CO2, Methan und Lachgas in die Atmospäre eingespeist werden.

    Viele Menschen lassen sich auch äußerst bereitwillig belügen, weil sie Angst vor einer einschneidenden Änderung ihres Lebensstils haben, der ja ohnehin in der Zukunft auf sie zukommen wird. Aber der Status Quo soll so lange wie möglich aufrecht erhalten werden, koste es, was es wolle.

  2. Unternehmen, Industrien, ja selbst Umweltverbaende werben fuer ihre Technologien und Visionen, das ist ja erstmal voellig in Ordnung und noch nicht identisch mit Greenwashing. Im obigen Fall aber halten Industrien wichtige Erkenntnisse zurueck, die wahrscheinlich ueber Leben und Tod entscheiden. In solchen Faellen sollte doch die Allgemeinheit und die Oeffentlichekit Zugriff auf diese Informationen haben, oder nicht?

  3. Das ist zweifellos richtig, Herr Jungjohann. Die Konsequenzen der Lügereien für Leib und Leben mögen unterschiedlich sein, wenngleich in verschiedenen Fällen auch nicht klar zu quantifizieren.
    Aber die Konsequenzen für die Menschheit – insbesondere die heute Jüngeren oder noch auf die Welt Kommenden – werden in der Summe vermutlich recht dramatisch sein.

    Natürlich ist nicht alles Greenwashing. Es gibt freilich auch ermutigende Entwicklungen. Aber in nicht sehr wenigen Fällen (z.B. biogene Kraftstoffe oder sogenannte Nullemissionsbilanz der Kernkraft) wird eben Etikettenschwindel betrieben.

  4. Geheimnis ist, wenn man nichts sagt – wenn man die Unwahrheit sagt, ist es Lügen.

  5. Uebrigens hat Greenpeace USA eine coole Seite zum thema Green Washing eingerichtet: http://stopgreenwash.org/

  6. Arne, herzlichen Dank für diesen wieder einmal sehr informativen Beitrag! Well done…

  7. Dem Kompliment kann ich mich nur anschließen, Jörg Haas. Gilt übrigens für so gut wie alle Beiträge hier.
    Wenn es anders wäre, würde ich auch keinen einzigen Kommentar abliefern und den Blog meiden. Unsinnblogs gibt es im Netz wie Sand am Meer, aber dieser hier thematisiert wenigstens einige entscheidende Zukunftsthemen, auf gehaltvolle Weise.
    Dass ich mitunter auch mal etwas gegen den Strich bürste geschieht nur in der Absicht, eine lebendige Diskussion zu befördern, die sich nie in 100%iger Meinungsgleichheit in allen Details erschöpfen kann. Dann wäre es ja ein Gruppenmonolog.
    Oder, wie Erich Kästner so zutreffend formulierte: „Wo alle das Gleiche denken, wird nicht viel gedacht!“

  8. Wenn ich mich richtig entsinne, ist seit ca 2 Wochen von einer hohen Wahrscheinlichkeit einer partiellen Kernschmelze die Rede, seitens Tepco.
    Und Otto Normalverbraucher ist bei der aktuellen Aufklärung sicher in der Lage 2 und 2 zusammenzuzählen und zu verstehen, warum das Wasser kontaminiert ist.
    Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin absolut für einen offenen Umgang bei der Aufklärung über die Gefahren. Aber hier eine Verschwörungs/Verschleierungstherorie wider dem Verstand basteln, verhindert weder weitere Katastrophen noch hilft es den Opfern.
    Oder ist der Buhmann nötig, damit man sich selbst nicht klar machen muss, dass man seiner Verantwortung nicht nachgekommen ist, billigen Strom bezogen hat, ordentlich CO2 verpulvert, etc?
    Wo ist denn hier die Eigenverantwortung, ohne die man aus dem Atomschlamassel nicht rauskommt?
    Habe ich auch böswillig verschleiert, weil mir aus technischer Sicht seit ca 2 Wochen bewusst ist, dass eine partielle Kernschmelze eingetreten sein muss und ich das nicht (wem eigentlich???) gemeldet habe?
    Selber denken soll helfen und die Verschwörung findet im eigenen Wohnzimmer bei der Suche nach dem Schuldigen, der die eigene Schuld aufnehmen soll statt 😉
    Die Politik wird die Welt nicht zu einem besseren Ort machen, die Menschen könnten schon!

  9. Ich möchte mich meinen Vorrednern anschließen und hier auch einmal sagen, dass ich diesen Blog sehr gut finde. Die Artikel sind informativ und regen zum Nachdenken an. Ein großes Lob an die Autoren!

    Und wen es interessiert: Hier habe ich auch noch einen informativen Blog zum Thema Atomenergie gefunden.

  10. @Gretchen: Statt Verschwoerungstheorien zu unterstellen empfehle ich die Lektuere des NYT-Artikels. Wenn Atomunternehmen wie Areva tatsaechlich ueber so tiefgruendige Analysen verfuegen wie da nachgewiesen, sollten sie damit aufklaeren. Stattdessen hat man den Eindruck das alles, was aus den Konzernzentralen nach aussen dringt, beschwichtigen und herunterspielen soll. In einer offenen Gesellschaft wie der unsrigen ist das unverantwortlich.

    @alle anderen: vielen Dank fuer das gesammelte Lob, da freuen wir uns vom KdG! 🙂

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