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Hunger am Horn von Afrika – wenn sich die Krisen gegenseitig verstärken

Die Hungersnot am Horn von Afrika ist ein trauriges Beispiel dafür, wie das Zusammentreffen verschiedener Krisen zu einer humanitären Katastrophe führen kann. Dabei werden Wetterextreme wie die Dürre am Horn von Afrika als Folge des Klimawandels ein häufig auftretendes Phänomen in vielen afrikanischen Ländern sein.  Die kleinbäuerlichen Produzenten in den meisten Regionen Afrikas haben kaum Kapazität mit solchen Ereignissen umzugehen. Obwohl von verschiedensten Seiten betont wird, wie dringend die Anpassung des Sektors angegangen werden muss, gibt es noch immer kaum eine Finanzierung dafür.

Gastbeitrag von Christine Chemnitz, Referentin für internationale Agrarpolitik der Heinrich-Böll-Stiftung

Heute sind erneut alle 191 Agrarminister der UN-Mitgliedsstaaten zum High Level Meeting nach Rom geladen.  Die Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) wird mit ihnen über das weitere Vorgehen zur Bewältigung der Hungersnot am Horn von Afrika diskutieren. Die Strategie der FAO ist hierbei, sowohl die kurz- und mittelfristige Nothilfe für die Menschen vor Ort möglichst effektiv zu gestalten als auch die langfristige Kapazität der Region zur Bewältigung von Dürren und Wetterextremen zu verbessern.

Dass diese Debatten erst heute stattfinden, erscheint vor dem Hintergrund, dass das Famine Early Warning System Network (FEWS NET) und die FAO seit mehr als einem halben Jahr vor der anstehenden Hungersnot warnen, unfassbar.

Alle Alarmzeichen stehen seit langem auf Rot: so war vorausgesagt, dass nach zwei schwachen Regenzeiten auch die folgende aufgrund des Wetterphänomens „El Niña“ eher schlecht werden würde. Genauso ist seit langem bekannt, dass die Menschen in Somalia nach 19 Jahren Krieg und Konflikt im eigenen Land kaum mehr Kapazitäten haben mit einer weiteren ausbleibenden Regenzeit umzugehen. Mehr als zwei Millionen Menschen befinden sich innerhalb des Landes auf der Flucht oder haben die völlig überfüllten Flüchtlingscamps an den kenianischen und äthiopischen Grenzen erreicht. Weder Viehwirtschaft noch Ackerbau sind unter den solchen Umständen möglich und damit ist den meisten Menschen jegliche Lebensgrundlage entzogen.

Hinzu kommt, dass sowohl die regionalen Preise als auch die Weltmarktpreise für Lebensmittel seit Anfang des Jahres Monat für Monat neue Höchstgrenzen überschreiten. Da die ostafrikanischen Länder seit langem ihre Grundnahrungsmittel weitestgehend importieren, führten die Preissteigerungen dazu, dass die nationalen Lager nicht gefüllt werden. Als Folge explodieren in der Region die Nahrungsmittelpreise geradezu. So stiegen die Preise für Mais und Sorghum in Mogadishu um mehr als 160% im Vergleich zum Vorjahr und in Addis Abeba verdoppelte sich der Preis für Weizen. In vielen Regionen ist entweder keine Nahrung verfügbar oder die Menschen können sie sich schlicht nicht mehr leisten.

Es war also vorauszusehen, dass jegliches zusätzliches Extrem die Situation am Horn von Afrika in eine humanitäre Katastrophe wenden würde. Dennoch wurden die Warnungen im Vorfeld meist ignoriert und auch die Nothilfe ist schleppend angelaufen. So hat sich die Afrikanische Union erst nach vielfacher Kritik dazu durchgerungen, sich auf einer ersten gemeinsamen Konferenz am 25. August der Krise zu widmen. Das verdeutlicht, wie gering die politische Macht derer ist, die hungern und wie wenig sie wahrgenommen werden.

Die Herangehensweise an die Hungersnot am Horn von Afrika scheint erstaunlich eindimensional und losgelöst von jeglichem politischen Kontext. Dabei ist sie ein trauriges Beispiel dafür, wie das Zusammentreffen verschiedener Krisen zu einer humanitären Katastrophe führen kann.

Grundsätzlich ist klar, dass sich die Lage in Somalia und auch in den angrenzenden Regionen weiter verschlechtern wird, so lange ein wirksamer Aufbau staatlicher Regulierung in Somalia nicht gelungen ist.

Neben dem nationalen Konflikt ist es das Zusammentreffen der hohen Agrarpreise und der Folgen des Klimawandels, das die Situation besonders dramatisch macht.  Angesichts der Auswirkungen der Dürre beschämen die verfügbaren Klimagelder für die Anpassung der Landwirtschaft: Die durchschnittlichen Berechnungen gehen von jährlichen 30 – 100 Mrd. US $ aus, die von den Entwicklungsländern insgesamt für ihre Anpassung benötigt werden. Diese sind im Augenblick zu mehr als 95 % unterfinanziert. Aber auch die bisher bereitgestellten Mittel hinken den politischen Bekenntnissen weit hinterher: lediglich 9,1 Mrd.€ der zugesagten 26,8 Mrd.€ sind bislang bereitgestellt worden; nur 7,1 Mrd.€ wurden verausgabt und lediglich 8,1% dieser Gelder wurden explizit für Anpassungsmaßnahmen verwendet. Darüber hinaus schätzt die UNECA, dass bis 2009 weniger als 1% der ausgezahlten Klimamittel in das Afrika südlich der Sahara geflossen sind.

Dabei sind es gerade Wetterextreme, wie die jetzige Dürre, die als Folge des Klimawandels ein häufig auftretendes Phänomen in verschiedenen afrikanischen Ländern sein werden.  Die kleinbäuerlichen Produzenten in den meisten Regionen Afrikas haben kaum Kapazität mit solchen Ereignissen umzugehen. Ernteverluste, Armut und Hunger sind die Folge. Immer wieder unterstreichen Forschungsinstitute wie das IFPRI, die FAO und zivilgesellschaftliche Institutionen, dass ein angepasster landwirtschaftlicher Sektor die Folgen des Klimawandels drastisch reduzieren würde. Sie fordern weitgehende und vor allem umgehend Investitionen in die Anpassung der afrikanischen Landwirtschaft. Bislang  ohne Erfolg!

Wenn nun bei dem High Level Meeting in Rom langfristige Strategien für die Bekämpfung des Hungers entwickelt werden sollen, dann sollten die Agrarminister die Botschaft nach Hause tragen, dass nur verbindliche Finanzierungsmechanismen der Klimagelder den afrikanischen Ländern die Möglichkeit bieten, die notwendigen finanziellen Mittel einzufordern und in einem global gerechten Ausgleich für ihre Anpassungsstrategien einzusetzen. Nur dann wären Klimaverhandlungen im südafrikanischen Durban Ende dieses Jahres ein Erfolg für die Menschen im ländlichen Afrika, deren Lebensverhältnisse in besonderem Maße von den Klimaveränderungen bedroht sind.

Hinzukommt, dass die Industrieländer ihre agrar- und energiepolitischen Hausaufgaben machen müssen. Neben den Auswirkungen des Klimawandels und den schwankenden Ölpreisen leisten sowohl die Nachfrage nach Futtermitteln für die intensive Tierproduktion als auch die Beimischungsquote ihren Beitrag, um die Preise für Nahrungsmittel in dramatische Höhen schnellen zu lassen. Ziel der Bundesregierung ist es, sowohl mehr Biokraftstoff in den Sprit zu geben als auch die Fleischproduktion auszuweiten. Die Auswirkungen, die das auf die internationalen Agrarmärkte haben wird, sind leider vorstellbar.

Foto: „The barren landscape of Kulaley village“ von Oxfam International auf flickr.com mit Creative Commons Lizenz.

 

 

 

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