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Debatte in Durban: Ist China jetzt doch wieder Schuld?

Deutschland kritisch hinterfragen? Argumente wie "historische Verantwortung" sehen? Nein! Nein! Nein??

China hat am Montag einen ersten Schritt gemacht. Natürlich wird das von der EU und allen voran Deutschland runter gespielt – das gehört zum Verhandeln dazu. Aber muss es angesichts der Dringlichkeit hier in Durban wirklich so risikofreudiges Pokern sein? Norbert Röttgen hält Chinas Klimaversprechen für wertlos titelt SPIEGEL Online, denn die Chinesen sparen sich konkrete Klimaziele. Solche Aussagen sind nicht nur falsch (Chinas 5-Jahresplan ist relativ ambitioniert und das letzte Konjunkturpaket war weit aus grüner als die deutsche Abwrackpackung), sonder auch gefährlich. Denn in der Sprache der Diplomatie bedeuten solche Vorwürfe wie die röttgen‘schen sehr viel. Sicher will der Minister es nicht absichtlich zu einem – von seiner Chefin schon vor Beginn der Verhandlungen antizipierten – Scheiter kommen lassen. Die Süddeutsche berichtete ja schon prominent von Merkels Fehlkalkulation. Die Peitsche ist eine Sache – vor allem, wenn man ein Zuckerbrot in der Hinterhand hat. Doch das öffentliche in Frage stellen von Chinas Ehrlichkeit geht weit über Durban hinaus. So kommen dann nämlich Überschriften wie „Schwellenländer schwächeln beim Klimaschutz“ zustande, welche wiederum natürlich Einfluss auf die Klimaverhandlungen (und, schlimmer, der öffentliche Meinung in Deutschland) haben. Wenn dann berichtet wird, dass nach einem Muskelspiel nun wieder Kompromissbereitschaft gezeigt wird, dann gilt das entweder für alle oder garnicht. Anzudeuten, dass die Schwellenländern und v.a. China eine besonderns unrühmliche Rolle spielen ist Rückendeckung für die eigene Ambitionsarmut. Schade, dass auch meine Lieblinge von den Klimarettern da mitzumachen scheinen (z.B. durch Sätze wie „Doch dann kamen die BASIC-Staaten und die Chancen sanken wieder. Wie ist der Stand?“. 

Die Reaktion darauf wird nur sein, dass „der Westen“ und „seine NGOs und Presse“ gemeinsam „gegen China“ sind. Berichterstattung über Blockierer finde ich sehr wichtig, aber in Durban haben die Chinesen bisher mit ihrem Schneckentempo leider die Geschwindigkeit vorgegeben. Da sollte man die eigene Regierung anstoßen, und nicht über die Schnecke lästern. Statt ideologisch China zum Substitut für das „große Übel“ an sich (zuvor u.a. UdSSR, Bush) aufzubauen gibt es genug an Röttgen und Merkel ganz pragmatisch zu kritisieren, ganz zu schweigen von dem polnischen Totalausfall in Person des Umweltministers.

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Diskussion

  1. „China hat am Montag einen ersten Schritt gemacht.“

    Naja, sagen wir mal so: China hat einen eventuellen Schritt für die fernere Zukunft in Aussicht gestellt.

    Eines ist natürlich richtig: China ist dabei, Deutschland im Zubau bei Solar und Wind zu überholen. Dabei sollte natürlich berücksichtigt werden, dass China die 16-fache Einwohnerzahl hat. Bei einem doppelten Zubauvolumen bei Wind und Solar hätte China also nur ein Achtel des deutschen Pro-Kopf-Zubaus.
    Die mit weitem Abstand wichtigste Energiequelle, und leider in der prozentualen Gewichtung immer noch nicht abnehmend, ist nun mal in China die Kohle. Und neue Kohlekraftwerke gehen im 10-Tages-Takt in der 1000-MW-Klasse neu ans Netz. Diese zahlreichen Kraftwerke werden im Durchschnitt 45 jahre im Betrieb sein. Also massig Emissionsnachschub für die nächsten Jahrzehnte.

    Aber auch das ist richtig: die größten Übeltäter – größer als China – sind die meisten OECD-Staaten. Die emittieren im Durchschnitt immer noch mehr pro Kopf als China, obwohl sie emissionsträchtige Industriezeweige nach China und anderswo ausgelagert haben.
    Und unter diesen Pro-Kopf-Großemittenten gibt es einige wie die besonders emissionsstarken USA, die praktisch keine Anstalten zum Umsteuern machen, von einzelnen EE-Projekten mal abgesehen.
    Und dann gibt es einige OECD-Staaten, die wenigstens Anstrengungen unternehmen, wobei Selbstdarstellung und Realität auch hier auseinandergehen. Deutschland hat seine Emissionsreduzierungen im Wesentlichen dem glücklichen Umstand zu verdanken, dass das Basisjahr für die Vergleiche 1990 ist. Ein Vergleichsjahr 1995 z.B. würde die deutsche Klimabilanz wesentlich ernüchternder ausfallen lassen.

    Aber neben den teils handlungsunwilligen und teils begrenzt handlungswilligen OECD-Staaten sind die Schwellenländer schon in stark wachsendem Maße ebenfalls die Klimaschadensverursacher. Pro Kopf in aller Regel noch teils deutlich unter dem OECD-Schnitt, aber mit gewaltigen Sprüngen in Richtung unserer Maxi-Pro-Kopf-Emissionen.
    Und zusätzlich gibt es sehr bedenkliche Entwicklungen in einigen dieser Länder – wie z.B. Brasilien, Kolumbien, Indonesien, Malaysia – die man nur als Regenwaldmassaker zu bezeichnen sind und für diese Länder über den globalen Klimawandel hinaus zukünftig große Schadwirkungen für das regionale Klima bewirken werden.
    Wie sich so etwas auswirkt, kenn man ja nicht nur von den Osterinseln, sondern auch an diesem Beispiel:

    http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,801443,00.html

    Überhaupt ist das Problem der reginalen Klimaänderungen garnicht ausreichend im Fokus. Welche verheerenden Folgen menschengemachte regionale Aridisierungen haben, zeigen beispielweise Gebiete wie das Aralseegebiet, die zentralargentinische Region Cordoba, Teile Nordostchinas usw.
    Davon sind meist gerade dichtbesiedelte Schwellenländer betroffen.

  2. alles richtig, zum jetzigen Zeitpunkt vielleicht aber zu detailliert gedacht. Die Verhandlungen verlaufen nicht nach rein rationalen Überlegugnen, bes. das High-Level-Segment kann auch Überraschungen liefern, gute wie – natürliche – schlechte (siehe Kopenhagen).
    Finde den Begriff „Domino-Effekt“ der Kollegin vom WWF nicht schlecht.
    die „gutwilligen“ Industriestaaten sollten sich dieser Charming-Offensive von China in keinem Fall verschließen.

  3. Hallo Guido,
    dass ein Diplomat/Politiker natürlich anders darauf reagieren sollte, als ich, leuchtet mir schon ein. Auf Grund der verfahrenen Situation mit homöopathischen Fortschritten und gewaltigen Rückschritten (Ausstieg von Ländern aus dem Kyoto-Prozess, dessen Fortbestand ohnehin stark gefährdet ist) MUSS man als „Realpolitiker“ natürlich auch kleine Pseudo-Fortschritte zum Zwecke des Erreichens eventueller größerer Fortschritte lobend aufblasen und den Blockierern unter die Nase reiben.

    Aber meine persönliche Meinung über Chinas Eventualschritt ist: zu spät, zu wenig konkret, zu beladen mit Bedingungen, zu sehr getragen von der Absicht, Forderungen der Weltöffentlichkeit zuvorzukommen.

    • stimme Dir zu, dass der Schritt von CHI hätte eher kommen müssen, deutlich eher!
      Dann hätten aber auch die „anderen“ – EU und weitere ILs – früher erkennen lassen müssen, zu welchen Politiken sie wirklich bereit sind. das war in den vergangenen Monaten zu keiner Zeit zu verspüren. Insofern ist, zumindest aus europäischer Perspektive, das Gebaren der EU enttäuschend gewesen. Von den übrigen erst mal gar nicht zu reden.

  4. http://www.tagesschau.de/ausland/gletscher118.html

    Ergänzung: hervorzuheben ist, dass der Gletscher sogar im chilenischen Winterhalbjahr (bei uns Sommermonate) so stark zurückging.

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