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Klimawandelskeptiker im Windschatten der Sonne

Eigentlich wollen wir uns in diesem Blog nicht mit den Leugner/innen und Skeptiker/innen des wissenschaftlichen Konsenses über den vom Menschen verantworteten Klimawandel beschäftigen. Ohne also in eine inhaltliche Erwiderung einzusteigen – dafür gibt es bessere Akteure und Foren – möchte ich dennoch auf einen aktuellen Fall von Diskurspolitik seitens etablierter Medien eingehen. Der RWE-Manager Fritz Vahrenholt (zuvor war er u.a. bei Shell und Hamburger Umweltsenator für die SPD) hat mit seinem bei H&C erschienenen Buch „Die Kalte Sonne – Warum die Klimakatastrophe nicht stattfindet“ einen Coup gelandet, weil er die etablierte Behauptung der Klimawandelskeptiker/-leugner, die globale Erwärmung ist auf die Aktivität der Sonne zurück zu führen, sich zu eigen machte. Er hat zudem seine Kontakte spielen lassen und prominente (Springer-)Medien machen nun mit. Das Klimawandelleugner-Institut EIKE feiert das Buch natürlich genauso, wie die ultrakonservative und radikale „Achse des Guten“ (den Link erspar ich unseren Leser/innen). Auch WELT Online fühlte sich zu einem unschönen Kommentar verpflichtet und kritisierte zugleich den Umgang mit Vahrenholt:

Es ist „einiges geschehen. Oder besser gesagt: Es ist nicht geschehen. Es ist nämlich nicht wärmer geworden – die Welttemperatur stagniert seit nun weit über zehn Jahren, 2011 eingeschlossen. (…) Als die Universität Osnabrück erfuhr, Vahrenholt wolle bei einem verabredeten Vortrag über das Thema seines neuen Buches sprechen, wurde der kurzerhand abgesagt. Begründung: Es bedürfe der „Gegenrede“ eines Klimaforschers. Nur sei gerade keiner aufzutreiben.“

Ein Kommentar eines Klimawissenschaftlers in der richtigen (eigenen) Tonlage hatte man aber offensichtlich nicht gerade auftreiben können. Anders die PNN, hier durfte das von Vahrenholt auch angegriffene PIK kurz kontern: „Der mögliche Rückgang der Sonnenaktivität bis 2100 führe nur zu einem Absinken der durchschnittlichen globalen Temperaturen um 0,08 Grad Celsius“ (kursiv von mir). Der Klimalügendetektor ließ sich auch zu einem beißenden Kommentar hinreißen:

„Wenn bei Ihrem Kind eine Herzerkrankung diagnostiziert wurde und praktisch alle befragten Kardiologen dringend zu einer Operation raten – würden Sie da auf einen Zahnarzt hören, der von ganz anderen Ursachen der Erkrankung erzählt?“

Leider ist dieser Schund nun überall zu kaufen. Amazon schreibt: “ In großer Anschaulichkeit zeigen zwei Experten die weitreichenden Kon se quenzen für unser Klima auf. “ Die Anschaulichkeit der „Experten“ (klar, wer bei einem Energiekonzern Geld verdient hat automatisch Ahnung vom Klimawandel) bezieht sich vor allem auf ihre Distanz zur komplexeren Klimawissenschaft. Natürlich ist es in einer freien und offenen Gesellschaft, wie die bundesrepublikanische sie sein möchte, ein hohes Gut, dass (fast) alles publiziert werden kann. Darüber würde ich mich auch nicht aufregen. Aber die teilweise naive Art der Medien, dieses Buch zu rezipieren, ist für konsequenten Klimaschutz, eine Große Transformation unserer Gesellschaft und folglich der Rettung von Millionen Menschen vor einem ungebremsten Klimawandel, einfach nur hinderlich.

Und was bezweckt Vahrenholt mit seinem Buch wirklich? Ein Blick auf den Strommix (und die Investitionsstrategie) seines Arbeitgebers verrät mehr:

So meint Hermann Albers, der Präsident des Bundesverbands Windenergie, dass der RWE-Manager »versucht, den Prozess der Energiewende deutlich abzubremsen, um so Marktanteile für den Monopolisten RWE zu erhalten« (in: ZEIT ONLINE)

Dabei hat Vahenholt noch kürzlich mehr EEG-Gelder und eine schnellere Energiewende gefordert (hier). Dabei ging es aber um Offshore-Windkraft (RWE investiert hier) und nicht Solarenergie (die mag RWE garnicht).

Es scheint sich hier auch wieder der Graben innerhalb unserer Medienlandschaft aufzutun. Auf der einen Seite Springer/SPIEGEL, dem gegenüber weitestgehend der Rest. So ist es wenig verwunderlich, dass sich BILD wieder mit einer Schlagzeile blamiert: „Die CO2-Lüge. Renommiertes Forscher-Team behauptet: Die Klima-Katastrophe ist Panik-Mache der Politik“ – Genau, immer auf die blöde Politik. Ich kann dabei nur noch den Kopf schütteln. Der SPIEGEL hat heute einen langen Artikel dazu, welcher

Ich kann nur mit Dagmar Dehmer einstimmend rufen: „Willkommen im Abseits, Herr Vahrenholt.“

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Diskussion

  1. Die Literatur des Mainstream der Negierer des antropogenen Klimawandels füllt mittlerweile riesige Bücherregale. Interessant ist übrigens, dass die Negierer in vielen Fällen gleichzeitig die These vom abiotischen Öl vertreten, das unablässig aus den Tiefen der Erde nachsprudelt, und dass sie oft konservativen bis reaktionären Gesellschaftskonzeptionen hinterherlaufen.
    Letzten Endes enstpringen diese Einstellungen dem Unwillen, sich mit großen Herausforderungen auseinandersetzen zu wollen. Klimawandel, Peak anything, gesellschaftspolitische Fehlentwicklungen, Nichthaltbarkeit eines auf exponentiellem Wachstum basierendem Finanz- und Wirtschaftssystems, zunehmende soziale Spaltung – all das sind Herausforderungen, die den Kern unserer Lebensweise in Frage stellen und die Wohlfühlgesellschaft stören könnten. Da ist es bequemer, man leugnet einfach die kommenden Herausforderungen. Und da man ahnt, dass die eigene Argumentationsbasis sehr dünn ist, tut man dies oft in verbal recht agressiver Weise. Angriff ist die beste Verteidigung.

    Nun, der objektiven Realität ist das ziemlich egal. Weiter tauen immer größere Bereiche des Permafrostes im subarktischen Festlandsbereich auf (was überhaupt erst seit 20 Jahren in Gang gekommen ist), weiter schwindet tendeziell unter leichten Schwankungen das arktische Meereis, weiter beschleunigt sich der Nettoeisverlust und die Fließgeschwindigkeit der Gletscher auf Grönland und der Westantarktis, weiter machen sich Fischpopulationen auf eine Wanderung in Richtung Norden, weiter verwandeln sich Teile Ostafrikas, Zentralargentiniens oder Nordostchinas in Wüsten usw.
    Die von regionalen Klimaveränderungen teils existenziell betroffenen Menschen würden ihre Köpfe schütteln, wenn sie die Thesen der Klimawandelnegierer zur Kenntnis bekommen würden. Für die ist die Realität längst in ihrem Leben angekommen.

  2. Oh, ich habe bei „anthropogen“ das „h“ vergessen. Da wird Kevin wohl wieder mit mir schimpfen und mir diesbezügliche Hilfe der Böll-Stiftung anbieten.

  3. Ein kluger, hinterfragender Artikel der Süddeutschen Zeitung zum besprochenen Buch:

    http://www.sueddeutsche.de/wissen/klimawandel-welche-rolle-spielt-die-sonne-wirklich-1.1278293

    Es gibt ih doch noch, den Qualitätsjournalismus.
    Vereinzelt.

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