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So müssen wir 14 mal die Welt retten

Als „Point of no return“ wird ein Punkt ohne Wiederkehr bezeichnet. Bezeichnend also dieser Titel für die neueste Greenpeace-Studie. Darin identifiziert die Umweltorganisation 14 Mega-Projekte (Karte s.u.), deren Durchführung definitiv zu einem katastrophalen Klimawandel von bis zu 6 Grad Erwärmung führen würden. 14 Aufgaben für uns Klimabewegte!

Diese 14 Projekte würden bis zum Jahr 2050 zu 300 Mrd. Tonnen CO2-Äquivalenten führen. Allein 20% der CO2-Emissionen im Jahr 2020 würden von diesen Projekten kommen. Es handelt sich dabei um die Förderung von rund 50 Mrd. Tonnen Kohle, 30.000 Mrd. Kubikmeter Erdgas und 260 Mrd. Barrel Öl.

Derzeit befindet sich die Erde laut Weltbank-Schätzungen auf dem Weg hin zu 3,6 bis 4 Grad Erwärmung. Sollten diese 14 Projekte realisiert werden, wäre dein Pfad auf bis zu 6 Grad wahrscheinlich. Zugleich würde die statistische Chance, unter 2 Grad zu bleiben, auf den Promillebereich sinken. Derzeit geht die Wissenschaft davon aus, dass die globalen Emissionen bis zum Jahr 2015 ihren Höhepunkt erreicht haben müssen („peak“) um dann mit jährlich 5% sinken. Ohnehin ist das unrealistisch – mit den 14 Projekten wäre das ausgeschlossen. Der Kampf gegen diese Kimakiller ist daher ein Kampf um das Überleben des Planeten wie wir ihn kennen.

»A handful of governments and a small number of companies in the fossil fuel industry are pushing these projects, apparemtly without a care about the climate consequences.« (Original Greenpeace-Report)

 

Hier eine Übersicht über die von Greenpeace identifizierten Projekte und wie wir sie vielleicht stoppen können müssen.

Neue Kohlequellen in Chinas Nordwesten (1.400.000.000 t CO2 pro Jahr in in 2020)

Bis 2015 sollen in den fünf nord-westlichen Provinzen Chinas 620 Mio. t Kohle erschlossen werden. Die Industrialisierung einer der strukturschwächsten Regionen des Landes ist eines der großen Projekte der Kommunistischen Partei. Damit China aber nicht auf diesem fossilen Pfad weiter geht – allein dieses Projekt würde fast so viele Emissionen produzieren wie ganz Russland – muss etwas Ausserordentliches passieren. Es wird wohl ein Green Growth Boom in China nötig sein, gepaart mit politischen Problemen in der Region (ich bin kein Experte für die Konflikte und Politik Chinas!), dass es eine Verzögerung geben könnte. Die CCS-Technik (Carbon Capture and Storage) wird von vielen Expert*innen als Lösung gesehen, aber das würde ich vorsichtig bezweifeln. Erstens geht es um riesige Mengen CO2 die über Jahrzehnte gespeichert werden müssen. Zweiten geriert die Hoffnung auf CCS noch eher Kohle und die falsche, fossile Richtung wird weiter begangen. China braucht vielleicht einen von der KP oktroyierten Erneuerbaren-Boom. Alles andere wäre unser Verderben.

 

Kohlexporte aus Australien (720.000.000 t CO2)

Trotz der Zuwendung zum funktionsarmen Kyoto Protokoll setzt Australien derzeit voll auf Kohle. Bis 2025 werden so dreimal so mehr CO2-Emissionen exportiert als Australien selber emittiert – und das trotz den höchsten Pro-Kopf Emissionen aller großer Industriestaaten! Seit einigen Jahren regt sich Widerstand. Jedes Jahr besetzen Aktivist*innen den Hafen von Newcastle an der australischen Ostküste. Dort befindet sich der weltgrößte Kohlehafen der Welt. Er soll erweitert werden. Dass hat bereits jetzt Auswirkungen auf das berühmte Great Barrier Reef. Denn sehr viele Kohleschiffe durchkreuzen diese Gegend, rammen Riffe oder haben Havarien. Der Schiffsverkehr wird stark zunehmen, weshalb neben einer Stärkung des Widerstandes in Newcastle auch ein ernsthafter Schutz des weltbekanntesten Korallenbiotopes das Klima schützen würde. Zudem investiert die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) im australischen Bergbausektor. Auch die Grünen in Australien – entscheidend für die Mehrheit der aktuellen Regierung von Julia Gillard – müssen sich diesen nationalen Projekt entgegen stellen.

 

Ölquellen in der Arktis (520.000.000 t CO2)

Der Klimawandel – hervorgerufen durch die Nutzung fossiler Brennstoffe wie Öl – sorgt für eine katastrophale Eisschmelze in der Arktis. Wer schon mal Satellitenbilder von 1970 und 2010 gesehen hat, wird diese nicht vergessen – immer weniger Eis bedeckt unsere nördliche Erdkappe. Dies bringt die fossile Industrie nun aber dazu, auch dort nach Öl zu suchen und Staaten wie Kanada, Russland, die USA oder die skandinavischen Staaten streiten sich um „claims“. Doch auch wenn mensch es nicht glaubt, da oben gibt es ein hoch sensibles und ohnehin gefährdetes Ökosystem. Zudem ist es technisch nach wie vor sehr fraglich, wie die Ölexploration umgesetzt werden soll. Wenn wirklich bald acht Mio. Barrel Öl pro Tag dort gefördert werden sollen, wird es sehr wahrscheinlich bald „Arctic Deepwater Horizon“ geben. Nur, dass dort nicht wie im Golf von Mexico relativ schnell Hilfe für Natur und betroffene Menschen kommen kann und wird. Es bedarf eines UN-Moratoriums, welche Gegenden wie die Arktis vor Rohstoffsuchen und -förderungen prinzipiell schützt. Andernfalls müssen die auslaufenden Förderschiffe mit Hafenblockaden o.ä. gestoppt werden. Wie viele Rainbow Warriors braucht es wohl, um die Arktis zu schützen?

 

Kohleexporte aus Indonesien (460.000.000 t CO2)

Lokale Bevölkerungen, tropische Regenwälder – das alles wird demnächst noch weiter bedroht werden, wenn Indonesien seine Pläne für die Förderung von Kohle auf der Insel Kalimantan umsetzen wird. Es ist unwahrscheinlich, dass ein Projekt wie Yasuní-ITT hier (viel größer) noch einmal aufgezogen werden kann. Zu teuer wäre es, Indonesien für die ausbleibende Förderung finanziell zu belohnen. Es braucht wohl negative Druckmittel, z.B. über die Entwicklungszusammenarbeit, um Druck aufzubauen. Viel besser wäre aber eine gemeinsame Initiative zur Förderung Erneuerbarer im ländlichen Raum um den Menschen vor Ort wirklich zu helfen. Die Zivilgesellschaft muss vor Ort stark gegen die in- und ausländischen Bergbauriesen aktiv sein und es zu einer Sache nationalen Stolzes machen, dass Indonesien seine Naturschätze nicht so einfach zum Spottpreis auf dem Weltmarkt verramscht.

 

Kohleexporte aus den USA (420.000.000 t CO2)

Durch die Schiefergasförderung in den USA sinkt deren Bedarf nach Kohle. Das lässt nicht nur den Preis weltweit sinken, sondern führt auch dazu, dass die USA zum Kohleexporteur werden. Allein das wird in 2020 zu so viel Emissionen führen, wie 2010 von Industriegigant Brasilien ausgestoßen wurde. Der Export wird v.a. über die Häfen im Nordwesten abgewickelt. Dort liegt unsere Hoffnung! Die Bundesstaaten Kalifornien, Oregon und Washington sind traditionell demokratisch. Eine Hafenblockade hat vor zwei Jahren im kohlekritischen Portland zu einem massiven Streik geführt. Wenn die Umweltbewegung dort aktiv ist, können die Züge der Kohleindustrie gestoppt werden. Mittelfristig darf sich der Export aber wirtschaftlich nicht mehr lohnen, damit die USA aufhören. Das kann nur passieren, wenn für die Abnehmer (z.B. China) die Kosten der Kohleverbrennung zu hoch sind. Bis dahin brauchen wir den Generalstreik in den USA!

Foto: Hurricane Sandy Aftermath. Climate change is already supercharging our weather. People are suffering and dying now from climate change. The destruction is enormous. Governments have promised to keep climate change in check. Instead, they are ignoring the warnings of science and allowing these projects, pushing them even.
Könnte vielleicht in den USA zu einem radikalen Umdenken führen: Hurrikan Sandy samt Folgen

 

Ölsande in Kanada (420.000.000 t CO2)

Die Gewinnung von Öl aus Teersanden in Kanadas Provinz Alberta bedeutet nicht nur weiteren Druck auf ohnehin marginalisierte Gruppen wie die Cree oder Landschaften wie den „Great Bear Rainforest“, sondern auch CO2-Emissionen so hoch wie die Saudi-Arabiens. Bis 2035 soll die Anzahl der geförderten Barrels Öl sich sogar auf 4,5 Mio. verdreifachen im Vergleich zu heute. Allerdings ist Kanada auf den Export dieses Energieträgers angewiesen, damit es sich rechnet. Die dafür elementar wichtige Keystone XL Pipeline – quer durch die USA – zu den texanischen Ölexporthäfen steht in Washington und vor Ort derzeit noch in Frage. Auch wenn der letzte kritische Gouverneur jetzt anscheinend vor der Öl-Lobby eingeknickt ist – die Pipeline kann noch verhindert werden, wenn Bill McKibben und seine Umweltbewegung weiter Druck auf Obama machen. Zudem muss in der EU die sogenannte „Fuel Quality Directive“ mit harten Auflagen erlassen werden. Dann nämlich ist es möglich, das im Vergleich zu herkömmlichen Rohöl (noch) schmutzigere Teersandöl vom europäischen Markt zu verbannen – zum Leidwesen der kanadischen Ölindustrie.

 

Öl aus dem Irak (420.000.000 t CO2)

Die Internationale Energieagentur widmete ihren berühmten World Energy Outlook 2012 schwerpunktmäßig den Erdölschätzen des Iraks. Welch bessere Werbung für Investoren hätte es geben können? Frei nach dem Motte: „Seht her, es ist (fast) Frieden. Investiert jetzt schnell!“ Und genau da liegt vielleicht auch das Problem. Nachdem es einen Krieg ums Öl gab, wollen die Siegermächte nun auch ernten. Und da ich mir für die Menschen im Irak sehnlich wünsche, dass es in Zukunft wieder friedlicher wird, halte ich es für nahezu unmöglich, diese Exploration zu vermeiden. Der Irak braucht viel Geld für den Aufbau. Idealistisch gesehen wäre wohl ein Green New Deal für das Land mit einem Schwerpunkt auf PV der richtige Weg. Pragmatisch fällt mir aber auch hier keine Alternative ein, außer der Fingerzeig an diejenigen, die dort investieren: unsere westlichen Konzerne.

 

Ölförderung im Golf von Mexico (350.000.000 t CO2)

Trotz dem Deepwater Horizon Desaster sollen weitere riskante Tiefseequellen für Amerikas Ölhunger eröffnet werden. Da das Mitgefühl für die Opfer des globalen Klimawandels gerade in der Region noch größeres Ausbaupotenzial hat, braucht es eine auf die lokal Geschädigten zugeschnittene Kampagne. Eine Shrimpfischer-Rebellion könnte zumindest für Verzögerungen und höhere Umweltauflagen sorgen. Wenn dann noch ein texanisches Offshore-Wunder kommen würde, – Windenergie ist in diesem Bundesstaat gerade generell eine neue profitable Alternative für viele Cowboys – dann wäre dieser Schlamassel evtl. doch noch zu stoppen.

 

Ölförderung vor der brasilianischen Küste (330.000.000 t CO2)

Auch vor der Küste des grünen Riesens schlummern riesige Ölreserven in großen Tiefen. Präsidentin Dilma Rousseff freut sich bereits über hohe Staatseinnahmen. Doch die Folgen für Natur und Klima würden sich auch direkt auf Brasilien auswirken. Die beliebten Strände der Ostküste könnten verseucht werden, wenn Tanker verunglücken. Der ungebremste Klimawandel ist gerade für die Amazonasregion einer der Hauptgegner – neben dem „staatlich geförderten“ Kahlschlag durch die Holzindustrie. Die Umweltbewegung in Brasilien wurde zuletzt stark eingehegt bzw. kleingemacht. Hier wie dort muss weiter viel Arbeit gemacht werden, um auf Politik, Banken und Konzerne (u.a. Total und Statoil) Druck zu machen. Deutschland kann hier – wie auch in vielen anderen Fällen – durch seine „Hermes-Außenpolitik“ auch etwas bewirken.

 

Ölförderung in Kasachstan (290.000.000 t CO2)

Bis 2025 sollen 2,5 Mio. Barrel Öl pro Tag im weltweit zweitgrößten Ölfeld im Kaspischen Meer gefördert und nach Europa und China transportiert werden. Es wird schwer, hier gegen zu steuern. Denn eine verringerte Nachfrage auf der einen Seite wird den Preis für die andere senken und somit deren Nachfrage erhöhen. Es bleibt zu hoffen, dass sich lokale Widerstände gegen die Pipeline regen oder zumindest diese ins Visier nehmen. Das könnte den Ölexport etwas verlangsamen, bis gerade in China ein eigene Energiewende eingeläutet wird und/oder der Weltmarkt doch noch vernünftige Signale sendet.

 

Schiefergase in den USA (280.000.000 t CO2)

Gas generell als Brückentechnologie zu betrachten, macht in unserem deutschen Zusammenhang Sinn. In den USA wird Gas aber durch sog. „Fracking“ gefördert, was die Natur (v.a. das Grundwasser) belastet – obwohl es die Klimabilanz der USA verbesserte! Außerdem hat Schiefergas immer noch eine schlechtere Klimabilanz als unser russisches Erdgas und die verstärkte Nutzung von Gas in Amerika hat den Kohlepreis nach unten gedrückt – was den weltweiten Kohleboom noch verstärkte. Die Emissionen wurden also exportiert. Gegen das „fracken“ – demnächst vielleicht sogar in Deutschland – sollten wir mit lokalem Widerstand vorgehen. Auch hohe Umweltauflagen können besonders schädliches fracken unterbinden. Ökonomisch rechnet es sich auch weniger gut, als viele denken. Denn die Reserven sind ziemlich klein im Vergleich zu herkömmlichen Erdgasvorräten; werden aber dennoch von der Lobby als große Hoffnung dargestellt. Rechnen wird es sich m.E. dennoch, weil viele Staaten in Zukunft auf flexible Gaskraftwerke zum Ausgleich der fluktuierenden Erneuerbaren setzen erden.

 

Foto: Spirit Bear in Great Bear Rainforest. The fragile Great Bear Rainforest is at risk.
Steht Unternehmen wie Shell, Xstrata, Vale, Statoil, BP, KfW, Rio Tino usw. leider im Weg und muss zwecks Profitmaximierung weg: die Natur.

Erdgas aus Afrika (260.000.000 t CO2)

Es ist mir völlig unverständlich, wie Greenpeace hier – einzig – einen ganzen Kontinent anstatt von Staaten darstellt. Auf die über 50 afrikanischen Staaten aufgeteilt würde sich ein anderes Bild ergeben. Eines, in dem nicht „Erdgas aus Afrika“ als Problem gesehen wird (während sich bei Greenpeace übrigens in Europa kein solches „Problem“ befindet). Natürlich macht dies die Tatsache, dass in Afrika fossile Energien ebenfalls auf dem Vormarsch sind nicht besser. Doch das Problem in vielen afrikansichen Ländern ist, dass Öl, Kohle und Gas dort von v.a. westlichen Konzernen zum Wohle von Hauptstädten und Export gefördert werden. Hier müssen wir im Globalen Norden unsere Konzerne (z.B. die italienische ENI) an die kurze Leine nehmen und solidarisch mit denen sein, die in afrikanischen Gesellschaften für eine gerechtere Verteilung von Wohlstand und Produktionsmitteln kämpfen. Über die Ein- und Auswirkungen unseres Lebensstils auf die Menschen im Globalen Süden und ganz besonders in Afrika gehe ich jetzt hier nicht weiter ein.

 

Erdgas aus dem Kaspischen Meer (240.000.000 t CO2)

Einige Anrainerstaaten des Kaspischen Meeres, v.a. Kasachstan, Aserbaidschan und Turkmenistan, fördern dort Erdgas und wollen dies in Zukunft verstärkt tun. Auch der Iran ist an dieser Quelle dran und rechnet mit sprudelnden Einnahmen. Es wird eine große Herausforderung, in dieser traditionell vernachlässigten Region der Welt wirtschaftliche Alternativen anzubieten. Denn die politischen Systeme werden es schwer machen, durch Aktionen von Umweltorganisationen o.ä. einen Wandel herbei zu führen. Am Ende sind es aber Joint Ventures mit westlichen Firmen wie der norwegischen Statoil, welche die Förderung erst möglich machen. Hier bei uns muss der Druck auf die Konzerne so stark werden, dass diese nicht mehr fossile Energien z.B. im Kaspischen Meer fördern.

 

Ölsande in Venezuela (190.000.000 t CO2)

Am Orinoco lagert – wie in Kanada – schweres und schmutziges Teersandöl. Und so will die Regierung um Chávez ihren Pseudo-Sozialismus durch zusätzliche Naturzerstörung befördern. Wie im Falle Kanadas haben hier die möglichen Abnehmerstaaten durch ihre Umweltgesetzgebung indirekten Einfluss. Und dieser muss genutzt werden.

 

Zusammenfassend kann ich sagen: Es sieht nicht gut aus für unsere Welt. Wir brauchen einen Systemwechsel hier bei uns in puncto Lebensstil und Unternehmensführung, Weltmärkte die endlich die wahren Kosten für die Energiegewinnung zeigen, Staaten die sich trauen, einen „Green New Deal“ anzugehen und zudem global ganz viel aktive Zivilgesellschaft mit einer Prise grenzüberschreitendem Aktivismus.

Auf geht’s!

 

Bild: 14 schmutzige Projekte mit Anzeige CO2-Emissionen
Dreckiger geht es kaum… die 14 schlimmsten Klimasünden bis 2020.

 

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Diskussion

  1. Alle Achtung, ein toller Artikel!
    Genau so sieht es aus.
    Die meisten Menschen sehen die immer höheren recovery rates bei Öl sowie die immer stärkere Förderung von unkonventionellem Gas und Öl als Fortschritt. Weil sie hoffen, ihren konsumfokussierten Lebensstil zu ihren Lebzeiten nicht ändern zu müssen.

    Der heutige Fortschrittsbegriff ist geeignet, die Basis für eine kommende Zivilisationskrise zu legen.
    Und der heutige Freiheitsbegriff ebenfalls.

    So werden die hot spots des Klimawandels in immer stärkerem Maße von den Veränderungen betroffen sein.
    Siehe zum Beispiel Argentinien, wo ja jetzt normalerweise Regenzeit sein müsste, aber tatsächlich wie schon in den Vorjahren heiße Temperateren und Trockenheit in weiten Landesteilen herrschen, selbst im normalerweise im jetzigen Sommer normalerweise eher kühlen Süden.

    http://wetter.spiegel.de/spiegel/html/argentinien0.html

    Das zentralargentinische Weideland (sogenannte Pampa) verwandelt sich immer mehr in eine Wüste.

  2. Netter Überblick. In Psychology today wurde einmal eine Studie zitiert, wonach Optimisten durchschnittlich einen geringeren IQ aufweisen, als Pessimisten. Das abschließende „Auf gehts“ beruht wohl auf so einem intelektuell wenig ausgereiftem Optimismus. Für wen gilt denn dieses „Auf gehts“?

    Für die Shrimp-Fischer? Die Hermes-Politik der Bundesregierung? Die Grünen-Klientel? Da stelle ich mich wohl lieber gleich auf eine 3.4 Grad wärmere Welt ein, die wohl in den nächsten 20 Jahren noch erleben darf.

    Im Übrigen: Flächige Hochwasserereignisse in Australien, Indonesien, Mozambique, Südafrika, ungekannte Hitzewelle im Süden Australiens, Jahrhundertdürre im Sertao und ein großer Teil des amazonischen Regenwaldes, der zur Zeit abstirbt, weil er sich von den Dürren 2005 und 2010 nicht mehr erholen kann.

    Ach ja, September 2012 Rekordeisschmelze in der Arktis und Westantarktis. Die/der Kipp- Punkt(e) sind vermutlich bereits erreicht.

    Können Sie etwas mit dem Begriff globale sekundäre Primitivität anfangen? Darauf sollten sich die Überlebenden einstellen.

    • Sie können sicher sein, dass das Fünkchen Optimismus bei uns nicht von einem besonders geringen IQ (als sage der was aus…) her rührt. Wir bemühen uns, weder im Optimismus noch im Pessimismus zu sehr zu wälzen. Das machen andere bereits sehr gut. 😉

  3. Nachtrag und Fazit: Ja, wir benötigen einen Systemwechsel. Wenn Sie wüßten was ein System ist, wüssten Sie , dass sich dieser nicht nur auf Lebens- und Unternehmensführung beziehen kann. Entweder sie wechseln das gesellschaftliche System (Bürgerliche kapitalistische Gesellschaft) oder sie lügen sich etwas über den Green New Deal in die Tasche und glauben neben dem Weihnachtsmann auch an den gguten grünen Konsum….

  4. Guten Tag,

    vielen Dank für die Zusammenfassung.

    Um die gute Arbeit zu würdigen und die wichtige Information zu verbreiten habe ich sie auch auf KSN veröffentlicht.

    Mit freundlichen Grüßen

    Udo Schuldt

  5. Danke für das Lob und die weitere Verbreitung! 🙂

  6. http://www.deepgreenresistance.org/dew/

    Keine Zeit mehr verlieren, egal wie hoch der Preis ist!

  7. Alles richtig, Herr Schradt.
    Allerdings müsste man zunächst seinen eigenen materiell-energetischen Lebensstil so weit runterfahren, bis er – multipliziert mit 7 Milliarden – plantenkompatibel geworden ist.
    Also in die Nähe dessen, was man als Askese bezeichnen könnte.
    Diese Phase fehlt bei deepgreen.
    Und zu Ihrem Trost: sie fehlt auch noch bei mir, obwohl die Einsicht vorhanden ist.

    Aber ich gebe Ihnen recht: das, was man gemeinhin als so griffig als green new deal bezeichnet, wird nicht ausreichen. Weder klimapolitisch, noch längerfristig gesehen ressourcenbezogen.
    Man sieht: auch Grüne tun sich mit der Einsicht schwer, auf Gewohntes verzichten zu müssen.

  8. Vorletzter Beitrag, versprochen 🙂
    Askese ist ein gutes Stichwort.
    Gäbe es eine zivilgesellschaftliche Handlungsfähigkeit, dann würde ein Diskurs zu diesem Thema stattfinden:
    Was bedeutet eine postfossile Gesellschaft, die darüberhinaus nicht nur nachhaltig ist -ein ausschließlich ökonomischer Terminus- sondern auch eine Mitweltethik formuliert und zu einem Grundsatz erhebt. Also das Naturrecht der Aufklärung (Freiheit, Würde, Unantastbarkeit der Person….) auf alle Geschöpfe ausweitet. Dies würde auch die Lebensräume aller Lebewesen einschließen.

    Bleibt für den Mensch dann nur die Askese? Und was wäre dann gutes Leben?

  9. Was ist, wie die Quechua es nennen, summak kawsay, das angemessene Leben?
    Ich erzeuge neben meiner Lohnarbeit für drei weitere Personen auf 700qm Gemüse, Früchte, Wachtel- und Hühnereier, die etwas 80 bis 90% des Jahresbedarfes abdecken. Als Verfahren nutze ich die Permakultur. Seitdem ist der Artenreichtum in Flora und Fauna auf der Fläche größer geworden. Die Koexistenz der Lebewesen ist kein Problem.
    Könnte ich aber auch für den Markt erzeugen, wäre ich (diplomierter Gärtnermeister) konkurrenzfähig? Niemals, nicht im Ansatz… wir würden verarmen.

    Würde ich jetzt aber 2 Ar dazunehmen, den Baustoff Lehm und Holz für ein Haus und sonst nichts, wären wir dann arm? Nein, wir wären reich und wir wissen jetzt schon wovon wir sprechen: Die Qualität, die wir ernten, bekommen sie auch in keinem Bioladen, die Eier, die wir essen (alte Landrasse) dürften Ihnen auch geschmacklich völlig unbekannt sein.

    Und die Qualität der Zeit, die wir auf diesem Stück Erde bei der Arbeit oder bei Müßiggang erleben- all das ist in meinen Augen absoluter Reichtum und kein Stück Askese.

    Das Kollektive und Gesellschaften komplexer funktionieren, weiß ich. Aber genau zu diesem Thema müsste es eine breite, ja globale gesellschaftliche Diskussion geben.
    Stattdessen finden zunehmend mediale Diskurse zur Frage statt, ob es überhaupt einen anthropogenen Klimawandel gibt.

    Ich beschäftige mich als Lebensmittelproduzent im Gartenbau seit den 90igern mit Treibhauseffekt und Klimawandel, weil er mir jeden Tag in Form von Wetteranomalien, -extremen, zunehmendem Schädlingsdruck usw. auf der Arbeit begegnet.

    Die Berichte des IPCC verharmlosen bei Weitem die Realität. Vermutlich ist es bei der Trägheit des Systems Erde bereits zu spät. Dann kommt nicht nur Askese in ihrem Sinne auf uns zu, sondern -wie die Ethnologen es nennen- die sekundäre Primitivität, ein kollektives Trauma mit unendlich vielen leidvollen Erfahrungen.

    Hoffen wir also, dass genügend Menschen das appellatorische „Auf gehts“ von Herrn Koessler vernehmen und umsetzen. Viel Zeit bleibt nicht mehr.

  10. Kann ich alles unterschreiben, Herr Schradt.
    Aber während wir hier diskutieren sind 98% (Bauchschätzung) aller Menschen um uns herum völlig anders fokussiert.
    Und sehen maximal das Thema der Klimaveränderungen und übrigens auch der natürlichen Ressourcen (nicht minder wichtig) als eines unter zig anderen wichtigen Problemen.
    Wenn überhaupt!

    Reizüberflutung, falsche Fokussierung, Unwissen und Ignoranz – dass sind die Bausteine des höchst wahrscheinlichen Scheiterns.

    Oft versuche ich mit durchaus hochgebildeten Leuten über die Zukunftsfragen der Menschheit zu diskutieren. Und bekomme immer wieder die Antwort: „Die Technologie wird´s schon richten.“ oder „Wir können sowieso nichts tun in diesem kleinen Deutschland.“ Das sind jedenfalls die beiden häufigsten Antworten.
    Fortschrittsgläubigkeit (besser: Technologiegläubigkeit) oder Fatalismus – das sind oft die Tendenzen bei Menschen, die sich zumindestens schon mal mit diesen Themen oberflächlich beschäftigt haben. Die meisten ignorieren diese Themen dagegen vollkommen.

  11. Gestern lief auf ARTE die Doku „Gasrausch“ über den Shalegasboom in den USA und (ansatzweise) in Polen, wo sich die örtliche Bevölkerung in einigen Gegenden stark gegen den Einmarsch der Bulldozer wehrte. Nun wird ja Polen glücklicherweise von dem Shale-Gasboom weitgehend verschont bleiben nach der Reduzierung der Shalegas-Reserveangaben um ca 98%.
    Neben Bekanntem gab es auch einige neue Erkenntnisse:
    Der extrem feine Quarzsand sollte z.B. nicht eingeatmet werden, weil Lungenkrebs und andere Atemwegserkrankungen die Folge sein können.
    Toll war in dem Zusamenhang, wie die Angestellten in Pennsylvania an den Quarzsand-Umladestationen von der Bahn auf die LKWs ahnungslos zwischen den Fahnen aus Querzsandstaub umherliefen.
    Interessant auch das filmisch dokumentierte Abfackeln des zuerst geförderten Gases, weil es auf Grund der hohen Chemikalienbelastung nicht in die Pipelines eingespeist werden darf. Die Chemikalien werden also per Abfackelung in die freie Luft abgegeben.
    Und dann das durch einen ehemaligen Truck-Fahrer beschriebene Verkippen von Gift-Lauge in Flüsse. Der Mann steht mittlerweile auf der schwarzen Liste und bekommt in Pennsylvania keinen Truckfahrerjob mehr, auch in frackingunabhängigen Wirtschaftszweigen.
    Überhaupt ist interessant, dass sowohl in Polen als auch noch stärker in den USA sofort die Abgestellten auf die Filmleute zustürzten, wenn sie auch nur in Sichtweite der Anlagen auftauchten. Wer nichts zu verbergen hat, würde nie so paranoiahaft reagieren.
    Und ein Bewohner im ländlich geprägten Pennsylvania berichtete, dass sich der Verkehr auf den Straßen mindestens verfünffacht hat, seitdem in der Region gefrackt wird. Belegt wurde dies durch Filmaufnahmen, wo ständig Tanklastwagen und Scherlasttransporter vorbeisausten.
    Ist schon gewaltig, was an zusätzlichem Verkehr benötigt wird, um Infrastruktur aufzubauen sowie ständig die riesigen Mengen an Wasser, Sand und Chemikalien anzuliefern. Und beim Shaleoil auch noch das geförderte Öl abzutransportieren.

    Und dann natürlich noch die Beispiele des versauten Grundwassers: trübe, übelriechend und teilweise schäumend.
    Von 3 Farmern wurden Wasserproben an ein Labor der Gasfirmen und ein unabhängiges Labor einer Universität geschickt.
    Ergebnis des Labors der Gasfirma: Wasser unbedenklich.
    Ergebnis des Uni-Labors: eine Liste mit mindestens 30 verschiedenen Schadstoffen, darunter 5 verschiedene Radium-Verbindungen und eine Arsenmenge, die den Grenzwert um das 3-fache überstieg.
    Wohlgemerkt: nicht direkt in der aus dem Bohloch wieder hochkommenden Lauge (dort werden die Konzentrationen weitaus höher sein) sondern im Grundwasser, das für die Wasserversorgung der Haushalte früher verwendet wurde.
    Alle hatten natürlich von den Gasfirmen Wassertanks hingestellt bekommen, die regelmäßig per Tanklastwagen aufgefüllt werden. Allerdings erfolgt die Wasseranlieferung nicht kostenlos.
    Aber wie besagte gleich der Laborbericht der Gasfirma: Grundwasser nicht belastet.
    Und zum Schluss noch die Information eines Insiders, dass damit zu rechnen ist, dass über einen Zeitraum von 50 Jahren noch Giftlaugenaustritte zu erwarten sind.
    Wobei offensichtlich nicht einmal der eingespeiste Chemikalienmix das Hauptproblem ist, sondern die durch die hohen Drücke ausgewaschenen Mengen an giftigen Schwermetallen.

    Die Mafia ist dagegen eine Sektion der Heilsarmee.

  12. Eine sehr schöne Zusammenfassung, die alles enthält was man wissen muss. Außerdem beschreibt es sehr schön die Wahrheiten unserer Erde und der Klimaveränderung.
    Es ist schon erschreckend, dass das ganze erst spät entdeckt wurde.

  13. Vielen Dank für den Hinweis!

  14. Wer sich detaillierter mit dem Fracking beschäftigen will, hier ein guter Artikel dazu von einem Geologen:

    http://www.peak-oil.com/2013/02/der-tight-oil-boom-in-den-usa-ein-genauerer-blick

    Und hier noch ein interessanter Artikel der NY Times, basierend auf internen Informationen der Fracking-Industrie:

    http://www.nytimes.com/2011/06/26/us/26gas.html?_r=3&hp&

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