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Carbon Metrics – Global abstractions and ecological epistemicide

Einen Essay, den ich gemeinsam mit dem Schweizer Historiker Daniel Speich Chassé und meiner lieben ehemaligen Kollegin aus Brasilien, Camila Moreno, geschrieben habe, und der mir vor dem Klimagipfel in Paris besonders am Herzen liegt, möchte ich hier kurz mit dem Vorwort vorstellen, das uns Wolfgang Sachs geschrieben hat. Wolfgang findet auch für die schwierigen, großen Fragen der Welt stets die passenden Worte und Bilder. Dafür bin ich sehr dankbar!

Der Essay selber, „Carbon Metrics – Global abstractions and ecological epistemicide„, ist auf Englisch erschienen.

Vorwort von Wolfgang Sachs:

Diese Schrift ist ein Warnruf. Aber wovor? Dass der vorherrschende Diskurs zur Eindämmung der Klimakatastrophe uns in die Irre leitet. Dass manche Lösungen das Verhängnis noch verschlimmern könnten. Dass der Denkstil, den man uns zur Bewältigung vorschlägt, die Welt unwirtlicher machen könnte. Um es mit einem klimatischen Vergleich zu sagen: Uns droht, vom Regen in die Traufe zu geraten.

Gewöhnlich werden Klimaverhandlungen wegen Problemverschleppung und Problemverwirrung an den Pranger gestellt. Jedoch es ist auch höchste Zeit, nach ihren unbeabsichtigten Wirkungen auf unser Denken zu fragen. So interessieren sich die AutorInnen dieses Essays kaum für eine Kritik der ersten Ordnung, die schon von zahlreichen Kommentaren und KonferenzbeobachterInnen zur Genüge vorgebracht werden. Vielmehr geht es ihnen um eine Kritik der zweiten Ordnung, denn sie fragen: Was machen die Strategien zur Bewältigung des Klimawandels mit uns, mit unserem Verhältnis zur Natur und zur Gesellschaft? Strategien sind mehr oder weniger effektiv, aber welche Konsequenzen haben sie für unsere Weltsicht und unser Selbstverständnis? Diese Fragerichtung ist reflexiv, sie fragt nach der Welterzeugung bestimmter Reformen, die wir unternehmen. Und dies geschieht viel zu selten in der Umweltpolitik, die ja längst globale Innenpolitik geworden ist.

Weltweit wird an der Klimapolitik herumgedoktort. Spätestens auf dem „Erdgipfel“ von Rio de Janeiro 1992 wurde der Königsweg annonciert: Klimapolitik heißt, CO2-Emissionen zu reduzieren, also an der Output-Seite anzusetzen. Dementsprechend wurden in der Folgezeit Autos wie Haushaltsgeräte, Kraftwerke und Industrien effizienter gemacht. Dabei hätten es schon damals andere Wege gegeben. Zum Beispiel hätte man an der Input-Seite ansetzen und Schürf- wie Förderrechte von fossilen Brennstoffen limitieren oder Bergbau- und Ölunternehmen regulieren können. Eine Geschichte der Umweltpolitik als Geschichte vergessener Alternativen ist noch nicht geschrieben. Und da hätte auch ein zweiter Irrweg der globalen Klimapolitik einen prominenten Platz verdient: die Verrechenbarkeit der Emissionen, die aus der Verbrennung von fossilen Rohstoffen stammen, mit den Emissionen, die aus Land, Pflanzen und Tieren, also biologischen Prozessen stammen. Erst durch diese Verrechenbarkeit werden Reisfelder wie Kühe als Emissionsquellen und Tropenwälder wie Moore als Emissionssenken wahrgenommen – Rechnungseinheit: CO2 -Äquivalente. Das waren Entscheidungen, die als Wissenschaft getarnt daherkamen, aber enorme politische Konsequenzen haben. Und ein dritter Fehlgang: der Handel mit Emissionszertifikaten. „Flexibisierung“ war das Stichwort im Kyoto-Protokoll 1997, mit dem sich die Industriestaaten bis heute teilweise von den absoluten Reduktionspflichten innerhalb ihre Grenzen davonstehlen, indem sie außerhalb ihrer Grenzen für eine relative Senkung von Emissionen sorgen. Damit war der globale Klimaschutz nicht nur verwässert worden sondern endgültig in der Komplexitätsfalle gelandet. Und zugleich wurde der Weg bereitet für die schleichende Umdeutung der Wirklichkeit: das carbon-zentrierte Weltbild.

Vor diesem Hintergrund machen uns die AutorInnen auf einen Schlüsselbegriff aufmerksam, der von der Naturwissenschaft zur Politik- wie Alltagssprache eingewandert ist. Vor ein paar Jahren hätte „carbon“ noch erklärt werden müssen, heute ist der Begriff in aller Munde. Keine Klimaverhandlungen ohne „carbon accounting“, kein Öko-Konsum ohne „carbon footprint“, keine Klimabelastung ohne „carbon off-setting“. Dieses Jahr hat die „Dekarbonisierung“ sogar die Weihen des G7-Gipfels auf Schloß Elmau in Deutschland erhalten. Zweifelsohne handeln die Akteure klimabewusst, aber sie legen sich üblicherweise nicht Rechenschaft darüber ab, was es heißt, wenn aus öko-radikalen Reformvorschlägen plötzlich weltpolitische Entwürfe werden. Tastend gibt der hier vorliegende Text darauf einen Antwort. Was bedeutet es, dass „carbon“ zur Rechnungseinheit der Gesellschaft wird? Was heißt das für die Bewältigung der Naturkrise? Fördert oder hindert das einen Politik- und Mentalitätswandel?

Skepsis ist angebracht, und das nicht unbegründet. Denn moderne Gesellschaften haben so ihre Erfahrungen mit Zahlen gemacht. Exemplarisch ist das GDP: Die Berechnung der Wirtschaftsleistung im Bruttoinlandsprodukt war zur Zeit des Zweiten Weltkriegs sicherlich eine Innovation, doch in den folgenden Jahrzehnten wurde daraus eine statistische Gewohnheit mit Trophäencharakter und schließlich eine Frustration, aus dem es fast kein Entrinnen gibt. Das BIP spielt sich als „Alleinherrscher“ auf, es taucht die Geldwirtschaft ins grelle Licht und verdunkelt die nicht-ökonomischen Werte. So ist das BIP der Inbegriff für die monströse Schieflage unseres Wirtschaftssystems. Droht eine ähnliche Verlaufslinie – von der Innovation über die Gewohnheit zur Frustration – , wenn man „carbon“ zum negativen Wohlstandsmaß für alle Gesellschaften macht?

Quantifizierung erleuchtet, doch zugleich verblendet sie. Wie das Fernlicht beim Auto: Im Lichtkegel sieht man die Straße gestochen scharf, daneben aber tritt die schwarzer Nacht umso stärker hervor. Die Welt in Kohlenstoffeinheiten zu sehen, hat einen ähnlichen Scheinwerfereffekt. Wenn man dazu übergeht, alle Nationen und die Wirtschaftstätigkeiten in Kohleneinheiten zu berechnen und zu vergleichen, wird man blind für andere Erfordernisse in Ökologie und Gesellschaft. Geblendet von Zahlen, sieht man nicht die Vielfalt der Natur, der Kultur und der Lebensstile – eben „epistemicide“. Mehr noch: Wenn die Kohleneinheiten zu Paketen verpackt und auf sogenannten Kohlenstoff-Märkten verkauft werden, kommen Normen wie Respekt vor der Natur, soziale Kooperation und individuelles Ehrgefühl unter die Räder.

Die AutorInnen laden die Leserinnen und Leser ein, einen gut gemeinten Trend in der Klimapolitik gegen den Strich zu bürsten. Dafür demontieren sie die berühmte Formel, wonach man nur managen kann, was in Zahlen aufbereitet ist. Die herkömmliche Wirtschaftswissenschaft folgt diesem Ideal – unter der zusätzlichen Annahme, dass was nicht zählbar ist, nicht existiert. Es besteht die Gefahr, dass „carbon accounting“ eine weitere Runde der Geschichte der Quantifizierung ist. Und das führt uns eher tiefer in das „eherne Gefängnis“ (Max Weber) der Moderne.

Wolfgang Sachs

Berlin, November 2015

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