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Fourth Industrial Revolution & Inclusive Bioeconomy – wie beim WEF 2018 in Davos die Ausbeutung von Mensch und Natur auf eine neue Stufe gehoben wird

Harnessing the Fourth Industrial Revolution for Life on Land – Towards an Inclusive Bioeconomy“ ist der Titel eines Reports, der vor drei Tagen beim Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos vorgestellt wurde. Er ist Teil der „Fourth Industrial Revolution for the Earth“ Publikationsreihe, die wiederum Teil der „Shaping the Future of Environment and Natural Resource SecurityInitiave des WEF ist:

„The 4th Industrial Revolution (4IR) holds great potential for improving management and governance of the global environment and delivering the systems change required to create clean, resource-secure and inclusive economies. With support from the MAVA Foundation, PwC and Stanford University, this project seeks to harness that potential by mapping 4IR solutions against the most pressing environmental challenges, identifying and addressing related governance issues, and identifying and mobilising the critical ingredients that will enable 4IR solutions to scale.“

Die Argumentation geht wie folgt:

  1. Unsere bisheriges Wirtschaftsmodell führt zur Ausbeutung des Planeten und zum Raubbau an der Natur. Ökosysteme werden massenhaft zerstört, planetarische Grenzen überschritten.
  2. Zur gleichen Zeit erleben wir eine rasante Beschleunigung technologischen Fortschritts sowie eine Konvergenz verschiedener Zukunftstechnologien, allen voran bei der Entschlüsselung von DNA und der Synthetischen Biologie, im Bereich Künstliche Intelligenz, Robotics und vor allem auch bei der Rechenleistung von Computern.
  3. Die Idee der ökonomischen Inwertsetzung von „Ökosystemdienstleistungen“, um so politische Entscheidungen in Richtung Erhalt von „Naturkapital“ zu lenken und Zerstörung von Natur zu verhindern, hat weitestgehend versagt. Es braucht also einen neuen Ansatz…

„Could genome sequencing be harnessed to unlock nature’s biological inheritance, honed by evolution over millenia?“

4. Zwar haben wir bisher nur einen ganz geringen Anteil der DNA von Leben auf diesem Planeten entschlüsselt, aber dennoch stellt dieser Bereich bereits ein millionenschweres Businessmodell dar. Das gilt es auszubauen. Das neue Modell heißt „Inclusive Bio-Economy„. Klingt doch nett, oder?

„Thus far in all of human history, the ability to understand and harness the full range of nature’s bio-chemicals, mirror nature’s bio-materials and imitate nature’s biological functions and processes has remained relatively limited. It is only in the last decade or so, with the rise of the Fourth Industrial Revolution, that science and technological innovations have emerged that enable unlocking nature’s value.“

Bei dieser neuen „Inclusive Bio-Economy“ geht es also um zwei Ansätze:

a) Nachbau der Grundstoffe der Natur mit Mitteln der Synthetischen Biologie.

„For instance, one recent breakthrough is the “automated synthesis machine”, which combines computational chemistry, robotics and artificial intelligence to rapidly create and analyse new biological assets.“

b) Replikation von natürlichen Prozessen und Funktionen, z.B. im Sinne des Geoengineering, also der künstlichen Manipulation des globalen Klimasystems. [Ja, Geoengineering zählt laut WEF-Report nun offiziell zu den Fourth Industrial Revolution technology clusters – neben 3D-Druckerns, Künstlicher Intelligenz, Biotechnologien, Dronen, Blockchain, Internet der Dinge und vielen anderen.]

So also begründen sie die Notwendigkeit und die Vorteiler einer Anwendung der Fourth Industrial Revolution für ein neues Miteinander zwischen Mensch und Natur. Aber worum geht es eigentlich? Das wird klar, wenn man sich die beiden wichtigsten konkreten Initiativen anschaut, die in diesem Kontext in Davos gelauncht wurden:

I. The Earth BioGenome Project

The Earth BioGenome Project:

A GRAND CHALLENGE –  The Earth BioGenome Project, a Moon Shot for biology, aims to sequence, catalog and characterize the genomes of all of Earth’s eukaryotic biodiversity over a period of ten years.

A GRAND VISION –  The Earth BioGenome Project will create a new foundation for biology, informing a broad range of major issues facing humanity, such as the impact of climate change on biodiversity, the conservation of endangered species and ecosystems, and the preservation and enhancement of ecosystem services.

Losgehen soll es mit dem Amazonas. Danach geht’s ins Kongobecken und dann vielleicht zum Great Barrier Reef.

Das Earth BioGenome Project bezieht sich dabei ganz explizit auf das sehr umstrittene Human Genome Project (siehe auch (Human Genome Project – write) und ist nun auf der Suche nach $ 4 Milliarden.

Die Möglichkeit der rasanten Entschlüsselung von Gensequenzen und der Speicherung in riesigen Datenbanken ist aktuell übrigens ein sehr großes Thema und ein großer Zankapfel zwischen Industrie- und Entwicklungsländern im Rahmen der Biodiversitätskonvention der Vereinten Nationen (CBD) und da vor allem in Bezug auf das Nagoya-Protokoll, das den Vorteilsausgleich bei der Nutzung von genetischen Ressourcen regeln soll. Die bisherigen Regeln dort greifen nämlich nicht mehr, wenn das Genmaterial nicht physische von einem Land ins andere gelangt, sonder per Email verschickt wird. (Mehr zu dieser Frage hier.)

Den Machern hinter dem Earth BioGenome Project ist das als Thema und Problem (Stichwort: Bio-Piraterie) durchaus bewusst. Sie stellen aber dreist fest:

„At the heart of the bio-piracy agenda lies the juxtaposition of dramatically different value systems, cultural contexts, world views of trade, intellectual property and the rights of indigenous knowledge. Indigenous peoples with custodial rights over land, plants or animals and the knowledge related to them do not hold those rights in the same manner as a patent or intellectual property asset. Rather, traditional knowledge is tacit and implicit, something that is socialized across communities and through generations.“

Klar, ist doch praktisch: Natürlich sind die Rechte und Traditionen indigener Völker nicht genauso viel wert wie die Patente und die geistigen Eigentumsrechte von Unternehmen. Wo kämen wir denn dahin?

Und daher ist die Lösung für dieses Problem eben auch ganz klar:

„The answer lies in creating a “bank” of codes, tasked with housing this wealth of knowledge and ensuring the fair and equitable sharing of the benefits arising from bio-inspired innovations.“

II. The Earth Bank of Codes

Und damit wären wir beim Schlüsselprojekt Nummer zwei: Die Earth Bank of Codes.

So soll es ablaufen:

Schritt 1: Mapping Life in the Amazon

Schritt 2: Registering the IP Assets on the Blockchain

Schritt 3: Codifying the Rights and the Obligations

Schritt 4: Creating a Wikipedia of Life

Auch hier liegt also der Fokus erstmal auf dem Amazonas-Gebiet:

„The goal of the Amazon Bank of Codes (ABC) is to make the current and future value of the Amazonian biological, biomimetic and traditional knowledge assets visible. By creating higher economic incentives in local communities to protect the Amazon’s biodiversity its forests would be conserved and rivers kept flowing. […] The product will be the Amazon Bank of Codes which will provide an open, global public good and digital platform that registers and maps the genetic sequences of Amazonian biodiversity. By registering biological and biomimetic IP assets on block-chain, this code bank will record the provenance, rights and obligations associated with nature’s assets to track their provenance and use. When value is created from accessing these assets, smart contracts would facilitate the fair sharing of benefits to the custodians of nature and for its protection.

Übersetzt heißt das in etwa: Aktuell zerstören die Indigenen Völker des Amazonas die Natur, weil sie ihren Wert nicht erkennen. Nun soll die komplette genetische Information aller Tier- und Pflanzenarten (ob die dort lebenden Menschen auch dazugehören, wird hier nicht ganz klar) erst entschlüsselt, dann per Blockchain-Technologie registriert werden. Im Falle von Nutzung dieser genetischen Informationen für kommerzielle Zwecke soll dann über Smart Contracts sichergestellt werden, dass diejenigen, denen es zusteht, auch finanziell belohnt werden.

Und ach ja, der WEF-Report beschreibt auch noch, wie die Regulierungen für diese neuen Vorhaben, Initiativen und Instrumente entwickelt werden sollen: Eine Koalition von Akteuren aus Politik, Wissenschaft und Privatsektor sollen im Sinne eines „regulatory sandbox“-Ansatzes vorgehen:

„A regulatory sandbox is a framework originally set up by financial-sector regulators to allow small-scale, time-bound, live testing of innovations in a controlled environment under the purview of the regulator, while allowing room for trial and innovation.“

Man könnte es auch so sagen: Die „Regulierung“ findet unter Mitarbeit der Industrie statt, die reguliert werden soll (man kann das auch geplanten Lobbyismus nennen!) und ermöglicht dabei den Unternehmen parallel schon mal, weitere Innovationen zu testen. Dreister geht nicht.

In Davos beim WEF 2018 wurde die Partnerschaft zwischen dem Earth BioGenome Project und der Earth Bank of Codes gelauncht.Das Ganze klingt schlimmer als der schönste Science Fiction Thriller, ist aber leider Realität – undzwar eine Realität, die den Raubbau an der Natur und die Ausbeutung von genau den Menschen, die unsere letzten intakten Ökosysteme schützen und bewahren, noch einmal auf eine neue Stufe hebt. Es ist nicht nur eine bedrohliche Konvergenz von Technologien und kommerziellen Interessen, die wir hier erleben, sondern auch eine Konvergenz von Macht, Ingnoranz und Überheblichkeit, die verheerende Auswirkungen für Leben und Zusammenleben auf diesem Planeten haben kann. Es gilt, sich geschlossen und gemeinsam dagegen zu wehren: Hands Off Mother Earth!

Mehr kritische Informationen zum Thema Synthetische Biologie finden sich hier:

Synbiowatch

Webdossier Synthetische Biologie

Mehr kritische Informationen zum Thema Geoengineering finden sich hier:

GeoengineeringMonitor

Webdossier Geoengineering

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