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Geoengineering (SRM) und Klimagerechtigkeit

Duncan McLaren, Forscher am Lancaster Environment Centre der Lancaster University, hat einen wunderbaren Artikel zur Frage von Klimagerechtigkeit und Geoengineering geschrieben: Whose climate and whose ethics? Conceptions of justice in solar geoengineering modelling.

Dabei bezieht er sich vor allem auf Solar Radiation Management (SRM).

Was ist Geoengineering? Seit etwa einem Jahrzehnt lobbyiert eine kleine, aber wachsende Gruppe von Regierungen und Wissenschaftler/-innen – vor allem aus den mächtigsten Ländern der Welt, die das Klima am stärksten belasten – für die politische Akzeptanz von Geoengineering. Diese Technologien, die das Klima im großen Maßstab manipulieren sollen, sind grundsätzlich hochriskant, und ihre negativen Auswirkungen wären mit großer Wahrscheinlichkeit stark ungleich verteilt. Aus diesem Grund ist Geoengineering bis vor wenigen Jahren häufig als „Plan B“ präsentiert worden, um der Klimakrise zu begegnen. Der Diskurs hat sich jedoch seit dem Pariser Abkommen mit dem ambitionierten Ziel, den  Temperaturanstieg auf deutlich unter 2 Grad, möglicherweise sogar 1,5 Grad zu begrenzen, verändert. Heute wird Geoengineering zunehmend als „unerlässliches“ Mittel betrachtet, um dieses Ziel zu erreichen, und zwar durch eine Kombination riskanter Technologien, die CO2 aus der Atmosphäre entfernen sollen, um sogenannte „negative Emissionen“ zu erzeugen (-> Carbon Dioxide Removal, CDR), oder solche, die die Kontrolle über das globale Thermostat übernehmen sollen, um die Temperatur des Klimas direkt zu senken (-> Solar Radiation Management, SRM). Mehr: Irrweg Geoengineering. Ein zivilgesellschaftliches Briefing

Das übergreifende Argument von Duncan McLaren geht in etwa so:

Wissenschaftliche Studien und Diskurse zum Thema Solar Radiation Management (SRM), die sich ja weitgehend nur auf Computermodelle beziehen, sind viel zu optimistisch, was die möglichen positiven Effekte auf die vom Klimawandel Verwundbarsten Länder oder Bevölkerungsgruppen angeht, da sie sich an unzulänglichen bzw. fehlgeleiteten Annahmen, Parametern und Konzepten von Gerechtigkeit orientieren.

Verminderung von Klimarisiken ist eben nur eine mögliche Dimension von Klimagerechtigkeit, lässt aber ganz andere Dimensionen außen vor, so z.B. die Frage von Verfahrensgerechtigkeit:

Procedural justice focuses on the involvement of people in decisions that affect them. Just as public engagement in the development and design of new technology is critical because technologies can reshape moral landscapes and help lock-in particular social practices, so is public engagement in the design of models.“ […] Climate change is not simply a justice issue because its effects are spatially and temporally uneven, as often presumed in the climate geoengineering modelling literature, it is also a justice issue because vulnerability to those effects is also uneven, and tightly inter-linked with existing economic, political and cultural injustices and power imbalances, in which the victims are often poorly recognized, their rights not respected and compensation resisted. Moreover, responses to climate change are also tightly interwoven with energy systems and their justice implications. Geoengineering may imply significant energy demands, impact differentially on different energy sources, or promise to reduce climate risk while allowing continued exploitation of fossil fuels. It cannot be assumed simply that a reduction in overall climate risks will necessarily enhance justice. It is important to ask who will lose or gain, where, when, and in what respects.“ […] Rather than supporting building capabilities and thus social resilience, the climate modelling approaches and practices instead effectively prioritize the ‘removal of a hazard’ (the physical climate outcome). This represents a hierarchical model of control that is at worst a form of domination and at best, elitist paternalism. It treats those affected by climate change as powerless victims, not as potentially capable actors able to participate in determining the conditions of their lives – including participating in climate politics. This territory is implicitly reserved for the scientific and political elites – notably in the countries which dominate climate geoengineering research: the US, UK, Germany and to a lesser degree, China.“

[Eine andere Form von Klimagerechtigkeit ginge übrigens so: „restrictions and financial burdens imposed on carbon-intensive corporations and nations by accelerated mitigation and adaptation financing can be understood as a concrete representation of climate justice. Corrective or restorative justice also ensures that a focus on the victims of climate change does not cause us to ignore the perpetrators: which seems critical as addressing the problem demands changes in the behaviours of wealthy consumers and investors, particularly with respect to energy.“ Duncan McLaren]

Ein solcher Diskurs trägt dazu bei, die Interessen der herrschenden Eliten an energie- und CO2-intensiven wirtschaftlichen Strukturen zu zementieren. Dieser Bias stellt zudem einen eigenen „moral hazard“ im politischen Diskurs dar. Gerade angesichts der Tatsache, dass Klimaskeptiker sehr gerne Klimawissenschaft angreifen und es daher schwierig ist, problematische klimaökonomische Studien konstruktiv zu kritisieren, tragen die Wissenschaftler/innen, die mit diesen Modellen arbeiten, eine besondere Verantwortung dafür, ihre Annahmen transparent zu machen und die möglichen politischen Folgen ihrer wissenschaftlichen Beiträge mitzudenken.

Um zu verstehen, warum diese Kritik so wichtig ist, muss man auch die Argumente (und die Diskursmacht!) derjenigen kennen, die er auseinandernimmt und angreift. Ein schönes Beispiel dafür, auf welche Diskurse der Geoengineering-Forscher er sich dabei kritisch bezieht, ist dieses: David Keith und Joshua Horton haben bereits 2016 versucht zu belegen, warum es eine moralische Verpflichtung gegenüber den Ärmsten der Welt sei, Forschung zu solarem Geoengineering zu betreiben (siehe Solar Geoengineerung and Obligations to the Global Poor). Hier eine kleine Geschmacksprobe:

David Keith steht übrigens hinter dem umstrittenen geplanten SCoPEx-Experiment und hat vor Kurzem auch gemeinsam mit Joshua Horton und Andy Parker in einem Artikel (Stopping Solar Geoengineering Through Technical Means: A Preliminary Assessment of Counter-Geoengineering) dargestellt, wie eine Art globales Wettrüsten mit Geoengineering-Technologien dazu führen könnte, Frieden und Sicherheit zu garantieren (!?) – welcome to the new Cool War!

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