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Synthetische Biologie, digitale Gensequenzen und Gene Drives – wo steht die Debatte? Eine kurze Analyse zum Auftakt der Zwischenverhandlungen der CBD diese Woche in Montreal

Heute beginnen hier in Montreal die Zwischenverhandlungen der UN Biodiversitätskonvention (CBD), um den Gipfel im November vorzubereiten, der dieses Jahr in Ägypten stattfinden wird. Bei diesem Treffen (SBSTTA 22) geht es u.a. um das Thema Synthetische Biologie – seit Jahren ein umstrittenes und heiß umkämpftes Feld.

Synthetische Biologie & Biodiversitätskonvention (CBD): was wurde bei der COP 13 in Cancun entschieden? Die synthetische Biologie war bei der COP 13 2016 eines der umstrittensten Verhandlungsthemen, da sie droht, alle drei Ziele der Konvention zu unterminieren. Hier findet sich eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse der Verhandlungen in Cancun.

Hier ein kurzer Überblick über die Unterthemen, um die diese Woche gerungen wird:

  • Regulierung von Gene Drives: Zivilgesellschaft fordert ein Moratorium!

Gene Drives sind Teil der synthetischen Biologie und funktionieren mit den neuen sog Gene Editing Methoden, u.a. CRISPR-Cas9. Die Gene Drive Technologie schaltet die normalen Regeln genetischer Vererbung aus und sorgt dafür, dass ein bestimmtes Merkmal, das von Menschen mittels Gene-Editing-Technologie in die DNA eines Organismus eingeführt wurde, sich auf alle kommenden Generationen verbreitet und so die Zukunft der gesamten Spezies verändert. Gene Drives sind damit potentiell sehr machtvolle Instrumente und könnten auch als Biowaffen eingesetzt werden. Die öffentliche Debatte fokussiert sich dabei aktuell auf Vorschläge, Gene Drives zur Bekämpfung von Malaria oder invasiven Arten einzusetzen. Wenn man sich allerdings Forschungsfinanzierung und Patente anschaut, wird schnell klar: die tatsächlichen Treiber hinter dieser Technologie sind andere. Interesse haben hier vor allem große Agrarkonzerne und das (US-amerikanische) Militär. Hier geht es zu einem aktuellen Briefing zu Gene Drives.

Während die Zivilgesellschaft ein Moratorium für Gene Drives fordert, stecken andere viel Geld in die Forschung und Entwicklung – sowie in die Verhinderung von wirkungsvoller Regulierung. Und da lohnt es sich genauer hinzuschauen:

Die Gene Drive Files – Im Dezember 2017 wurde bekannt: Die Bill and Melinda Gates Foundation hat eine PR Firma damit beauftragt, heimlich einen wichtigen UN Prozess zum Thema Synthetische Biologie zu unterwandern. Mehr als 1200 Emails – Dokumente, die über das Informationsfreiheitsgesetz in den USA (Freedom of Information requests) offengelegt wurden, die sogenannten Gene Drive Filesbelegen, dass die Bill and Melinda Gates Foundation eine private Agrar- und Biotech-PR-Firma bezahlt hat, um eine undercover „advocacy coalition“ zu leiten, die zum Ziel hatte, den einzigen UN Prozess zu unterminieren, der sich explizit mit der möglichen Regulierung der Gene Drive Technologie befasst. Mehr dazu hier.

Und ein aktueller Report von Corporate Europe Observatory belegt, wie ein niederländischer Regierungsvertreter aktiv in Netzwerken unterwegs ist, in denen große Biotechnologiefirmen, industriefreundliche Wissenschaftler/innen und „like-minded“ Entscheidungsträger/innen sich abstimmen, um das Ergebnis von  EU- und UN-Verhandlungen zu diesen Themen in ihrem Sinne zu beeinflussen. Dies wird aus Dokumenten ersichtlich, die im Zuge des Informationsfreiheitsgesetzes ans Licht kamen und auf der Website der niederländischen Regierung eingesehen werden können.

Für die europäische Debatte ist das u.a. relevant, da am 25. Juli eine Entscheidung des Gerichtshofs der Europäischen Union zum rechtlichen Status der neuen Gentechnik erwartet wird.

Und die CBD befasst sich nächste Woche mit der Frage einer Policy zum Umgang mit Interessenskonflikten in den Verhandlungen (Conflict of Interest Policy). Man kann davon ausgehen, dass die Industrie und ihre Verbündeten darauf gut vorbereitet sind…

  • Digitale Gensequenzen

Das Nagoya Protokoll der CBD regelt den Zugang zu genetischen Ressourcen und den gerechten Vorteilsausgleich, der sich aus deren Nutzung ergibt. Das greift aber nur, wenn es einen physichen Transfer von Genmaterial von einem Land in ein anderes gibt. Was aber wäre, wenn man überhaupt kein Material versenden müsste? Wenn es nichts weiter bräuchte, um sich der gewünschten Informationen zu bemächtigen, als eine simple E-Mail? Wenn Wissenschaftler/innen allein mit digitalen Gensequenzen die entsprechenden genetischen Materialien „beleben“ könnten?

Diese Fragen sind leider gar nicht mehr hypothetisch, sondern diese Digitalisierung von genetischen Informationen findet in rasantem Tempo statt. Aus DNA wird Big Data. Und die Sammlung der Informationen in großen digitalen Datenbanken ermöglicht vor allem großen Konzernen Zugriff auf wertvolle Daten, die sie dann für kommerzielle Zwecke ausschlachten (und patentieren) können. Das bringt verständlicherweise gerade die Entwicklungsländer auf die Palme, die über große biologische Ressourcen verfügen und die letzten Jahre in die Entwicklung von Gesetzen und Mechanismen im Rahmen des Nagoya Protokolls investiert haben, um gegen Biopiraterie vorzugehen. Die Verhandlungen diese Woche werden also bestimmt nicht einfach. Zumal genau die Industrieländer mit großer Biotechnologiebranche profitieren, wenn nichts geschieht – die Biopiraterie also munter weitergehen kannm, während man sich in der CBD um Definitionen, Prozessfragen und Textbausteien streitet…

Doch wenn man genauer hinschaut, dann wird schnell klar, dass die CBD-Debatten um die Zukunft von Nagoya nur an der Oberfläche eines viel größeren Problems, einer viel gigantischeren Umwälzung kratzen… Denn die Pläne einiger gehen sogar noch weiter: Beim World Economic Forum in Davos dieses Jahr wurden die Earth Bank of Codes und das Earth BioGenome Project lanciert. Das Ziel: Die komplette Digitalisierung der genetischen Informationen aller Lebewesen auf dem Planeten, Erfassen der Daten in einer zentralen Datenbank, die dann mittels Algorhythmen und Synthetischer Biologie wunderbare neue Innovationen schaffen und die Vorteile per Blockchain effizient und zügig verteilen wird… Wer braucht dann noch biologische Vielfalt und intakte Ökosysteme? Ganz zu schweigen von den Menschen, die diese bewahren und von ihnen leben?

  • Neben den Themen Gene Drives und Digitalen Gensequenzen geht es diese Woche bei der CBD noch um eine ganze Reihe von anderen Themen im Kontext der Synthetischen Biologie. Dazu zählen z.B.:
    • Wie sehen Kriterien, Standards und Mechanismen für adäquate Biosicherheit bei der Erforschung dieser neuen Gentechnik aus? Die vorhandenen Maßstäbe reichen ganz klar nicht aus. Und die Industrie hätte am liebsten gar keine Regulierung und argumentiert nach Belieben, dass es sich ja gar nicht um Gentechnik handle oder dass es ja bereits durch vorhandene Gentechnikgesetzgebung abgedeckt sei.
    • Wie sieht ein System oder Mechanismus aus, mit dem es gelingt festzustellen, ob ein Organismus oder Produkt Synthetische Biologie enthält? (Tracking, Testing, Monitoring, Labelling)
    • Welche sozio-ökonomischen Auswirkungen ergeben sich für Bäuerinnen und Bauern im Globalen Süden, die Produkte anbauen, die nun zunehmend durch synthetische Biologie ersetzt werden und als „natural products“ auf den Markt drängen?

Dass dies keinesfalls Science Fiction ist, sondern bereits hunderte von Produkten auf dem Markt sind oder kurz vor der Kommerzialisierung stehen, zeigt u.a. diese Datenbank.

Muss man da verzweifeln? Nein! Aber kämpfen. Renate Künast schreibt in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Rundschau:

„Wie kann man dem Lobbyismus derart auf den Leim gehen und glauben, dass eine einzige technische Methode die Lösung für umfassende globale Probleme ist? […] Die alles entscheidende Frage lautet doch: Wie kommen wir zu einer Welt, die sich selbst ernährt, souverän und in Würde? Die Neue Gentechnik entpuppt sich bei der Beantwortung dieser Frage schnell als Nebelkerze. Die beste Antwort, die wir nach jetzigem internationalen wissenschaftlichen Stand haben, ist ein Paradigmenwechsel hin zur Agrarökologie: ‚Erhalten, was uns erhält.'“

Das ist ein schönes Motto für die CBD-Verhandlungen diese Woche!

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