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#Fracking4Plastics – Der unbekannte Link, der Klimaerwärmung und Plastikvermüllung pusht (und wie man damit zum reichsten Mann Großbritanniens wird)

Ein Gastbeitrag von Andy Gheorghiu, Food & Water Europe

Ich nehme mal stark an, dass die meisten von uns, wenn sie  an die zunehmende Plastikvermüllung unserer Städte, Wiesen, Wälder und Ozeane denken, eher an Plastikbeutel, Strohhalme, Einwegbecher, Essens-/Getränkeverpackung und Einwegflaschen denken.

Ist auch der eindeutig sichtbare Teil des Problems.

Und ich gehe weiterhin davon aus, das,s wenn einige von uns daran denken, aktiv gegen diesen krankheitsstiftenden Müll unserer aktuellen Gesellschaft zu werden, wiederum die meisten wahrscheinlich an Verbote von Plastikbeuteln und Einwegverpackungen sowie an die Ausweitung von Mehrwegsystemen denken.

Allerdings wird dies den Fluss toxischer Kunststoffe in unser Leben und unsere Umwelt nicht bremsen. Dies hat damit zu tun, dass das Kernproblem in der historischen Verbindung zwischen der petrochemischen und der Öl-/Gas-Industrie liegt. Hauptplayer wie Exxon, Total, Shell, Dow Chemical, BASF/Wintershall und das bislang weniger bekannte Unternehmen Ineos spielen in beiden Industrien zentrale Rollen und werden ihr Geschäftsmodell nicht von heute auf morgen aufgeben, nur weil wir keinen Bock mehr auf bereits im „Embryo-Stadium“ verschmutzenden Plastikmüll haben.

Schiefergas und Fracking kreiert eine Plastik-Renaissance in Amerika – Bald auch in Europa?

Hydraulic fracturing, kurz »Fracking« genannt, ist ein technisches Verfahren der Öl- und Gasindustrie zur Förderung von Kohlenwasserstoffen. Über Tiefbohrungen wird zunächst vertikal und dann teilweise horizontal in geologische Schichten gebohrt. Anschließend werden unter Hochdruck Millionen Liter mit Sand und Chemikalien gemischtes Wasser (das so genannte Frack-Fluid) in den Untergrund gepresst. Hierdurch werden Risse in den Gesteinsschichten erzeugt oder erweitert, um so die Förderung von Öl und Gas zu ermöglichen oder zu verbessern.

Vordergründig soll dies vor allem der Energiegewinnung für die Bevölkerung dienen. Es wird jedoch immer klarer, dass die Plastikindustrie in den USA massiv hinter den Kulissen von der klimafeindlichen und umweltzerstörender Fracking-Technik profitiert hat. Im Gegenzug hat die petrochemische Industrie der Frackingindustrie endlich eine neue profitable Marktperspektive eröffnet. Eine schmutzige Hand verschmutzt die andere und alles bleibt in der Familie …

Der Fracking-Boom hat de facto ein Überangebot an billigem Ethan (der so genannte „Nass-Gas“-Anteil im Schiefer) produziert. Schiefergesteinsschichten (z.B. die Marcellus Shale Formation in Pennsylvania) enthalten nicht nur Methan (das so genannte „Trocken-Gas“), welches zur Energieversorgung der energieintensiven petrochemischen Industrie oder als Grundstoff zur Herstellung von Kunstdünger verwendet wird, sondern auch Ethan, welches als Grundstoff zur Herstellung von Ethylen dient. Ethylen wiederum ist die meistproduzierte Grundchemikalie und dient vor allem als Grundstoff für Plastik.

Laut dem von der International Energy Agency (IEA) im Oktober 2018 veröffentlichen Bericht „The Future of Petrochemicals“ sind 40 Prozent der globalen Produktionskapazitäten für Ethan-basierte Petrochemikalien in den USA lokalisiert.

Die IEA analysiert, dass Petrochemikalien sich schnell zum größten Hauptantriebsfaktor des globalen Ölverbrauchs (wobei Ethan, d.h. „Nass- oder Flüssiggas“ darin enthalten ist) entwickeln – und zwar weit vor dem LKW-, Flug- oder Schiffsverkehr. Bereits heutzutage ist der petrochemische Sektor der größte industrielle Verbraucher von Kohlenwasserstoffen. 14 Prozent des weltweiten Ölverbrauchs (inklusive Ethan) und 8 Prozent des globalen Gasverbrauchs verschlingt die Industrie jährlich – hauptsächlich für Plastikverpackung und Kunstdünger. Laut dem vorgenannten Bericht werden im Bereich des „gut und günstigen Ethans“ Wachstumsraten von 70% bis 2030 erwartet – wobei als wesentlicher Faktor Schiefergas-Fracking und die Expansion der US-Exporte nach Europa genannt werden.

Die zunehmende Zahl der in den USA auf Gas-Basis betriebenen petrochemischen Fabriken (sog. Cracker) nimmt derzeit auf Grund des Preisvorteils von gefracktem Gas immens zu. Der American Chemistry Council verweist auf die entscheidende Rolle von Fracking-Gas für Investments in neue petrochemische Anlagen. Seit 2010 seien Investments in 333 neue petrochemische Projekte im Wert von US$202,4 Mrd. angekündigt worden – wobei 53 Prozent davon bereits vollendet bzw. im Bau befindlich seien. Weitere 41 Prozent seien in der Planungsphase. Lediglich der Status von 6 Prozent der geplanten Investments sei unklar bzw. im Verzug mit der Umsetzung. Ein neues Zentrum der fossilen und petrochemischen Industrie könnte in Pennsylvania entstehen.

Der reichste Mann Großbritanniens ist der #Fracking4Plastics-Profiteur den kaum jemand kennt

Der CEO (und mit 60 Prozent der Anteile mehr oder weniger Alleinbesitzer) des wenig bekannten Petrochemie-Giganten Ineos, Jim Ratcliffe, ist – mit einem geschätzten Privatvermögen von rund £21 Mrd. – mittlerweile der reichste Mann Großbritanniens.

Ineos ist der größte Plastikproduzent in Europa und versorgt bereits mittels eigens konzipierten, Dragon Ships betitelten, LNG-Schiffen seine Anlagen in Schottland (Grangemouth) und Norwegen (Rafnes) mit gefracktem US Gas aus Pennsylvania.

Das Unternehmen möchte auch an seinen weiteren zahlreichen Anlagen in Europa vom „gut und günstigen“ Fracking-Ethan für Plastik profitieren und propagiert massiv die Verwendung von Schiefergas als direkten Rohstoff als Weg in die Zukunft der petrochemischen Industrie in Europa.

Dabei versucht das Anglo-Schweizerische Unternehmen sein „Recht auf Fracking“ mit aller Macht zu erzwingen. Wegen der anhaltenden Proteste gegen die Fracking-Industrie in Großbritannien hat Ineos sich vorsorglich eine einstweilige Verfügung gegen „unbekannte Personen“ von einem Gericht ausstellen lassen. Juristisch ist das Verfahren noch nicht komplett abgeschlossen, doch bei Verstößen (wie z.B. dem langsamen Gehen vor einem Fracking-Zubehör-LKW in den feldwegeartigen engen Straßen Nord-Englands) drohen Geldbußen bis £5.000 oder Gefängnisstrafen von bis zu 2 Jahren. Ineos hat auch weder Skrupel Fracking in und unter dem weltberühmten Sherwood Forest voranzutreiben, noch die größte Organisation Europas für Kultur- und Naturschutz, den National Trust zu verklagen. Ineos möchte sich damit Zugang zum geschützten Clumber Park zur Vorbereitung seismischer Untersuchungen für spätere Fracking-Operationen erzwingen.

Ineos weiß, dass es berechtigten Widerstand gibt und versucht in der Öffentlichkeit die Umwelt- und Klimafolgen seines Geschäftsmodels herunterzuspielen. In 2016 verglich Jim Ratcliffe die Unfälle in der Chemieindustrie mit einer Reifenpanne, die man ab und zu erleidet. Das Problem ist nur, dass Ineos an all seinen Anlagen in Europa eine schlechte Unfallbilanz aufweist und sowohl in der EU als auch den USA zu Schadensersatzzahlungen in summierter Millionenhöhe verurteilt wurde. Feuer, Explosionen, Gaslecks, das Entweichen toxischer Chemikalien, verletzte ArbeiterInnen und verängstigte Anwohnerinnen sind recht häufige „Reifenpannen“ an Ineos Anlagen.

In Mai 2018 wurden rund 450.000 Plastik-Pellets an einem einzigen Tag an einem einzigen Strand in Schottland gefunden – nicht weit entfernt von der größten Anlage von Ineos in Großbritannien. Experten gehen anhand der Analyse toter Papagaientaucher im Firth of Forth (wo sich der Grangemouth Komplex des Unternehmens auch befindet) davon aus, dass rund 15 Prozent der Population der bedrohten seltenen Vögel Plastik in ihren Mägen haben.

Mehrere Studien haben belegt, dass Mikroplastik mittlerweile sowohl in China, den USA und Europa in Meersalz nachweisbar ist. Auch in Leitungswasser (selbst in Deutschland) wurde Mikroplastik nachgewiesen. In 2017 fing eine Kamera den Moment ein, wo Plankton Plastik isst und vor kurzem wurde eine Studie veröffentlicht, die nachweist, dass sich in der Umwelt auflösendes Plastik eine signifikante Methanemissionsquelle ist und damit zur globalen Erwärmung beiträgt.

 

Ineos besitzt auch im Kölner Raum große petrochemische Anlagen, die in regelmäßigen Abständen mit Unfällen und technischen Störungen die Aufmerksamkeit von AnwohnerInnen und Medien erregen. Der Petrochemie-Gigant möchte aktuell 2,7 Mrd. Euro in den Bau eines europäischen Ethan-Crackers und einer PDH-Anlage (Propan-Dehydrierung) in Nordwesteuropa auf Basis von US Fracking-Schiefergas investieren. Das Unternehmen plant auch über die erweiterte Anlage in Antwerpen, Belgien, oder eine komplett neue Anlage in Rotterdam gefracktes Gas zur Herstellung von Plastik und Petrochemikalien direkt zu den Anlagen im Kölner Raum zu befördern per Schiff zu befördern.

Ich persönlich finde: Genug ist genug!

Es ist längst an der Zeit, dass sich die existierenden Bewegungen vereinen und sowohl #Fracking4Plastics als auch Unternehmen wie #IneosVthePeople, #ExxonKnew und #ShellKnew hartnäckig und grenzüberschreitend bekämpfen.

Es sind nämlich diese Unternehmen, die aktiv und destruktiv die Klimaerwärmung und Plastikvermüllung vorantreiben – egal wieviel wir als einzelne Konsumenten im Selbstbewusstsein an unserem Verhalten verändern!

Es wird Zeit, dass wir aufstehen und unser Recht auf eine Welt, die sehr wohl anders funktionieren kann und anders funktionieren wird, in einfordern!

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