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Zum Zustand unserer Ökosysteme – das Globale Assessment des „Weltbiodiversitätsrats“ IPBES

Den Weltklimarat, IPCC, kennen viele. Aber ein ähnliches wissenschaftliches Expert/innengremium gibt es auch schon länger für das Thema Biodiversität: Die Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES). Und dieses Gremium hat nun gestern die „Summary for Policy Makers“ (also die wichtige Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger/innen) ihres aktuellen Globalen Assessments vorgelegt.

Das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle hat ein deutsches Factsheet zu diesem Globalen Assessment zusammengestellt, das den Bericht einordnet, zusammenfasst und die deutsche Beteiligung transparent macht.

Die wichtigsten Ergebnisse des Berichts (Quelle: UFZ):

  • Bis zu einer Million von rund acht Millionen Pflanzen- und Tierarten sind vom Aussterben bedroht, in vielen Fällen sogar innerhalb der nächsten Jahrzehnte. Die Rate, mit der Arten aussterben, ist derzeit 10- bis 100-Mal höher als zu allen anderen Zeiten in den vergangenen zehn Millionen Jahren.
  • Dreiviertel der Umwelt an Land und rund 66 Prozent der Meeresumwelt sind stark durch den Einfluss des Menschen verändert worden.
  • Mehr als ein Drittel der Landoberfläche und fast 75 Prozent der Süßwasserressourcen werden derzeit für die Pflanzen- oder Viehproduktion genutzt.
  • Die Pflanzenproduktion ist seit 1970 um rund 300 Prozent gestiegen, die Holzproduktion um 45 Prozent. Jedes Jahr werden weltweit rund 60 Milliarden Tonnen erneuerbare und nicht erneuerbare Rohstoffe aus der Natur gewonnen – das entspricht nahezu einer Verdopplung seit 1980.
  • Auf 23 Prozent der Landfläche hat die Produktivität infolge von Bodendegradation (Verarmung bis zum völligen Verlust) abgenommen.
  • Durch den Verlust von Bestäubern sind Ernteausfälle in Höhe von bis zu 577 Milliarden US-Dollar pro Jahr möglich.
  • Infolge des Verlusts von küstennahen Lebensräumen und ihrer Schutzfunktion sind zwischen 100 und 300 Millionen Menschen einer erhöhten Gefahr durch Hochwasser ausgesetzt.
  • Im Jahr 2015 wurden 33 Prozent der Fischbestände jenseits eines nachhaltigen Niveaus befischt. 60 Prozent wurden an der Grenze der Nachhaltigkeit befischt, nur 7 Prozent wurden unter niedrigeren als den nachhaltig fischbaren Mengen aus dem Meer geholt.
  • Die Fläche urbaner Siedlungen hat sich seit 1992 mehr als verdoppelt.
  • Die Verschmutzung durch Plastikmüll hat sich verzehnfacht. 300 bis 400 Millionen Tonnen Schwermetalle, Lösungsmittel, giftiger Schlamm und andere Industrieabfälle landen jedes Jahr in den Gewässern.
  • Durch Düngemittel, die in Ökosysteme der Küsten gelangen, sind mehr als 400 „Todeszonen“ in den Meeren entstanden, ihre Gesamtfläche von mehr als 245.000 km² ist größer als die des Vereinigten Königreichs.

Wie die globalen Zusammenhänge und Ursachen dieser Krise zu beurteilen sind, fasst schön dieses Zitat von Prof. Eduardo S. Brondízio (einer der drei Co-Chair des Berichts) zusammen:

“To better understand and, more importantly, to address the main causes of damage to biodiversity and nature’s contributions to people, we need to understand the history and global interconnection of complex demographic and economic indirect drivers of change, as well as the social values that underpin them. Key indirect drivers include increased population and per capita consumption; technological innovation, which in some cases has lowered and in other cases increased the damage to nature; and, critically, issues of governance and accountability. A pattern that emerges is one of global interconnectivity and ‘telecoupling’ – with resource extraction and production often occurring in one part of the world to satisfy the needs of distant consumers in other regions.”

Den Bericht finden natürlich jetzt alle ganz wichtig. Und Biodiversität sowieso. Sogar Klaus Kunz von Bayer CropScience. Der sagt dazu im Deutschlandfunk:

„Als Konsequenz müsse unter anderem der Pestizid- und Düngemitteleinsatz in der Landwirtschaft reduziert und stärker auf digitale und Biotechnologie-Verfahren gesetzt werden.“

Klingt vielleicht auf den ersten Blick gut, doch er meint damit eine ganz andere Biodiversität:

„Richtige Kulturführung, gute landwirtschaftliche Praxis ist aus unserer Sicht auch absolut Kern. Deswegen habe ich ja auch gesagt, die Biodiversität muss in den Kern des Geschäftsmodells rein. Das ist sie noch nicht immer und überall und das müssen wir verbessern.“ […] „Ich denke, dass über Verfahren wie Crispr/Cas sogar was für die Artenvielfalt hergestellt werden kann. Mit Crispr/Cas können Sie sogar Arten wieder aktivieren, die bereits verschwunden waren. Sie können einen Beitrag zur Artenvielfalt leisten. Eine Landwirtschaft, die nur auf wenigen Arten beruht, ist keine nachhaltige Landwirtschaft.“

Für Bayer heißt Artenschutz also mehr Gentechnik und synthetische Biologie.

Letztlich sind die Aussagen zur Dringlichkeit und der Notwendigkeit eines radikalen Umsteuerns (Transformation) im IPBES Assessment analog zu denen des Weltklimarats, u.a. in seinem letzten Sonderbericht zu 1,5 Grad globaler Erwärmung.

Und das überrascht auch gar nicht, da die Treiber der Krisen (Klimawandel und Biodiversität) ja prinzipiell die gleichen sind: u.a. nicht nachhaltige und ungerechte Landnutzung, Ressourcenausbeutung / Extraktivismus, imperiale Lebensweise…

Und auch bei der Frage von Technologien gibt es Parallelen zum IPCC und dem Klimathema: Auch dort muss die Dringlichkeit der Krise als Ausrede für die Förderung und Entwicklung riskanter und wirkmächtiger Technologien (in dem Fall: Geoengineering) herhalten.

Spannend und wichtig daher auch diese Aussage vom IBPES:

Three-quarters of the land-based environment and about 66% of the marine environment have been significantly altered by human actions. On average these trends have been less severe or avoided in areas held or managed by Indigenous Peoples and Local Communities.

Klima- und Biodiversitätsschutz funktioniert also genau dort am besten, wo Konzerne und Profitinteressen keinen Zugriff auf Ökosysteme haben und Menschenrechte konsequent geschützt werden.

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