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Klima, Degrowth und der IPCC – we proudly present: Ein Gesellschaftliches Transformationsszenario für 1.5°C!

Von Linda Schneider

Heute veröffentlichen wir gemeinsam mit dem Konzeptwerk Neue Ökonomie und einem Team von Autor*innen ein neues, globales Klima-Transformationsszenario für 1.5°C, das nicht auf Risikotechnologien wie CCS, Geoengineering und Atomenergie setzt.

Stattdessen nimmt es tiefgreifendere Veränderungen für eine sozial-ökologische Transformation in Blick, indem es an den Konsum- und Produktionsmustern des Globalen Nordens ansetzt.

A Societal Transformation Scenario for Staying Below 1.5°C

FAQs zur Studie

#RadicalRealism for #ClimateJustice

Dass 1.5°C auch ohne Geoengineering möglich ist (und sein muss, da Geoengineering schlicht keine Lösung für das Problem ist), haben wir schon in 2018 mit unserer Publikation „Radical Realism for Climate Justice“ gesagt. Darin haben wir die Expertise und Erfahrung von Organisationen, Netzwerken und Bewegungen zusammengetragen, die Vorschläge für radikale, transformatorische Veränderungen für verschiedene Sektoren machen. Übrigens: Drei dieser Vorschläge haben wir kürzlich noch einmal in Form von kurzen Erklärvideos neu aufbereitet: Radical Realism-Videoreihe – auch zu finden im Radical Realism Dossier

#1 A Managed Decline of Fossil Fuel Production

#2 From Linear Economy to a Zero Waste Society

#3 From Industrial Agriculture to Peasant Agroecology

(bald erscheinen diese Videos auch auf Deutsch – stay tuned!)

All diese viel weitreichenderen Vorschläge, die globalen Emissionen drastisch und gleichzeitig auf klimagerechte Weise zu senken, finden in den Mainstream-Klimaszenarien, die auch der IPCC in seinen Berichten wie etwa dem Sonderbericht zu 1.5°C betrachtet, leider keine Berücksichtigung. Gleichzeitig haben wir schon in 2018 analysiert, dass praktisch alle Klimaszenarien auf ungebrochenem Wachstum der Weltwirtschaft basieren und es auch deshalb immer schwieriger wird, ambitionierte Klimaziele wie das 1.5-Grad-Limit zu erreichen.

Aus diesem Grund haben wir uns schließlich selbst aufgemacht, ein globales Klima-Szenario zu modellieren, das immerhin erste Schritte in diese Richtung unternimmt. Das Ergebnis ist das Societal Transformation Scenario for Staying Below 1.5°C.

In der Modellierung haben wir uns auf drei Schlüsselbereiche konzentriert: Verkehr, Landwirtschaft & Ernährung und Wohnen.

  • Verkehr: Eine Verringerung des straßengebundenen Verkehrs aufgrund einer Relokalisierung der Wirtschaft und eine bessere lokale Infrastruktur. Der verbleibende Individualverkehr verlagert sich weg vom Auto hin zu öffentlichen Verkehrsmitteln, Radfahren und zu Fuß gehen.
  • Wohnen: Eine Verringerung der persönlichen Wohnfläche um 25% (im Durchschnitt) sowie eine Halbierung der Anzahl großer Haushaltsgeräte pro Person.
  • Landwirtschaft & Ernährung: Eine Verringerung der Lebensmittelabfälle und des Fleischkonsums.

Für die Länder des Globalen Südens gehen wir nicht von den gleichen Verringerungen aus, sondern von einem Anstieg des Verbrauchsniveaus, was zu einer Konvergenz der Konsumlevels des Globalen Südens mit denen des Globalen Nordens im Jahr 2050 führt.

Viele andere gesellschaftliche Pfade, Postwachstum gesellschaftlich anzudenken, wären möglich – unser Szenario soll ein Aufschlag für die Diskussion sein.

Dabei geht es am wenigsten darum, einfach individuellen Verzicht zu fordern. Vielmehr braucht es strukturelle Transformationen in allen Sektoren, die diese Reduktionen in der Breite der Gesellschaft möglich machen. Also etwa: Ein schneller, politisch gesteuerter Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas, und einen umfassenden Ausbau zu 100% Erneuerbaren. Aber auch: Einen drastischen Ausbau von ÖPNV und Schienenverkehr bei gleichzeitiger Reduktion der Preise, sodass das private Auto obsolet wird. Ein Ausstieg aus der industriellen Landwirtschaft, die ein starker Treiber von Emissionen ist, Ökosysteme zerstört und oft mit der Verletzung von Menschen- und Landrechten einhergeht.

Gleichzeitig muss eine solche radikale sozial-ökologische Transformation begleitet werden von gesellschaftlichen Maßnahmen, damit sie eben nicht in einer Verschärfung von Ungleichheit resultiert. Wichtige (erste) Schritte in Richtung wären eine Umverteilung von gesellschaftlichem Reichtum,  die Unabhängigkeit der Sozialsysteme vom Wirtschaftswachstum, die Verkürzung der Arbeitszeit,  und die Demokratisierung der (wirtschaftlichen) Entscheidungsfindung. Auch wenn diese Veränderungen nicht alle direkte materielle Auswirkungen auf die Treibhausgasemissionen haben, sind sie doch Voraussetzungen für ein gutes Leben bei gleichzeitiger Senkung des gesellschaftlichen Materialverbrauchs. Sie würden daher eine Abkehr erleichtern  – weg vom immerwährenden Wirtschaftswachstum, das unsere Lebensgrundlagen auf diesem Planeten untergräbt.

Die vollständige Studie findet ihr hier: https://www.boell.de/de/2020/12/09/societal-transformation-scenario-staying-below-15degc

Und die FAQs zur Studie: https://www.boell.de/de/2020/12/08/faqs-zum-societal-transformation-scenario-sts

Wir möchten Euch außerdem herzlich einladen zu unserer Online-Veranstaltung am 15. Dezember 2020, 15-16 Uhr: „Keine Grenzen des Wachstums? Ein gesellschaftliches Transformationsszenario zur Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5°C“ (die Veranstaltung findet auf Englisch statt).

Ihr könnt Euch hier für die Veranstaltung anmelden oder sie live auf Youtube schauen.

Wir freuen uns auf Feedback zur Studie und auf die dringend notwendigen Diskussionen darüber, welche gesellschaftlichen Pfade und Zukünfte uns eigentlich zur Verfügung stehen, um das 1.5-Grad-Limit einzuhalten. Die Frage der Produktions- und Konsumlevels im Globalen Norden und der globalen Eliten können dabei nicht länger ausgeblendet werden, wenn wir es mit dem 1.5°-Grad-Limit ernst meinen. Wir hoffen, dass sich diese Debatten davon wegbewegen, sich nicht nur um Fragen von Technologie und Kosten drehen, sondern sich mit der viel dringenderen Frage befassen, wie ein gutes Leben für alle zu erreichen ist.

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Übrigens: Eine ausführliche Bestandsaufnahme samt Rück- und Ausblick zum Anlass des 5. Geburtstags des Pariser Klimaabkommens, haben wir auch geschrieben. Ihr findet sie hier: 5 Jahre später – Happy Birthday, Pariser Klimabkommen?!

Ausführliche Informationen rund um das Thema Geoengineering gibt es in diesem aktuellen Beitrag von Barbara Unmüßig sowie in unserem Dossier und auf dem GeoengineeringMonitor.

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