--> -->

Was ist das wirkliche Problem?

Stefan RahmstorfSpiegel Online fährt nun eine massive Attacke gegen den Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf. „Rabiate Methoden“ wirft der Artikel ihm vor.

Diesen Vorwurf muss man allerdings eher dem Spiegel-Artikel machen. Und zwar weniger dem Text an sich, der ist einigermaßen ok, sondern der Art und Weise wie er redaktionell aufbereitet wurde. Das fängt mit der Überschrift an: „Die rabiaten Methoden des Klimaforschers Rahmstorf„. Und weiter im Teaser : „Stefan Rahmstorf ist der Bekannteste unter den Top-Klimaforschern Deutschlands – und zugleich der unerbittlichste. Journalisten beklagen Einschüchterungsversuche, Forscher gehen auf Distanz zum Potsdamer Professor. Der Konflikt wird inzwischen in Zeitungen ausgetragen.“

In einer Zwischenüberschrift heißt es: „Rahmstorf droht mit „schwarzer Liste„. Es wird auf seinen „denkwürdigen Aufsatz in der ZEIT“ verwiesen. Und in der Tat, ich halte den Aufsatz für sehr lesenswert. Lesen Sie selbst: Was in diesem Artikel von Rahmstorf beklagt wird, ist gerade das Gegenteil dessen, was ihm jetzt vorgeworfen wird. Er betreibt nicht die Einschüchterung von Journalisten, die den Klimawandel leugnen oder verharmlosen. Sondern er beklagt die Sucht der Medien nach reißerischen Darstellungen, nach Übertreibungen. Und was seine „schwarze Liste“ angeht: einem Wissenschaftler sollte schon das Recht eingeräumt werden, dass, wenn er sich von Journalisten falsch zitiert sieht, zukünftig die Zusammenarbeit mit solchen Journalisten zu meiden, oder? Aus der von Stefan Rahmstorf auf seiner Website dokumentierten Korrespondenz mit dem Spiegel-Autor Hein geht zudem hervor, dass Hein wusste, dass Rahmstorf den Begriff „schwarze Liste“ als Metapher verwendet hatte, und keine Liste existiert.

Der Spiegel recherchiert also korrekt, ja er verweist auf die korrekte Quelle. Und dreht dann doch durch die Zwischenüberschrift die Bedeutung herum und macht Rahmstorf einen Vorwurf, der gerade mit seiner Quelle nicht zu belegen ist. Wie dünn ist die Grenze zum Kampagnenjournalismus, zum Rufmord?

Was der Spiegel sich erspart, ist das ein systematisches Nachgehen in der Substanz der Auseinandersetzungen: Welches sind die Falschdarstellungen, die Rahmstorf ggf. auch in Briefen an Redaktionen aufdeckt, bzw. darüber eine entsprechende Qualitätssicherung einfordert? Hat sich der Spiegel einmal mit Becks oder Reichholfs Kurven tatsächlich auseinandergesetzt?

Wie Konrad Kleinknecht in der FAZ schön darlegt, ist eben in den Naturwissenschaften nicht alles erlaubt, sondern es gibt klare Regeln zur Falsifizierung von Behauptungen durch Empirie.

Wir werden uns entscheiden müssen, was wir für das schwerere Problem halten:

– Das von Rahmstorf beklagte Problem, dass die Medien immer wieder z.T. hanebüchene Thesen von sogenannten Klimaskeptikern reproduzieren, bis hin zu offensichtlichen Manipulationen. Die Folge dieses Problems kann sein, dass die demokratische Öffentlichkeit irregeführt ist und daher nicht schnell und entschieden genug auf die Herausforderung des Klimawandels reagiert.

– Oder, das von seinen Kritikern und dem Spiegel beklagte Problem, dass Stefan Rahmstorf derlei irreführende Thesen angreift. Dass er die Einhaltung des Pressecodex und der Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis einfordert, und damit die Medien in Briefen an ihre Verantwortung erinnert, nicht alles ungeprüft zu publizieren. So etwas „Einschüchterung“ oder „Zensur“ zu nennen halte ich allerdings für gewagt. Die Folge dieses „Problems“ könnte sein, dass nicht mehr jeder hanebüchene Unsinn zur besten Sendezeit und auf besten Plätzen in unseren Medien verbreitet wird. Wenn denn Rahmstorf tatsächlich Erfolg hätte mit seinen angeblich so rabiaten Methoden. Was er nicht hat.

Ich weiss, welches Problem ich ernster nehme.

P.S.: einen schönen Kommentar hat Sönke Maus zum Spiegel-Artikel hinterlassen. Lesenswert. Ebenso der von Wolfgang Adler.

P.S. 2: Auch ein lesenswerter Kommentar zur Debatte von Bernhard Pötter in der taz.

P.S. 3: Staatssekretär Michael Müller (BMU) hat zur Debatte eine Presseerklärung beigesteuert.

Dieser Artikel wurde unter Klimawandel, Medien abgelegt.

Diskussion

Kommentieren