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Wem gehören die Wälder?

by leonlee28 on flickrBali sieht rot, genauer gesagt RED. RED (Reduced Emissions from Deforestation) oder REDD (& Degradation) sind wichtige neue Abkürzungen, die man bei den Klimaverhandlungen kennen muss. Der indonesische Waldminister eröffnete in Vertretung des Präsidenten heute sogar einen „Forest Day“ in einem des Luxushotels von Nusa Dua (gebaut mit sehr viel Holz, sicherlich nicht nachhaltig geerntet).

Beim Forest Day sind eine Unmenge von nationalen und internationalen Organisationen versammelt. Die Weltbank ganz vorneweg, eine Anzahl von UN Organisationen, jede Menge Business, Wissenschaft und finanzstarke Naturschutz-NGOs. Ein Anzeichen für das große Interesse, das die Wälder nun in der Klimadebatte finden. Auf dem Programm steht unter dem Vorzeichen RED eine neue Möglichkeit, Wälder zu Geld zu machen. Oder: endlich für die Umweltdienstleistungen der Wälder eine finanzielle Anerkennung zu bekommen.

Es wird viel diskutiert: ökonomische Anreize für den Walderhalt durch Einbeziehung in den internationalen Emissionshandel, die Frage wie man die Emissionsreduktion durch Walderhalt berechnet, ab welchem CO2-Preis es rentabler sein wird die Wälder zu erhalten statt sie in Sojaplantagen umzuwandeln, und anderes mehr.

Eine Frage wird jedoch kaum gestellt: Wem gehören eigentlich die Wälder? Ich meine das nicht als empirisch-legale Frage nach dem Grundbuch, sondern normativ: Wem stehen sie eigentlich zu? Wer hat ein Anrecht auf sie, wer sind ihre legitimen Besitzer?

Wälder, das sind historisch klassische Allmenden. Kollektiv genutzt und gemanagt von lokalen Gemeinschaften, für Brenn- und Bauholz, als Waldweide, für medizinale und Nahrungszwecke, oft auch mit besonderes religiöser Bedeutung.

Diese Allmenden sind vielfach von den Nationalstaaten angeeignet worden. In Nepal wurden z.B. die Wälder in den 50er Jahren verstaatlicht, und danach in nie da gewesenem Umfang abgeholzt. Auch Indonesien vergab und vergibt enorme Waldgebiete an Holzfirmen und Plantagen für Ölpalmen. Diese Wälder stehen häufig auf Torfböden, und der im Torf gebundene Kohlenstoff wird bei Abholzung und Trockenlegung als CO2 freigesetzt. Daher ist Indonesien nun der drittgrößte CO2-Emittent der Welt, nach USA und China.

Mit der Einbeziehung von Wäldern in das Klimaregime wird nun eine neue „Schicht“ von Anspruchsberechtigten auf Wälder in Spiel gebracht: Die Akteure des globalen Emissionshandels, die Emissionsreduktionen kaufen, oder verkaufen. Die Gefahr besteht, dass damit die Rechte der lokalen Bevölkerung auf ihre Wälder einmal mehr beiseite geschoben werden.

Victoria Tauli-Corpuz, die Vorsitzende des UN Permanent Forum on Indigenous Issues, bringt auf einem Panel des „Forest Day“ diese Rechte ins Spiel. Doch auch sie bleibt letztlich defensiv: Man will konsultiert werden. Doch indigene Völker sind nicht Stakeholder, sie sind „Rightsholder“, erstrangige Eigentümer von Rechten an Wäldern. Ihre Besitz an den Wäldern muss respektiert und gestärkt werden, bevor man Emissionsreduktionen auf dem globalen Markt verkaufen kann.

Barnabas Suebu, der Governeur von Papua brachte das auf dem Forest Day dann interessanterweise auf den Punkt: Wir müssen die Wälder den ursprünglichen Besitzern zurückgeben. „The forest belongs to the people, not to the government“, sagte er. Die Regierung habe das Recht, die lokale Bevölkerung zu kontrollieren. Aber sie sei nicht der Besitzer.

Das ist eine interessante Perspektive: Die lokale Bevölkerung ist Besitzer, doch sie erhält den Wald als „patrimonium“, als Eigentum zum Nutzen und weitervererben, nicht als „dominium“, Eigentum zur Vernutzung und Zerstörung. Und die höheren Ebenen von Governance, von regionalen, nationalen und internationalen Ebenen, haben das Recht zu schauen dass sich diese Verfügungsrecht der lokalen Bevölkerung innerhalb der Grenzen von „patrimonium“, der nachhaltigen Nutzung, bewegt.

Die Commonsdebatte ist eine über den Unterschied von Patrimonium und Dominium. Das Schicksal der Wälder in der Klimadebatte ist dabei eines der interessanten, in denen dieser Unterschied zum Tragen kommen muss.

Weiterlesen:
Seeing RED, eine interessantes Papier, das die Debatte zur Einbeziehung von Wäldern in das Klimaregime aufbereitet.

Commonsblog: Blog zu Allmende, Gemeinschaftsgütern

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Diskussion

  1. Der völlige Stillstand des globalen Waldregimes wird auch deutlich an der Nichteinigung, die Jahr für Jahr im United Nations Forum on Forests (UNFF) besiegelt wird. Für Hintergründe rate ich, die vorzüglichen Berichterstattungen des International Institute on Sustainable Development (IISD) von den letzten Sitzungen des UNFF durchzulesen. Dort sieht man, wie mühsam selbst der Beschluss zur künftigen Aushandlung eines rechtlich nicht (!) verbindlichen Waldabkommens gewesen ist.

    Davon abgesehen finde ich es sehr schön, wie positiv hier der Begriff der Allmende besetzt ist. Ich sehe das ganz ähnlich, weiß aber dass gerade in den Sozialwissenschaften oft ein extrem verkürztes Stichwortwissen über die „tragedy of the commons“ nicht hinausgeht. Dabei haben mittlerweile zahlreiche Studien gezeigt, dass es neben Privat- und Staatseigentum noch eine dritte Form von Verwaltung gibt, nämlich die der Allmende. Und die ist in vielen Fällen erfolgreicher, sprich nachhaltiger und einkommensträchtiger für die Bevölkerung, als ihre beiden Alternativen.

  2. Dem Begriff der Allmende ist in den internationalen Verhandlungen zum Klimaschutz seit 1992 viel zu wenig Beachtung geschenkt worden. Nicht nur die Wälder sind Allmenden, sondern normativ gesehen auch das sensible Zusammenspiel von ökologischen Faktoren, das wir als Klima bezeichnen. Die Atmosphäre, die wir alle zum Leben brauchen und trotzdem verschmutzen, zählt vordringlich dazu.
    Als Literaturtipp: Mancur Olson hat sich dem Problem bereits 1965 in seinem Buch, Logik des kollektiven Handelns, wissenschaftlich genähert und die entstehenden Probleme recht zutreffend analysiert. Er beschreibt dort u.a. die Idee selektiver Anreize für einzelne Akteure einer großen Gruppe. Eine Idee, die hoffentlich bald auf die Problematik der Entwaldung angewandt wird.

    Jörg Haas beschrieb die Dringlichkeit einer Einigung am Beispiel der Abholzung des indonesischen Regenwaldes sehr zutreffend. Ein weiteres Problem in diesem Zusammenhang ist, dass die nasse Torfbodenschicht vieler Regenwälder 3 mal mehr Co2 speichert als herkömmlicher Waldboden. Das macht Indonesien in der Tat zum drittgrößten Emittenten von Co2.

    Aporpos Sozialwissenschaften: Nils, warst du nicht auch OSI? 😉

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