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Lomborgs Schlaflied

WikipediaDer Tagesspiegel ist sich nicht zu schade, einmal mehr die alte Medienmasche zu reiten: Finde jemanden, der den Klimawandel leugnet oder ihn für unwichtig erklärt, und gib ihm reichlich Platz in Deinen Spalten.

Das ist News, weil es der Mehrheitsmeinung widerspricht, dass wir jetzt rasch gegen die Klimakrise handeln müssen. Und es ist bequem, weil man lieber die Botschaft hört, dass doch alles beim Alten bleiben kann, anstatt der „unbequemen Wahrheit“ von Al Gore zu lauschen. Also eine „bequeme News“, altbekannt und doch immer wieder gern reproduziert. Und doch so gefährlich wie ein Schlaflied für den Lenker eines Lastwagenfahrers, der nachts auf einen Abgrund zurast und dem schon die Augenlider zugefallen sind.

Der Tagesspiegel bringt ein Interview mit Björn Lomborg, langjährigen Beobachtern der Umweltdebatte bekannt als Autor des „sceptical environmentalist“, des „Copenhagen Consensus“ und weiterer Werke. Lomborg variiert hierin immer die gleichen drei Melodien: (1) Es ist alles nicht so schlimm mit dem Klimawandel (2) wir haben andere Prioritäten und (3) lasst uns warten, später wird der technische Fortschritt alle Probleme lösen.

Lomborgs Melodie (1) lässt sich mit vielerlei sachlichen Fehlern auseinandernehmen. Der dänische Biologe Kare Fog betreibt eine eigene Website „Lomborg Errors„. Er fand in Lomborgs Buch „The sceptical environmentalist“ 110 ausgesprochene Fehler (errors) und 208 Mängel (flaws). Von Lomborgs neuen Buch „Cool it“ hat er bisher nur ein Drittel untersucht und schon 23 Fehler und 59 Mängel gefunden.

Eine Auseinandersetzung mit einigen zentralen Argumenten von Lomborgs Buch „Cool it“ liefert auch der Blog „Climate Progress in drei Teilen: (I) Eisbären (II) Meeresspiegel und (III) Hitze und Dürre. Ich muss hier um Entschuldigung bitten, dass ich Sie auf englischsprachige Quellen verweise – aber meine Zeit ist sehr knapp und die Auseinandersetzung mit Lomborg stiehlt einem die Zeit für Wichtigeres.

Lomborgs Melodie (2) ist eine perfide Argumentation: Er stellt einen vor die Wahl, den Kampf gegen den Klimawandel gegen andere Herausforderungen wie die Bekämpfung von Aids oder Malaria abzuwägen. Mit dem Motto, man müsse ja Prioritäten setzen.

Das ist natürlich in mehrfacher Hinsicht perfide: Erstens stellt er einen vor die falsche Wahl: Es werden die Ausgaben für Klimapolitik nicht alternativ z.B. zu denen für Tierfutter, Computerspielen oder Klatschzeitschriften gesetzt, sondern alternativ zu einigen der wichtigsten und edelsten Aufgaben der Menschheit. Unser „Greenhouse Development Rights“ Konzept gibt darauf die richtige Antwort: Wir müssen den Klimawandel solidarisch bewältigen und dürfen gerade nicht den Armen die Klimaschutzlasten aufbürden, die sie nicht zu verantworten haben. Deswegen müssen die Lasten des Klimaschutzes von denen getragen werden, die leistungsfähig genug sind.

Zweitens setzt Lomborg Probleme auf ganz unterschiedliche Zeitskalen miteinander in Konkurrenz: Unmittelbare wie gravierende Krankheiten und mittel- und langfristige wie den Klimawandel. So nach dem Motto: Sie müssen wählen, ob Sie atmen, trinken oder essen. Klar, dass Sie atmen wählen. Aber wenn Sie nicht essen, sind Sie zwar nicht sofort, aber nach ein paar Wochen auch tot. Daher ist doch klar, dass wir auch die Malaria bekämpfen müssen UND den Klimawandel, beides und nicht alternativ.

Lomborgs dritte Melodie „wartet noch ein bisschen, der technische Fortschritt macht später Klimaschutz ganz billig“ ist schliesslich vollends verantwortungslos. Denn technischer Fortschritt kommt nicht von alleine, er kommt als Ergebnis einer gesellschaftlichen Nachfrage. Wir hätten heute nicht die Windturbinen von 6 Megawatt Leistung, wenn es nicht in Ländern wie Deutschland, Dänemark und Spanien eine vorausschauende Politik gegeben hätte, die systematisch die erneuerbaren Energien gefördert hätte.

Ja, wir dürfen auf technischen Fortschritt hoffen, der uns die große Aufgabe der raschen Reduktion der Treibhausgase erleichtern wird, ohne dass wir auf ein gutes Leben verzichten müssen. Doch wird es diesen Fortschritt geben als Ergebnis einer ambitionierten Klimapolitik, nicht indem wir abwarten. Und nur wenn wir jetzt auf die Bremse treten, in den nächsten 10 Jahren das Maximum der globalen Ermissionen erreichen und dann rasch reduzieren, haben wir noch eine Chance die gravierendsten Klimaschäden zu vermeiden.

Wacht auf! Lauscht nicht den bequemen Sirenenklängen von Lomborgs Schlafliedern.

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Diskussion

  1. Nein zur Apokalypse, sagt der Däne Bjorn Lomborg in seinem Buch. Der Ex-Greenpeace-Aktivist und Professor für Statistik musste feststellen: Je länger er forschte, um so weniger blieb von dem Katastrophenszenario übrig.

    Prof. Bjorn Lomborg, Universität Kopenhagen: „I was very surprised. I think all the people, who partizipated in this seminar, were very surprised. And I also emotionally think. I was committed to the slightly left leaning, kind of worries group of people. So yes it didn´t feel right. But of course, if is that´s what the data says, we should go that way.“
    „Wir alle waren sehr überrascht. Das hat uns richtig zu schaffen gemacht, auch emotional. Ich selbst war überzeugter Anhänger der Linken, ein Bedenkenträger mit Angst vor der düsteren Zukunft. Aber wenn die objektiven Daten das Gegenteil beweisen, dann müssen wir uns danach richten.“

  2. Müller

    „Aber wenn die objektiven Daten das Gegenteil beweisen, dann müssen wir uns danach richten.”

    Ja, aber sie beweisen eben nicht das Gegenteil, wie der Biologe Kare Fog auflistet und die Fehler Lomborgs einzeln benennt.

  3. Ja nun wird’s ja interesannt. Ein Ex-Greenpeace-Aktivist und Linker hackt auf den anderen rum. Herr Simon war Greenpeace-Aktivist und auch Herr Lomborg. Herr Haas hat da ja auch Kontakte. Schämt Euch 🙁

  4. Hallo Jörg, ein sehr guter Beitrag. Die Liste an Fehlern in Lomborgs Büchern ist wirklich beeindruckend. Aber manchen Leuten kann man eben sonstwas erzählen, solange nur die Botschaft stimmt kaufen sie einem anscheinend alles ab.

    Jeffrey Sachs hat 2004 einen guten Artikel zum Copenhagen Consensus in der Zeitschrift Nature veröffentlicht (leider auf englisch). Sachs nennt drei fundamentale Fehler an Lomborgs Konstrukt: Es wurden falsche Fragen gestellt, die von den falschen Leuten beantwortet wurden, und es sind falsche Antworten dabei herausgekommen.

  5. Jetzt sind ja alle beisammen. Mal eine Frage, ist für Euch Lomborg ein Verräter, oder warum geht Ihr so auf den los?

    Man kann ja auch noch die Rechtschreibfehler bei Lomborg und Gore zählen und vergleichen und daraus seine Schlüsse ziehen.

    Mein Tipp: Schaut mal unter Fußnote 22 im AR4 nach, was dort steht. Demnach ist die Anzahl der Studien als Beleg, um diese schnelle Wende in der Klimapolitik zu erzielen und damit die Kosten niedrig zu halten, gering.

  6. Ich warte ja immernoch auf einen Beweis für Menschen-gemachten Klimawandel ..bisher hat noch niemand herausgefunden inwiefern der Mensch den Klimawandel beeinflusst …zu 0.00001% oder zu 10% … keiner hat ne ahnung aber jeder hat eine meinung…..und wer das meiste geld kassieren will und macht haben will schürt das angstfeuer ….das war schon immer so…ich hoffe die klimadebatte wird bald vorbei sein und anderen wichtigeren themen weichen….

  7. Herr Müller,

    es geht doch nicht um die Frage, ob Lomborg ein „Verräter“ ist oder nicht. Was soll diese Polarisierung? Es geht um die Frage, ob er mit seinen Argumenten richtig oder falsch liegt!

    Und Herr Müller: Die Kritik an Lomborg macht sich nicht daran fest, ob man Greenpeace-Aktivist oder ein Linker war oder ist. Bezüglich der Klimaproblematik existiert ein flügelübergreifender Konsens. Nur ein kleines Häufchen neoliberaler Besitzstandswahrer trotzen wider besseren Wissens den erdrückenden wissenschaftlichen Erkenntnissen.

    Anscheinend werden bei den Klimaskeptikern die argumentaiven Fehler unter den Teppich gekehrt, weil man sich ja sonst schämen müsste, aufeinander „rumzuhacken“. Das erklärt allerdings so Einiges.-)

  8. nenad:

    Einen Beweis für den AGW kann Ihnen niemand geben, jedoch eine glaubhaft begründete hohe Eintrittswahrscheinlichkeit. Die Erklärungen hierfür entnehmen Sie bitte den zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen und Forschungsergebnissen. Diese lassen kaum noch Zweifel an den Zusammenhängen zu.

    Eine 100 %-ige Eintrittswahrscheinlichkeit kann Ihnen derzeit niemand garantieren, genauso wenig wie Ihnen ein Arzt eine 100 %-ige Garantie für den Erfolg seiner Operation geben kann. Dennoch werden Sie sich operieren lassen, wenn die Mehrheit der Argumente hierfür spricht. Aber selbst bei 5 oder 10 % Eintrittswahrscheinlichkeit einer menschengemachten globalen Erwärmung würde ich es nicht darauf ankommen lassen wollen.

  9. Wie wäre es, wenn man ein plugin wie http://organisiert.net/yatcp/ installieren würde, dann wären verschachtelte Kommentare ohne Verrenkungen möglich?!?!

  10. Ich stimme der Schlaflied-Beurteilung von Lombergs Thesen voll zu, denn es gibt wichtige grundsaetzliche Unterschiede der langfristigen Auswirkungen der Energie-Produktion. Diese duerfen nicht verwaessert werden in den Diskussionen.
    Für mich hat es einige Zeit gebraucht, zu begreifen, dass tatsaechlich ein Grossteil aller in die Luft geblasenen Kuehl- und Abgase, getragen in der Luft-Feuchte nach mehreren Welt-Umkreisungen schliesslich an den Polen landet und dort dem (bislang ewigen) Eis zugefuegt wird. (vgl.dazu die leider bislang unbekannt gebliebenen Pol-Aufnahmen in E.Habich’s (Our Planet Earth from Space), die auf den NASA- und NOAA-Aufnahmen entweder weiss oder schwarz ausgeblendet und stets wie mit einem klassischen Feigenblatt abgedeckt werden.
    Dass ’hierzu keine Aufnahmen vorhanden’ seien, ist also Irrefuehrung und ebenso wie die grossartige NASA-Ankuendigung, demnaechst eine Expedition zur Erforschung des neuen wunderbaren „Untersees“ am Suedpol auszuruesten, unter Rubrik Ablenkungs-Spiele zum Zeitgewinn einzuordnen.
    Billiger und schneller koennte es jeder Hubschrauber mit Labor-Ausruestung von den USAF Nordpol-nahen Basen bringen. Dann wuesste man auch gleich wer und woher und wieviel .
    (Aber das soll ja gerade vermieden werden).
    Jede Saeure frisst Loecher, auch in noch so dickes Eis, das dann ‚wie Emmenthaler Kaese imponiert und natuerlich unterm Groenlandeis neue giftige Baeche entstehen laesst.
    Und diese Saeuren, sei’s als Salz- und Salpetersaeure aus den Shuttle-Raketen, die „innerhalb v.4 Tagen mit den neuen NLC bis zum Suedpol verfolgt werden konnten“ (lt.Space New Scientist July 2005: ’Noctilucent Clouds’ und ’Columbia’s Final Start’)
    oder in den Wolken entstanden nach „typ.Ozon-Bildung beim Kontakt der radioaktiven Spalt-
    Edelgase mit Sauerstoff“ (C.Keller in B.d.Wiss.1982 „wie man radioakt.Edelgase verpackt“)
    wobei das Ozon (O3 geloest in H2O zu H2O2) zu Wasserstoff-Superoxyd wird, das dann mit Schwefel-Daempfen sofort in schwefelsaeurehaltige, also in 10-1000x saurere Niederschlaege umgewandelt wird. Ganz zu schweigen von den undeklarierten sauren und korrosions-foerdernden Entgasungs-Produkten aller KKW, die zusaetzlich noch Tritium- und
    C-14 mit in die biologischen Kreislaeufe einbringen:
    Alles sammelt sich an den Polen.
    Und wenn man weiss,dass die grossen Kuehltuerme der 103 Energie-Zentralen inUSA und v.a. auch die canadischen CANDU-Reaktoren trotz niedriger werdendenFlusswasserstaenden die bekanntermassen staerksten Frischwasser-Vergeuder sind, mit deren ‚Thermo-Pollution‘ (vgl.Encyclop.Americana) die immer zahlreicher auftretenden NAOs (meist besser bekannt als „unsere Island-Tiefs“) gebildet und vollbeladen werden, dann kann man verstehen, wieso manche Wissenschaftler die Rede von der „anthropogenen Glashaus-Gas-Erzeugung“ nur als Ablenkungs-Manoever auf den Hausbrand der Kleinen Leute bezeichnen.
    „Bei der GW-Problematik duerfen keine Interessen von Privaten Firmen- und von keinen
    Industrien von vornherein ausgespart werden beim notwendigen Untersuchen der Einfluesse ihrer Abfall-Produkte und Abgase auf Erwaermung und Uebersaeurung der Troposphaere“.
    Diese Forderung der Bali-Konferenz ist aus meiner Sicht die wichtigste Erkenntnis, die mit der Diskussion um die Moeglichkeiten der CO2 Reduktion jetzt eingeleitet wurde.
    Meint

  11. Irgendwie bin ich hier anscheinend falsch geraten. Aber kann man bei Ihnen auch Schlaflieder kaufen oder nur die Texte lesen? Dennoch ein interessanter Beitrag 🙂

    Schöne Grüße aus Berlin von Sandra

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