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Von Lawinen und Fröschen: die Banken- und die Klimakrise

Ab heute machen wir Schulden: Am 23. September hat die Weltbevölkerung alle natürlichen Ressourcen (Wasser, Energie, Lebensmittel, Holz etc.) aufgebraucht, die ihr für das Jahr 2008 zustehen, hat das Global Footprint Network ausgerechnet. Das ist zwei Wochen früher als im letzten Jahr!

Dieses historische Datum trifft sich mit einem anderen: Gestern war das „Ende der Wall Street“, wie die taz heute titelt. Der amerikanische Investmentbankingsektor hat sich komplett selbst aufgelöst und damit das Ende einer Ära eingeläutet, die Ende der 1990er begann, deren Ende aber schon lange dämmert.

Jetzt könnte man meinen, dass die eine Krise ein Beitrag zur Lösung der anderen sei: Wenn das Wirtschaftswachstum gebremst wird, werden weniger Ressourcen verbraucht und damit auch weniger CO2 ausgestoßen. Doch Fehlanzeige, so einfach ist das leider nicht. Zwar werden aufgrund der Wirtschaftskrise in diesem Jahr ein paar Prozent weniger CO2-Emissionen aus Industrieanlagen erwartet. Aber die wachsende Nachfrage nach Energie gleicht das vollkommen aus. Hinzu kommt, dass aufgrund der erwarteten Rezession denkbar schlechte Voraussetzungen für Investititonen in wichtige Zukunftstechnologien und für progressive Klimapolitik herrschen. Schlechtes Timing, wo doch gerade jetzt das europäische Klima- und Energiepaket in Brüssel verhandelt wird, dem für die Erreichung eines guten und fairen Deals in Kopenhagen eine zentrale Rolle zukommt.

Es besteht die ernsthafte Gefahr, dass die EU dem Druck der Industrielobby aus Ländern wie Deutschland oder Italien nachgeben und von ihren zwar ambitionierten, aber trotzdem längst nicht ausreichenden Zielen nach unten abweichen wird.

Aber nicht nur in der Analyse der beiden Krisen gibt es Parallelen und Interdependenzen. Auch in der Lösung kann man Vergleiche ziehen: Wieso schaffen es Politikerinnen und Politiker nicht, angesichts der Klimakrise den gleichen Entscheidungsmut und die gleiche Umsetzungskraft an den Tag zu legen wie bei den Rettungsaktionen im kriselnden Bankensektor? Die amerikanische Regierung will ihren Banken in den nächsten zwei Jahren illiquide Hypothekenpapiere in Höhe von 700 Milliarden US-Dollar mit Steuergeldern abkaufen.

Liebe Amerikanerinnen und Amerikaner: Wenn Ihr wählen könntet, würdet Ihr Euch mit Euren Steuergeldern lieber wertlose Hypothekenpapiere kaufen, um den Banken aus der Patsche zu helfen, oder:

  • Variante a) die gesamten in allen Entwicklungsländern anfallenden Klimaanpassungskosten der nächsten 15 bis 20 Jahre zu finanzieren
  • Variante b) das Weltklima zu retten, denn laut dem Stern Bericht müssen wir da jährlich lediglich 1 % (heute würde man vielleicht 5 % sagen) des globale Bruttoinlandsproduktes aufbringen – nach Weltbankangaben wären das im Jahr 2007 etwa 543 Milliarden US-Dollar gewesen (wenn ich mich nicht verrechnet habe, aber da darf gerne nachgerechnet werden!).

Die Krise der Finanzmärkte – oder wohl viel eher noch: die Krise des Neoliberalismus – gefährdet die Weltwirschaft vielleicht in ähnlicher Weise wie der Klimawandel. Die eine kommt schleichend daher, die andere wie eine Lawine. Das erinnert mich irgendwie an das Phänomen vom Frosch im Koptopf…*

*Wenn man einen lebendigen Frosch in einen Kochtopf mit kaltem Wasser setzt und diesen auf dem Herd erhitzt, merkt das der Frosch nicht, bleibt sitzen und stirbt.

Foto 1: von Daniele Sartori 
Foto 2: von cactusbones 

Dieser Artikel wurde unter Anpassung, Bush, Energiewende, EU, Finanzierung, Klimawandel, USA abgelegt.

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