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Jahreswechsel: Wo stehen wir?

Jahreswechsel – Zeit für Bilanzen. Zeit sich Rechenschaft abzulegen: Wo stehen wir im Kampf gegen den Klimawandel die Klimakrise?

Alles scheint ruhig, doch im Klimasystem stehen die Zeichen auf Sturm. Einer der weltgrößten Rückversicherer, die Münchner Rück, schreibt:

Getrieben durch hohe Schäden aus Wetterkatastrophen war 2008 gemessen an inflationsbereinigten Werten das Jahr mit den dritthöchsten Schäden, nur noch übertroffen vom Hurrikanjahr 2005 und 1995, als sich das Erdbeben von Kobe (Japan) ereignete.

…“Damit setzt sich der von uns beobachtete langfristige Trend fort: Der Klimawandel hat bereits eingesetzt und trägt mit großer Wahrscheinlichkeit zu immer häufigeren Wetterextremen und dadurch bedingten Naturkatastrophen bei.“

Zyklon Nargis brachte 135.000 Menschen in Burma den Tod. Hurrikan Ike verursachte wirtschaftliche Schäden von 30 Milliarden US$.

Doch das langfristig dramatischste Geschehen findet nicht in den Tropen statt. Sondern still und leise hoch im Norden.

Am deutlichsten ist der Zusammenbruch des arktischen Meereises. Nach dem dramatischen Absturz der sommerlichen Meereisbedeckung 2007 konnte man noch hoffen, dass es sich um einen „Ausreißer“ handelt, hervorgerufen durch ungewöhnliche meteorologische Bedingungen. Weit gefehlt: 2008 lag die Ausdehnung des Meereisminimums fast auf dem Niveau von 2007, und das Eisvolumen erreichte gar ein Rekordtief. Den „Tipping Point“ (Kipp-Punkt), an dem es unwiderruflich abschmilzt, hat das arktische Meereis nach Ansicht vieler Experten bei nur 0,8 Grad globaler Erwärmung schon erreicht.

Doch das ist nicht alles: Das beobachtete Ausgasen von Methan aus dem Ozeanboden des sibirischen Schelfs war für mich die beunruhigendste klimawissenschaftliche Neuigkeit. Der Permafrost an Land und im Ozeanboden schmilzt und setzt in meßbarem Ausmaß das potente Treibhausgas Methan frei. Ein Alptraumszenario deutet sich an: Sich selbst verstärkender Klimawandel.

Die Antarktis verliert Eis, und das Abschmelzen der grönländischen Eisschilds schreitet weit schneller voran, als von Modellprojektionen erwartet. PIK-Chef Schellnhuber schätzt den „Tipping Point“ des Grönland Eisschildes auf 2 Grad globale Erwärmung. Sein Abschmelzen würde weltweit die Küstenlinien dramatisch verschieben, Millionenstädte müssten verlegt werden.

Ist es schon zu spät? Ist die Grenze von 2 Grad Erwärmung über vorindustriellem Niveau noch zu halten? Angesichts des schneller den je ansteigenden CO2-Ausstosses kommen auch Berufsoptimisten Zweifel (Abbildung Global Carbon Project, mit der jährlichen Wachstumsrate). Unter Klimawissenschaftlern macht sich Verzweiflung breit, die Debatte um Geoengineering als letztem Ausweg gewinnt Fahrt.

Wächst mit der Gefahr auch das Rettende?

Nachdem 2007 Klimaschutz ein Topthema der Politik insbesondere in der EU war, hielt 2008 politics and business as usual Einzug. Nach einer Lobbyschlacht, die viele als die härteste seit Bestehen der EU bezeichneten, wurde ihr sogenanntes Klima- und Energiepaket im Dezember verabschiedet. Während einzelne Bestandteile wie die Förderung erneuerbarer Energien durchaus positiv ausfielen, trafen andere Beschlüsse auf harte Kritik der Umweltverbände und Kommentatoren.

Kanzlerin Merkel, auf die viele nach einem starken Auftritt während der EU- und G8-Präsidentschaft ihre Hoffnungen gesetzt hat, erwies sich als „Kanzlerin der deutschen Industrie„, statt als Klimakanzlerin.

Mit einer erlahmten EU und einem Interregnum in den USA versandete die Klimakonferenz in Poznan in Marginalien. Aus sich selbst heraus wird der Prozess kein starkes Abkommen generieren – nur einen kleinsten gemeinsamen Nenner, schlimmstenfalls ein Placebo für ernsthafte Klimapolitik.

Die Lage ist finster. Der Krieg gegen den Klimawandel scheint verloren, bevor wir überhaupt ernsthaft angefangen haben zu kämpfen. Worauf dürfen wir noch hoffen?

Grund zur Hoffnung geben sicher einige technologische Fortschritte. Die erneuerbaren Energien wachsen weltweit rasant mit zweistelligen Wachstumszahlen. Und die technologische Entwicklung geht insbesondere bei Solarenergie rasch weiter. Gegen den Einbruch bei der Finanzierung einiger Großprojekte muss die Politik nun gegenhalten und erweiterte Kreditlinien anbieten.

Doch die größte Hoffnung hat einen Domainnamen: Change.gov. Und ein Gesicht, das des ersten afroamerikanischen Präsidenten der USA.

Waren anfangs seine Aussagen im Wahlkampf noch zwiespältig (z.B. eine anfängliche Unterstützung für Kohleverflüssigung), so hat er sein energie- und klimapolitisches Profil im Verlauf des Wahlkampfs weiter geschärft.

Seine zweite öffentliche Ansprache nach der Wahl galt der Klimapolitik (Video). Er besetzt systematisch die Schlüsselstellen seiner Administration mit ausgewiesenen Fachleuten. Und auch im Kongress stehen die Zeichen auf klimapolitischen Wandel: Mit Henry Waxman hat sich ein durchsetzungsstarker Umweltfachmann den einflussreichen Vorsitz des Ausschusses für Energie des US Repräsentantenhauses durchgesetzt. UPDATE: Auch im Repräsentantenhaus scheint nun mit Ed Markey ein engagierter Klimaschützer den Vorsitz des Unterausschusses für Energie anzustreben. UPDATE2: Gute Nachricht: Markey wird den Vorsitz des Energie und Umwelt-Unterausschusses übernehmen.

Die Karten in den USA werden auf dramatische Weise neu gemischt. Es ist das Ende des Zugriffs der Ölindustrie auf die US-Regierung. Einem Europa, das oft selbstgefällig eine globale Führungsrolle im Klimaschutz für sich reklamierte, erwächst nun eine starke Konkurrenz jenseits des Atlantiks. Kein Grund für Europa, sich nun ermattet zur Ruhe zu legen, sondern im edlen transatlantischen Wettstreit um die ambitionierteste Klimapolitik mitzumischen.

Entscheidend wird sein, ob die Milliarden, die nun in die Wirtschafts gepumpt werden, entschlossen für ein Umsteuern genutzt werden. Ob wie von Obama versprochen ein „Green recovery„, ein „Green new deal“ daraus wird, oder ob wir weiter in die falsche Richtung gehen. Der Einsatz der Bundesregierung für Subventionen für Kohlekraftwerke verweist auf letzteres.

Resignation ist keine Option. Der Kampf hat gerade erst angefangen. Und die schlimmmsten Klimaschäden sind wahrscheinlich noch vermeidbar. Wir müssen nur wollen!

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Diskussion

  1. Lieber Jörg,

    Dein fortgesetztes Gerede vom internationalen Klimaprozess als ´Placebo´ finde ich kontraproduktiv. Der Klimaprozess ist heute zu langsam und unambitioniert, schon richtig. Aber 1. ist er schon jetzt ein klares Signal an die gesamte Welt, dass das Problem Ernst zu nehmen ist 2. damit schon jetzt die Grundlage ohne die es viele progressive Politiken und Investitionsentscheidungen nicht gäbe 3. ist der internationale Prozess auch nicht schlechter als andere Dinge, die immer mal wieder hochgejubelt werden (auch von Dir: Obamas Konjunkturprogramm wird auch zu großen Teilen in den Straßenbau, fragwürdige Biofuels etc, fliessen) und 4. ist ein gutes Klimaabkommen bei der UNFCCC einer der entscheidenden Kämpfe für 2009. Am Anfang des Jahres 2009, DEM Jahr der Mobilisierung für Kopenhagen, den UNFCCC Prozess runterzuschreiben ist deshalb unstrategisch. Jetzt schon darüber zu spekulieren was 2010 und 2011 noch alles verhandelt werden muss ist schädlich!

  2. Daniel, es wäre ein Missverständnis wenn mein Eintrag so gelesen würde, als ob ich den Klimaprozess für überflüssig hielte. Ein gutes UNFCCC Klimaabkommen ist vielleicht sogar DER entscheidende Kampf in 2009 (siehe dazu auch http://www.klima-der-gerechtigkeit.de/wirtschaftskrise-und-krieg-vergehen-das-klima-bleibt/).
    Weil wir es uns nicht leisten könnten, diesen Prozess als Placebo laufen zu lassen.
    Meine Befürchtung ist allerdings, dass die Politik sich allzu gerne mit einem schwachen Abkommen zufrieden gibt. Es wird etwas unterzeichnet, „natürlich mussten Kompromisse eingegangen werden“, alle gehen nach Hause im guten Gefühl „the problem is being dealt with“. Symbolische Politik als Politikersatz.
    Wir brauchen nicht irgendein Kopenhagen Abkommen, sondern eines das wenigstens eine brauchbare Chance bewahrt, unter 2 Grad Erwärmung zu bleiben. Das ist allerdings eine Herkulesaufgabe, die die UNFCCC-Verhandler nur stemmen können, wenn sie von der Ebene der Staatschefs das Mandat für ein entsprechend aggressives Abkommen bekommen. Deshalb halte ich es für sinnvoll wenn sich weitere Foren mit dem Klimathema beschäftigen – um dringend benötigte Impulse für Kopenhagen zu liefern.

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