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USAtomkraft? Eine Renaissance sieht anders aus

Die größte Renaissance, die wir in Sachen Atomkraft erleben, ist die politische Debatte darüber. Gut so, wenn wie in Deutschland die Argumente auf den Tisch kommen und Konservative (wie Umweltminister Norbert Röttgen) in der Atomkraft eine Sackgassen-Technologie sehen und selbst Zeitungen wie die FAZ offen über die katastrophalen Finanzkalkulationen von AKW-Neubauten berichten.

In der USA wird die Debatte leider nicht so offen geführt, sondern ist von ideologischen Halbwahrheiten, politischem Kalkül und einer uninformierten Oeffentlichkeit geprägt. Selbst Barrack Obama, bislang der oberste Klimaretter der Nation, spricht sich (zum Beispiel in seiner State-of-the-Union-Rede) für den Neubau von Atomkraftwerken aus. Konsequent sind im vom Weißen Haus vorgelegten Etatplan mehr als 50 Mrd. Dollar an Bürgschaften für den AKW-Neubau eingestellt. Stehen wir also in der USA vor einer Renaissance der Atomkraft?

Es lohnt ein Blick zurück. Schon vor einigen Jahren hat George W. Bush ein Bürgschaftsprogramm für neue AKWs aufgelegt. Die Bilanz ist – aus Sicht der Atomlobby – verheerend. Von den 19 eingereichten Bewerbungen sind 15 Anträge abgewiesen worden. Selbst die verbliebenen 4 Projekte sind nicht mit Bürgschaften finanzierbar, wie Sean Pool vom Center for American Progress zuletzt auf www.climateprogress.org aufgelistet hat:

To summarize, of the 19 applications that the DOE recieved for the Title XVII nuclear loan guarantee program, only four were even worth looking at, and of those four:

  1. The first (in Georgia) hasn’t even had its reactor design approved as ’safe’ by the Nuclear Regulatory Commission.
  2. The second (in South Texas) is already $4 billion over budget, though they haven’t even put a shovel in the ground yet (and let’s not forget about NRG’s last failed attempt to build a reactor in Texas, where the initial cost estimate of $6 billion ballooned to a staggering $22 billion within two years of planning).
  3. The third (in South Carolina) is not-yet certified as ’safe’, built mostly from imported foreign components, is more than 18 months behind schedule, and is half a billion dollars over-cost.
  4. The fourth (in Maryland) is so far over budget that the executive director for Nuclear Information and Resource Service said it would end up costing $9,000 per kilowatt (that’s roughly double the cost of developing an equivalent amount of wind power in the same region).

Obama verdreifacht in seinem Etatvorschlag die Bürgschaften auf 54 Mrd. Dollar. Bessern sich jetzt also die Aussichten für die geplanten Projekte? Kommen gar etliche neue dazu? US-Energieminister Steven Chu argumentiert, dass die neuen Haushaltsmittel den Bau von 7-10 neuen AKWs unterstützen könnten. Ob die kommen, ist aber fraglich.

Zwar sind die Strommärkte innerhalb der USA weitgehend abgeschottet, so dass einmal gebaute AKWs auf Monopolmärkten von Wettbewerb verschont bleiben – was die Stromkunden in etlichen Bundesstaaten schmerzlich zu spüren bekommen (zum Beispiel in Florida, in Georgia und in Missouri). Doch der Widerstand gegen die finanziellen Abenteuer der Atomindustrie wächst (trotz ihrer millionenschweren Lobbyarbeit). Vielerorts müssen die Tarife für Stromkunden von Stadträten und gewählten Kommissionen abgesegnet werden. Viele der politisch Verantwortlichen weigern sich inzwischen, die hohen Kosten der Atomkraft einfach auf die Stromkunden abzuwälzen, siehe hier. Hier lauert das eigentliche Dilemma. Wenn die Stromkunden vor den ausufernden Kosten geschützt werden, sollen eben die Steuerzahler einspringen. Doch trotz der neuen Bürgschaften dominieren die finanziellen Risiken. Die Zahlen von ausufernden Kosten sprechen eine eindeutige Sprache.

Warum also will Obama die Bürgschaften erhöhen und lässt sich hart von den NGOs wie Friends of the Earth kritisieren? Obama und seine Mitstreiter wissen, dass der Durchbruch bei den Beratungen zum Klimagesetz nur dann gelingt, wenn Senatoren aus dem konservativen Lager gewonnen werden. Wie schon im Herbst gebloggt, erleichtert die Rhetorik von neuen Atomkraftwerken und weiteren Öl- und Gasbohrungen vor den US-Küsten etlichen konservativen Demokraten und moderaten Republikanern die Zustimmung vom Gesetz.

Kröten schlucken nenne ich das. Aber eine Renaissance sieht anders aus. Gewöhnen wir uns daran, dass in der USA der Mythos der Atomkraft noch ein bisschen länger als in Deutschland gepflegt wird.

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Diskussion

  1. So wie sich die Rechnungen anhören, ist die Kröte Kernenergie aber (aus Klimaperspektive) besser als die Kröte Oil-drilling. Sicher ist beides besser als die Merkel-Abwrackprämie. Warum? Weil sich so Stimmen für „das Bessere“ erkauft werden können ohne vielleicht viel dafür zu zahlen. Bürgschaften heißen nicht unbedingt Ausgaben und anscheinend ist der Wind der Wirtschaftlichkeit UND der Öffentlichkeit langsam auch in den Staaten gegen Atomkraft. Hoffentlich bekommen das die „etlichen konservativen Demokraten und moderaten Republikanern“ erst nach der Abstimmung im Senat mit – sonst werden die Kröten noch dicker…

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