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Weltpolitik statt Minderwertigkeitskomplex

Zum ersten Mal seit COP15 äußert sich Chinas Chef öffentlich zu seiner Rolle in der letzten Verhandlungsnacht in Kopenhagen. Immerhin. Bisher hatte Wen Jiabao dazu geschwiegen. Besser spät als nie, könnte man meinen, kommt die Schilderung mit seinen eigenen Worten. Doch jedenfalls aus einer europäischen Perspektive stellt sich Wen’s Haltung in Kopenhagen als eine ziemlich bedauerliche Mischung von Eitelkeit und Minderwertigkeitskomplex dar. Der Bericht des Third World Networks über Wen’s eigene Darstellung bestätigt, was bereits am 25.12. in einem Zeitungsartikel in China kolportiert aber außerhalb von China kaum von den Medien aufgegriffen wurde. Wer Lust hat, kann sich Wen auch live im Video-Clip ansehen:

Wen hätte am Abend des Mittwoch (16.12.) beim Empfang und Dinner der Queen über einen Vertreter eines anderen Landes zufällig erfahren, dass später ein Treffen einer Gruppe von Ländern für den Kopenhagen-Accord stattfinden soll. Dann hätte er gesehen, dass China zwar auf der Teilnehmerliste für dieses Treffen steht. Er persönlich habe aber keine Einladung erhalten, und auch die Chinesische Delegation wäre nicht über das Treffen unterrichtet gewesen. Daher habe er einen niedrig-rangigen Vertreter zu dem Treffen geschickt.

Wie die Story dann weitergeht, kennt man aus dem Guardian-Artikel, dessen Interpretation der letzten Nacht von Kopenhagen die Medien weltweit dominiert hat – allerdings mit einem arg einseitigen China-Bashing: der Vertreter Chinas hätte immer wieder mit Wen Jiabao telefonieren müssen, der in seinem Hotelzimmer saß, um sich bei Entscheidungen rück zu versichern. Währenddessen hätten die größten Staatschefs der Welt – alle persönlich bei dem Treffen anwesend – Däumchen drehen und dann mehr oder weniger fressen müssen, was Wen in seinem Hotelzimmer im Alleingang entscheidet.

Diese Sicht vergisst zwar, dass China gute Gründe hatte, einen greenwash-deal in Kopenhagen zu verhindern. Ich persönlich bin froh darüber und denke, dass ein “Scheitern als Chance” besser ist als ein greenwash-deal, der keinem was bringt (siehe unsere Kopenhagen-Analyse “Failure or Opportunity”).

Aber ich frage mich schon, wie hoch das Maß an Eitelkeit eines Staatschefs gehen darf, wenn das Weltklima auf dem Spiel steht. Ein normaler Mensch sieht das doch so: Entweder, China wurde nicht eingeladen und nimmt daher auch überhaupt nicht Teil. Dann wäre der Ball bei den anderen Staatschefs gewesen und sie hätten Wen anrufen und fragten müssen, wo er denn bleibt; es war doch klar, dass ein Deal nicht ohne China verhandelt werden kann. Oder aber, Wen zeigt sich selbstbewusst und geht einfach persönlich hin, weil er ja weiß, dass China auf der Einladungsliste steht und Obama et al. auch persönlich da sein werden.

Dass er indessen einen Vertreter schickt, aber doch nicht selbst hingeht, ist inkonsequent und inkonsistent. Ein Spielchen, bei dem Wen im Hotelzimmer schmollt, alle anderen es einfach nur strange finden, und eigentlich gar nicht wirklich verhandelt werden kann. Eigentlich dachte ich bisher, genau das wäre auch Wen’s Strategie gewesen: nicht zu verhandeln, damit er keinem greenwash-deal zustimmen muss. Aber dass er jetzt mit eigenen Worten berichtet, er wäre nicht bei dem Treffen gewesen aus Missverständnis oder Eitelkeit oder Minderwertigkeitskomplex, ist schon traurig. Wenn China wirklich Weltmacht sein will, müssen auch ihre Führer entsprechend auftreten.

Es ist bitter aber wohl die Realität, wie die Geschicke der großen Weltpolitik immer wieder an den Persönlichkeitsstrukturen von Einzelpersonen kränkeln. In Kopenhagen lag es natürlich nicht nur an Wen, sondern auch an der miserablen Performance des dänischen COP-Präsident Rassmussen und noch einigen anderen, die ebenfalls als Personen das Scheitern mitzuverantworten haben.

Quelle Foto: United Nations Photo auf Flickr.com mit Creative Commons Lizenz

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