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Peak Coal – Das Ende der billigen Kohle

In einem aktuellen Artikel in der Zeitschrift Nature argumentieren die Autoren David Fridley und Richard Heinberg, dass entgegen früherer Einschätzungen und Verlautbarungen vieler Regierungen die Kohlereserven sehr viel früher zur Neige gehen und wir ab 2020 den weltweiten Bedarf nicht mehr werden decken können.

Peak Coal ist demnach nur eine Frage von wenigen Jahren und nicht etwa von Jahrzehnten, wie es beispielsweise die chinesische Regierung gerne darstellt. Dies belegen wohl zahlreiche aktuelle Studien, so die Autoren. Wichtiger Grund ist das Wirtschaftswachstum in den Schwellenländern und die steigende Nachfrage nach Kohle weltweit. Selbst China – großer Kohleproduzent – ist inzwischen Nettoimporteur.

Insgesamt kann man wohl sagen, dass die Daten zu Kohlereserven global nicht sehr gut sind.

So hat z.B. die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) 2004 die deutschen Steinkohlereserveschätzungen mit einem Schlag um 99 % (!) nach unten korrigiert. Die Daten anderer Länder sind zum Teil stark veraltet bzw. wurden ebenfalls nach unten korrigiert. Eine gute Einschätzung hierzu gibt der Kohle-Report der Energy Watch Group von 2007.

Doch was bedeutet das, wenn wir neben Peak Oil und Peak Uran (siehe dazu hier) auch noch mit Peak Coal umgehen müssen? Eigentlich nichts Neues, aber eine Verschärfung der Botschaft an die Politik: Wir müssen so schnell wie möglich weg von der fossilen Ressourcenbasis! Wenn die Kohle ausgeht, hilft auch CCS nicht mehr viel. Das müssen wir im Kopf haben, wenn wir neue Kohlekraftwerke planen und bauen.

Gleichzeitig stellt sich meiner Meinung nach angesichts der Endlichkeit unserer Ressourcenbasis – und auch die grünen Technologien brauchen endliche und häufig knappe (z.B. mineralische) Rohstoffe – noch einmal mehr die Frage, wieviel Wachstum unsere begrenzte Welt noch vertragen kann. Der Frage entkommen wir nicht, auch nicht mit noch so viel Effizienz, Recycling und Einsparung.

Foto: „Mouth Of Coal Mine In Mountain Ridge West Of Ta Chu, China MAR [1909] Thomas C. Chamberlin [RESTORED]“ auf flickr.com von ralphrepo mit Creative Commons Lizenz.

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Diskussion

  1. China zeigt exemplarisch, wie es sich mit statischen Reichweiten verhält:
    vor 17 Jahren konnten sie noch auf komfortable statische Kohlereichweiten von 180 Jahren schauen. Heute hat sich die nationale Kohlereichweite gedrittelt auf ca. 60 Jahre. Kunststück, wenn die Kohleförderung verdreifacht wird.
    Sehr schön in der folgenden Übersicht zu verfolgen:

    http://mazamascience.com/OilExport/

    Bitte „Coal“ und in der Länderliste „China“ auswählen. Auch die anderen Angaben über Öl und Gas, bezogen auf fast alle Länder und unterteilt in Förderung, Eigenverbrauch und Export-/Importmenge sind interessant.

    Mit statischen Reichweiten wird heute versucht, die Menschen zu beruhigen. Aber wie man sieht, ist nichts auf der Welt statisch, sondern extrem dynamisch. Und so schrumpft manche statische Reichweite wie das Eis in der Arktis.
    Von den ganzen sozialen und ökologischen Begleiterscheinungen ganz zu schweigen.
    Beispiel:

    http://www.neues-deutschland.de/artikel/186532.schmutzige-steinkohle-fuer-e-on-co.html

    Und dann gibt es noch einen wichtigen Aspekt: die „niedrighängenden Früchte“ werden immer zuerst gepflückt. Zuerst werden also die am leichtesten zu erreichenden, hochwertigsten Kohlevorkommen mit der größten Flözstärke ausgebeutet. Aber in der Zukunft werden solche überaus hochwertigen Vorkommen wie in Australien, wo im Tagebau hochwertige Steinkohle gefördert wird, immer seltener werden. Der globale Mix der zu fördernden Kohle wird tendenziell immer schwefelhaltiger, die Vorkommen liegen tendenziell immer tiefer, die durchschnittlichen Flözstärken werden immer geringer usw.
    Das heißt natürlich auch: der finanzielle und energetische Input zur Förderung einer Tonne Kohle steigt tendenziell immer weiter an und das Abbautempo wird geringer. Wenn die globale Kohleförderung beginnt zurückzugehen, dann sind immer noch große Mengen förderbarer Kohle vorhanden und man könnte sich immer noch mit komfortablen statischen Reichweiten beruhigen.
    Diese simple Erkenntnis gilt für nahezu alle Rohstoffe, von Öl über Kupfer bis Dysprosium.

    Und zu China: die für dieses Jahr geplanten 400 Kohlekraftwerke (im Durchschnitt der 1000-MW-Klasse) werden für einen weiter kräftigen Anstieg des Kohleverbrauchs sorgen. Da aber die chinesische Kohleförderung kaum noch wesentlich zu steigern ist, kann angenommen werden, dass der Importbedarf Chinas im Jahr 2020 zwischen 500 Millionen und einer Milliarde Tonnen p.a. liegen wird, in den 20er Jahre weiter stark ansteigend. Das ist mehr, als der gesamte globale Kohleexportmarkt heute hergibt. Exportkohle dürfte also in einigen Jahren ziemlich knapp und teuer werden. Da ist die Frage, wann Peak Coal (global) überschritten wird, sogar zweitrangig. Zumindest für die Länder, die auf Kohleimporte angewiesen sind.

    • Öl, Kohle und Gas sind nur in begrenzten Mengen vorhanden, daher muss die Menschheit den immer noch wachsenden Energiebedarf zunehmend aus anderen Quellen decken.Wichtigste Alternative bleibt die in Deutschland, der Schweiz und Österreich umstrittene Kernenergie. Uran reicht für Jahrzehnte, mit Schnellen Brütern für Jahrhunderte, bei Berücksichtigung ärmerer Erze für Jahrtausende. Da der Preis für Natururan nur wenige % der Stromgestehungskosten ausmacht, hätte auch eine Preisverdoppelung nur wenig Einfluss auf die Stromkosten.
      Indien baut bereits einen Schnellen Brüter für die Nutzung von Thorium. Damit wären die Energieprobleme für Jahrtausende wirtschaftlich und umweltverträglich gelöst- selbst bei weiter steigendem Verbrauch.

  2. Korrektur: „Die für dieses JAHRZEHNT geplanten 400 Kohlekraftwerke…“ wäre die richtige Formulierung gewesen.

  3. „Der Frage entkommen wir nicht, auch nicht mit noch so viel Effizienz, Recycling und Einsparung.“

    Das ist übrigens ein entscheidender Satz. Natürlich sind Effizienz und Recycling absolut wichtig (abgesehen davon, dass Öl, Gas und Kohle nicht zu rcyceln sind, wenn man von marginalem Recycling von Plasten absieht).

    Bei Effizienzsteigerungen gibt es meistens einen Rebound-Effekt, sehr gut beschrieben im Buch „Wir Schwätzer im Treibhaus“ von Hänggi.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Rebound_(%C3%96konomie)

    Recycling ist ein MUSS, wer wollte das bestreiten. Aber der Begriff „Kreislaufwirtschaft“ gaukelt vor, man könne sich einer 100%-Rate beim Recyceln annähern.
    Warum werden z.B. seltene Metalle (speziell der seltenen-Erden-Gruppe) bisher fast nicht recycelt? Weil es unglaublich teuer und energieintensiv wäre, bei diesen Materiealien eine Recyclingrate auch nur von 50% zu erreichen.
    Ab einer gewissen Rate muss ein exponentiell steigender finanzieller und energetischer Aufwand betrieben werden, um die Recyclingrate um ein weiteres Prozent zu steigern.
    Und natürliche Ressourcen wie z.B. fossile Grundwasseraquifere oder frei lebende Meeresfischbestände lassen sich ohnehin nicht recyceln.

    Das Thema der Zukunft ist SUFFIZIENZ. Mein Opa hätte schlicht „Bescheidenheit“ gesagt. Und zwar in einem Ausmaß, dass selbst wir, für diese Themen sensibilisierten Menschen, aus heutiger Sicht als glatte Zumutung empfinden würden.
    Diese Ära der Bescheidenheit kommt ohnehin auf uns zu, noch zu unseren Lebzeiten. Ohne dass wir gefragt würden, ob wir damit einverstanden sind.
    Um so wichtiger wird es sein, das Problem der sozialen Zerrissenheit der Menschheit zu lösen, damit die sozial Beachteiligten nicht völlig ihre physische Lebensgrundlage verlieren, während andere noch in relativem Wohlstand die letzten Ressourcen verbraten.

    Schade, dass hier so wenig Diskussionsbeiträge eingestellt werden. Ist ein wirklich guter Blog, der genau die entscheidenden Zukunftsthemen anspricht.

  4. Ihr sprecht mir aus der Seele,
    endlich hab ich einen Beweis, dass ich nicht der Einzige auf dieser Welt bin, der so denkt.
    Habt Dank

  5. Vielen Dank für den Hinweis. In Cancun haben wir von der Zero Emissions Working Group der YOUNGOs (Jugendorganisationen als Beobachter bei der UNFCCC) eine kleine Aktion gemacht, um darauf hinzuweisen, dass die fossilen Reserven weitaus größer sind als das, was wir nutzen können, wenn wir es ernst mit 2° oder 1,5° meinen. (http://kjellkuehne.blogspot.com/2010/12/leave-it-in-ground-only-way-to-solve.html)
    Das erschütternde Vorspiel zu dieser Aktion war, dass eine Literatursuche weder beim IPCC (da gibt es nur eine Tabelle mit ungefähren Reservenschätzungen) noch bei der International Energy Agency, noch sonst irgendwo ergeben hat, dass die fossilen Reserven direkt mit den Klimazielen in Zusammenhang gesetzt würden. Einzige löbliche Ausnahme war Malte Meinshausen et al. 2009 ebenfalls in Nature (http://www.ecoequity.org/wp-content/uploads/2009/07/meinshausen_nature.pdf). Ach ja, und 2001 gab es mal einen Artikel von Michael Grubb zum Thema (http://www.sciencedirect.com/science?_ob=ArticleURL&_udi=B6V2W-43HK1YJ-2&_user=10&_coverDate=09/30/2001&_rdoc=1&_fmt=high&_orig=search&_origin=search&_sort=d&_docanchor=&view=c&_searchStrId=1606685970&_rerunOrigin=google&_acct=C000050221&_version=1&_urlVersion=0&_userid=10&md5=e111d39c179f47ab487ce85b07b1fd28&searchtype=a), seit dem schlummert das vor sich hin.
    Wie sollen wir die Klimaziele erreichen, wenn in den Energieministerien fröhlich weiter die Förderung ausgebaut, und sogar noch Milliarden investiert werden, um den „fossilen Kuchen“ zu vergrößern? Das muss unbedingt auf die UNFCCC-Tagesordnung. Wir versuchen das voranzubringen und können dabei Unterstützung gebrauchen!

    • Ja, die Anstrengungen, die fossilen Schätze zu heben (insbesondere die am reichlichsten vorhandene Kohle) werden weiter maximiert.
      Unter anderem auch besonders CO2-trächtige Vorkommen wie Teersand, Schweröl und mittlerweile sogar sogenanntes Schieferöl (tatsächlich handelt es sich um Kerogenmergel).
      Bei allen diesen Vorkommen, deren Nettoenergieertrag relativ niedrig liegt (EROEI von 2,5…4) muss zusätzlich zu den CO2-Emissionen bei der Verbrennung der geförderten Mengen noch die CO2-Emission des gewaltigen Energie-Inputs bei Förderung und Verarbeitung dazugerechnet werden.
      China setzt weiter intensiv auf Kohle, Indien setzt ebenfalls verstärkt Kohle ein.
      Die Weichen für ständig steigende CO2-Emissionen werden in verschiedenen Ländern mit großer Intensität getellt.
      Auch bei dem boomenden Shale-Gas-Fracking gelangt offensichtlich freigestztes Methan bis an die Bodenoberfläche und entweicht in die Atmosphäre.

      Und ganz nebenbei: die Kohlenwasserstoffmenge in den Permafrostböden wird auf 1 Gigatonne geschätzt – mehr als alle Öl-, Gas- und Kohlevorkommen zusammen. Die Freisetzung durch rückkoppelndes Abtauen erfolgt zum größeren Teil in Form von Methan.
      Und schließlich wird die Menge des in den ozeanischen Hydraten gespeicherten Methans auf 9 bis 12 Gigatonnen geschätzt – also wiederum mehr als alle Kohlenwasserstoffe, die in Öl, Gas, Kohle, Torfmooren UND Permafrost enthalten sind.
      Natürlich wird nicht der gesamte Permafrost auftauen oder gar ein großer Prozentsatz der Methanhydrate. Aber alleine, wenn 30% des Permafrostes oder 3% der Methanhydrate rückkoppelnd auftauen sollten, würden wir in einer völlig anderen Welt leben. Falsch! Menschen würden in dieser Welt dann nicht mehr leben.
      Klimaforscher vermuten, dass die Superwarmzeit vor 55 Mio Jahren (8 Grad höheres Temperaturniveau als heute) durch Methanblowouts zustande kam, die rückkoppelnd durch einen kräftigen Anfangsimpuls infolge verstärkten ozeanischen Vulkanismus verursacht wurden.

      Alle diese potenziell möglichen Rückkopplungen sind in keiner der aktuellen Computerberechnungen enthalten – nicht einmal als eines von mehreren Szenarien. Mangels konkreten Wissens um die Kipppunkte und komplizierten Zusammenhänge.

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