--> -->

Hungerrevolten in 2011?

Während wir uns hierzulande aktuell vor allem darum sorgen, wie wir die Pfunde und Kilos wieder loswerden, die wir uns über die Feiertage unnötigerweise angefressen haben und die Zeitschriften mit Diätplänen um die Wette eifern, sieht die Lage global ganz anders aus. Die FAO warnt vor akuten Hungerrevolten in 2011 (FAO Statistik hier).

Grund sind die extremen Wetterereignisse in 2010 (Feuer in Russland, Überflutungen in Pakistan, Überschwemmungen allerorts), die die Ernten zerstört haben und die Preise für Grundnahrungsmittel in die Höhe treiben. Entspannung ist erst wieder mit der nächsten Ernte in einigen Monaten in Sicht (siehe z.B. hier und hier). Aber auch da kann das Klima uns noch einen gewaltigen Strich durch die Rechnung machen.

Nicht genannt wird der Faktor Ölpreis. Aber auch der spielt in der Landwirtschaft, die in fast allen Produktionsschritten vom Öl abhängig ist, eine gewaltige Rolle. Und sogar die IEA geht inzwischen fest davon aus, dass niedrige Ölpreise der Vergangenheit angehören und wir uns dauerhaft auf hohe Preise einstellen müssen.

Peak Oil, Klimawandel und Hungerrevolten – auch wenn der Zusammenhang auf den ersten Blick nicht einleuchten mag, liegt er sehr nah, gefährlich nah für all die, deren täglich Brot nicht sicher ist.

Dieser Artikel wurde unter Klimaregime kategorisiert und ist mit , verschlagwortet.

Diskussion

  1. Beispiel Indien:
    jedes Jahr werden aus teils nicht regenerierbaren Grundwasseraquiferen (sogenanntes fossiles Grundwasser) 250 Kubikkilometer Wasser für die Bewässerung und die sich entwickelnde Industrie entnommen, mittels 21 Millionen Elektropumpen. Das entspricht der 5-fachen Jahresdurchflussmenge des Nil, pro Inder sind das über 200 000 Liter Wasser pro Jahr (siehe Buch „Wenn die Flüsse versiegen“ von Fred Pearce).
    Diese riesige Wassermenge, die zusätzlich erschlossen wurde, hat die „grüne Revolution“ erst möglich gemacht, was immerhin dazu geführt hat, dass sich die Ernährungslage in Indien in den letzten 4 Jahrzehnten verbessert hat, obwohl sich die Bevölkerungszahl annähernd verdoppelt hat auf fast 1,2 Milliarden. Bis 2050 wird fast noch einmal eine halbe Milliarde Menschen dazukommen. Dann werden gut 500 Einwohner auf einen Quadratkilometer kommen, die Hochgebirgsregionen, die Wüste Thar und andere wenig nutzbare Gebiete in Zentralindien mitgerechnet.
    Die Bohrungen, aus denen das Grundwasser gepumpt wird, müssen ständig tiefer gebohrt werden. In einigen Landesteilen sind die Brunnen bereits versiegt.
    In küstennahen Gebieten gibt es zunehmend das Problem der Versalzung der Grundwasseraquifere durch nachdringendes Brackwasser auf Grund der exzessiven Ennahme von Süßwasser. (ein riesiges Problem auch in anderen Küstenregionen – z.B. im Nildelta, im Großraum Jakarta und Manila usw).
    In manchen Bundesstaaten sind die Elektropumpen zur Wasserförderung bereits der größte Stromverbraucher.

    Die Oberflächengewässer sind teilweise stark kontaminiert (z.B. der Yamuna) und eignen sich immer schlechter für die Bewässerung der Ackerflächen.
    Das Wasserproblem befeuert die Landflucht, die aus Indien in den nächsten Jahrzehnten eine deulich mehr städtisch geprägte Bevölkerung machen wird. Gleichzeitig wird die Produktivität der Landwirtschaft kaum weiter steigen können – infolge des Problems der zurückgehenden Ölverfügbarkeit und natürlich des Wasserproblems.
    Viele Bauern werden immer abhängiger von teurem Hybridsaatgut, was zu verschärfter Schuldknechtschaft gegenüber transnationalen Agrarkonzernen und lokalen Saathändlern führt.
    In den letzten Jahren zeichnet sich ein Trend zu sehr heißen Frühjahrsmonaten ab (März bis Mitte Juni) sowie zu kürzeren Monsunzeiten mit allerdings teils überdurchschnittlichen Starkniederschlägen. Dabei ist es noch günstig, dass der durchschnittlich 4-monatige Monsun überhaupt mit großer Regelmäßigkeit aufgetreten ist in den letzten Jahrzehnten. Im 19. Jahrhundert gab es mehrfach ausgefallene Monsunzeiten.
    Immer mehr wertvolle Ackerfläche wird überbaut oder geht durch Degradation, Erosion und Versalzung verloren.

    Diese und weitere Faktoren berücksichtigend ist zu befürchten , dass bestenfalls die Hälfte der Bevölkerung noch zu ernähren ist, wenn sich die Menschenzahl dem Maximum von 1,7 Milliarden annähert. Dann wird der Wasserjackpot aus der Tiefe weitgehend verbraucht sein und der Ölinput zur jetzt beginnenden Mechanisierung der Landwirtschaft nicht mehr zur Verfügung stehen.
    Der Weltagrarhandel wird durch die sprunghaft steigende Nachfrage aus Ländern wie Indien, China, Ägypten, Saudi-Arabien, Pakistan, Bangladesch, des südsaharischen Afrika sowie durch das Problem des einbrechenden Ölexporthandels höchst wahrscheinlich kollabieren.
    Pakistan und Bangladesch stehen vor gleichen Problemen in der Zukunft wie Indien. Dass 2 dieser 3 Länder Atommächte sind ist ja bekannt.

  2. Beispiel Ägypten:
    statt heute 83 Millionen Einwohner werden sich im Jahr 2040 etwa 135 Millionen Menschen im engen Niltal und dem Nildelta sowie wenigen schmalen Küstenabschnitten drängen. Die Urbanisierung wird dann sehr stark vorangeschritten sein von aktuell 44% auf dann über 60%, so dass immer weniger Landwirte immer mehr Städter ernähren müssen. Die Produktivität der Landwirtschaft wird jedoch eher abfallen als zunehmen durch die Rückabwicklung der jetzt beginnenden Mechanisierung.
    Deutlich mehr Gebiete werden überbaut sein in 30 Jahren, so dass die landwirtschaftliche Nutzfläche weiter zurückgehen wird. Im Nildelta werden mit großer Wahrscheinlichkeit weitere Gebiete versalzen und für die Landwirtschaft unbrauchbar werden.
    Durch das Fehlen des Nilschlamms infolge der nicht mehr vorhandenen jährlichen Überschwemmungen wird die Bodenfruchtbarkeit zurückgehen. Auch das heute mögliche Aufpäppeln der Böden durch küstlichen Dünger wird durch die immense Verteuerung der Ausgangsprodukte Öl und Gas dann nicht mehr mäglich sein. Vermutlich wird den ägyptischen Landwirten in 30 Jahren auch weniger Kali und Phosphor zur Verfügung stehen. Die heute noch recht hohen Hektarerträge werden sich also kaum halten lassen.
    Es wird einen verschärften Kampf um das Nilwasser geben mit den flussaufwärts gelegenen Ländern, die einen noch größeren Bevölkerungszuwachs aufweisen als Ägypten.
    Die heutige Wassermenge aus fossilen Grundwasseraquiferen wird dann nicht mehr zur Verfügung stehen.
    Die ägytischen Ölvorkommen werden bis 2040 weitestgehend erschöpft sein. Während Ägypten vor 18 Jahren noch 50% seine Ölförderung exportieren konnte, steht das Land schon heute an der Schwelle zur Imortabhängigkeit. Auch die geingen Gasvorkommen werden dann erschöpft sein. Kohlevorkommen besitzt Ägypten nicht.
    Die energetische Kapazität des Assuan-Staudammes wird in 30 Jahren durch weitgehende Verlandung des Stausees wesentlich geringer sein als heute.
    Die Möglichkeit, den großen und weiter stark steigenden Importbedarf an Lebensmitteln zu befriedigen wird nicht mehr gegeben sein infolge der generellen Überbeanspruchung der Weltexportmärkte bei Lebensmitteln und auf Grund des Kollapses des Tourismus, der wichtigsten Ennahmequelle Ägyptens. (Der Massenferntourismus nach Ägypten wird durch die Ölproblematik und durch Hungerrevolten weitgehnd zum Erliegen kommen)Der Import von dann sehr teuren Lebensmitteln wird nicht mehr zu finanzieren sein, nicht einmal in annähernd der heutigen Menge.

  3. 2010 oder 2011 oder 2010? Das verwirrt ein wenig.

  4. Danke für den Hinweis. Die FAO warnt vor Hungerrevolten in 2011. Hab’s im Text geändert. Lili

  5. Weil es ja eine gewisse Aktualität hat, einige Informationen zur Entwicklung der ägyptischen Landwirtschaft:
    mit der Errichtung des Nasser-Staudammes wurden die flussabwärts gelegenen Gebiete, insbesondere das Nildelta, von der fruchtbaren jährlichen Schlammfracht abgeschnitten. Dieser Schlamm machte vorher Rekordernten möglich und verhinderte trotz starker Verdunstung die Versalzung der Böden. Und er sorgte für ein ständiges Wachstum des Nildeltas.
    Nach dem Staudammbau geht nun die Fläche des Nildeltas langsam wieder zurück, die Versalzung landwirtschaftlicher Flächen schreitet voran, denn im Nasser-Stausee verdunsten jährlich etwa 14 Kubikkilomerter Wasser, was zu einem höheren Mineralstoffgehalt des Wassers führt.
    Die Bodenfruchtbarkeit wird nur noch durch Massen an Kunstdünger aufrecht erhalten, der aus dem in Ägypten NOCH geförderten Erdgas erzeugt wird. Dabei sind die Kunstdüngerfabriken Großverbraucher des vom Staudamm erzeugten Stroms.
    Die jährlich 130 Millionen Tonnen fruchtbaren Nilschlamms lagern sich nun am Grund des Nasser-Stausees ab und werden dazu führen, dass in wenigen Jahrzehnten die energetische Kapazität des Stauprojekts zum Erliegen kommt. Dann gibt es nicht einmal den einzig positiven Aspekt – die Stromproduktion – nicht mehr.
    Wenn die ägyptischen Gasvorkommen aufgebraucht sind und das verarmte Ägypten auch kaum noch immer teurer werdenden Kunstdünger wird importieren können, geht eine 7000-jährige Erfolgsgeschichte des intensiven Ackerbaus im Niltal/Nildelta zu Ende.
    Was dies für die dann deutlich über 100 Millionen Ägypter bedeuten wird, mag sich jeder selbst ausmalen.
    Britische Hydrologen hatten im Vorfeld des Staudammbaus vor diesem Projekt gewarnt. Ind diesem Falle hätte man AUSNAHMSWEISE mal auf westliche Experten hören sollen.
    Ähnlich verheerende Entwicklungen durch Negierung hydrologischen Wissens gibt es in etlichen dicht besiedelten Bereichen des Welt: In Pakistan, Nordostchina (jetzt auch Südostchina), dem Südwesten der USA, im Bereich des Mekong, im Aralgebiet und vielen anderen Regionen.

  6. So, wie es aussieht, könnte das Ernährungsthema und daraus resultierende soziale und politische Konsequenzen das beherrschende Thema des Jahres 2011 werden:

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,744566,00.html

    Die Dürren in den landwirtschaftlich nutzbaren Teilen Chinas werden immer häufger und heftiger.
    Aber klar – es gibt ja keinen anthropogenen Klimawandel…

    Im Auslanddsjournal waren vorhin Bilder von den ausgedehnten Torfbränden in Russland zu sehen, die immer noch tief im Boden unter Eis und Schnee wüten.
    Die Russen können sich nur sehnlichst einen total verregneten Sommer wünschen.

Kommentieren