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Schlechter Einfluss in der Klimapolitik: Die McKinsey Cost Curves

Die Analyse und Kritik war überfällig. Seit Jahren arbeiten Experten und Politiker im Klimathema mit den sog. ‚Marginal Abatement Cost Curves‘ des Wirtschaftsberatungsunternehmens McKinsey (siehe z.B. hier, hier und hier). Die Daten von McKinsey, um die es geht,  stellen die zusätzlichen Kosten dar, die anfallen, wenn in bestimmten Sektoren (Energie, Boden, Wald usw.) Emissionen eingespart werden sollen, und bieten damit eine Entscheidungsvorlage für Regierungen. Sie werden von verschiedenen Regierungen in der Klimaverhandlungen als objektive Datenbasis angeführt und tauchen in sehr vielen Powerpointpräsentationen immer wieder auf. Sie gelten inzwischen sozusagen als gegebener Wissensstand. Hinterfragt haben das viele, aber genauer hingeschaut hat noch keiner.

Wie genau McKinsey diese Kosten berechnet hat, war nämlich bisher nicht öffentlich und transparent. Greenpeace hat nun beim Energy Institute des University College of London eine Analyse der McKinsey Cost Curves in Auftrag gegeben und die Ergebnisse sind besorgniserregend. So stellen sie zum einen fest, dass es bestimmte Kosten gibt, die gar nicht mit eingerechnet wurden, vor allem soziale Kosten. Andere Gewinne (positive Nebeneffekte) finden auch keine Berücksichtigung. Zum anderen liegen den Berechnungen verschiedene Annahmen zu Grunde, die nicht explizit genannt werden, aber das Ergebnis stark beeinflussen. Die Analyse des Energy Institutes gibt es hier; den Bericht von Greenpeace (Titel: „Bad Influence“ = „Schlechter Einfluss“) hier.

Vor allem für den Waldschutz hat der große Einfluss von McKinsey negative Folgen. McKinsey ist laut Greenpeace weltweiter Marktführer bei der Beratung von Regierungen zur Einführung von Waldschutzprogrammen zur Erzeugung von Klimaschutzzertifikaten (REDD). Greenpeace stellt nun die These auf, dass der Einfluss von McKinsey dazu führt, dass Klimafinanzierungsgelder dafür eingesetzt werden, dass die Waldzerstörung zu- statt abnimmt. Das liege daran, dass die Kostenberechnungen falsche Anreize setzen. Zum Beispiel indem die Regierungen waldreicher Staaten dazu angeleitet würden, zu hohe Raten potentieller zukunftiger Entwaldung anzunehmen. Bestimmte Nebenkosten dagegen würden komplett entfallen.

Die Cost Curves (und es gibt nicht nur die von McKinsey) haben einen wichtigen Beitrag zur internationalen Debatte geleistet, vor allem auch, weil sie gute Argumente dafür liefern, dass Klimaschutz machbar und bezahlbar ist, wenn es richtig angegangen wird. Insofern ist es nicht wünschenswert, dass diese Argumente dadurch an Gewicht verlieren, dass die Daten in Kritik geraten. Aber Greenpeace hat wieder einmal mehr gezeigt, wie wichtig es ist, dass wir uns bei der Lösung zentraler ökologischer und sozialer Probleme nicht auf diejenigen verlassen, die diese mitverursacht haben und vom Fortgang der Krisen profitieren. Und Mckinsey zählt bekanntlich nicht gerade zu den Kritikern eines Wirtschaftssystems, das uns ins Klimachaos geführt hat. Dass sie (und viele andere) nun die Chancen eines grünen Kapitalismus, einer ‚Green Economy‘ erkennen, ist kein Zufall. Denn dort liegt die Zukunft, vermutet man Wachstum und schlummern Profite. Die ‚Race to the Future‘ hat längst begonnen. Doch wir können diese nicht um jeden Preis führen, es sei denn, wir nehmen viele Verlierer/innen in Kauf – Kleinbäuerinnen, Indigene, sozial Schwache und viele andere. Ich bin gespannt, wie sich McKinsey zu dieser Kritik äußern wird. Und auch was diejenigen sagen, die die Daten als absolute Wahrheit verstanden und verkauft haben.

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Diskussion

  1. Naja,
    eine Gesellschaft, die ALLE Kosten sozialer, gesellschaftlicher und ökologischer Art, auch die, die vorraussichtlich in der Zukunft als Folgekosten anfallen, in alle Produkte und Technologien hineinrechnen würde, wäre ja auch eine Marktwirtschaft.
    Was man ja von der jetzigen Wirtschaftsordnung absolut nicht behaupten kann.
    Gesellschaftliche und soziale Kosten, die durch soziale Spaltung, Zivilisationskrankheiten, Depressionen, Kriminalität, Drogenmissbrauch usw entstehen, sind kein Gegenstand volkswirtschaftlicher oder betriebswirtschaftlicher Kalkulation.
    Genau so wenig wie ökologische Kosten, die sich in Form der Erosion natürlicher Wertschöpfungspotenziale darstellen, egal ob Überfischung, Kontamination der Biosphäre mit chemischen Abfällen (Tenside, Pharmaka usw), Bodenerosion, bis hin zu den noch völlig unkalkulierbaren Ewigkeitskosten eines fortschreitenden, nichtlinearen Klimawandels.
    Und auch die wirtschaftlich zerstörerische Wirkung exponentieller Verschuldung und Überschuldung als Wesensmerkmal eines zinsbasierten Geldsystems, was man auch als vorgezogenen Zukunftsverbrauch bezeichnen könnte, wird nicht in die volkswirtschaftliche Rechnung einbezogen.

    Wir haben eben keine Marktwirtschaft, sondern ein Wirtschaftssystem, dass sich in einem gigantischen Subventionsrausch zu Lasten von benachteiligten Mitmenschen, natürlicher Lebensgrundlagen und zu Lasten zukünftiger Generationen, sowie einer Illusion von Marktwirtschaft hingibt.

    So gesehen bin ich ein überzeugter Martwirtschaftler. Aber mein Martwirtschaftsbegriff ist ein anderer, als derjenige, der heute in den BWL- und VWL-Lehrbüchern steht.

  2. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,759196,00.html

    War schon immer meine Meinung: Emissionen bei der Produktion von Gütern müssen an den Orten des Verbrauchs von Gütern in die Emissionsbilanz einfließen.
    Deutschland wäre als Land mit Exportüberschüssen per Saldo sogar Nutznießer eines solchen Bilanzmodells, ebenso wie natürlich China.
    Länder wie die USA, Großbritannien, Frankreich und andere Länder mit Handelsbilanzdefizit würden eine noch schlechtere Emissionsbilanz aufweisen.

    Trotzdem: kein Grund, die deutschen Emissionen als halbwegs zufriedenstellend zu bezeichnen.
    Als Deutscher mit ungefähr durchschnittlichen Konsumgewohnheiten ist man per se kein „Klimaschützer“. Selbst, wenn man zu Klimakonferenzen jettet.
    Die „Klimaschützer“ wohnen in Mali, Kolumbien oder Bangladesch. Obwohl die von Klimakonferenzen kaum etwas wissen.

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