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Türkei – die unübliche Verdächtige

Die Türkei hat im Klimaregime eine Sonderstellung: Sie hat zwar die Klimarahmenkonvention unterzeichnet und das Kyoto-Protokoll ratifiziert und zählt zu den Annex I Ländern – also den Industrieländern, die besondere Pflichten haben. Allerdings hat die Türkei im Kyoto-Protokoll eben aufgrund ihrer Sonderstellung keine Emissionsreduktionspflichten.

Die Position, mit der die Delegation der Türkei – angeführt nicht vom Umweltministerium, sondern vom Entwicklungsministrium – hier in Durban antritt, unterstreicht noch einmal den Sonderstatus der Türkei und trägt leider in keinster Weise dazu bei, die Blockade in den Verhandlungen zu lösen.

Konkret will die Türkei weiterhin keine verbindlichen Emissionsreduktionsziele und trotzdem von allen Vorteilen (Finanzen, Capacity Building, Technologien usw.) profitieren – quasi ein Entwicklungsland unter den Industrieländern. Diese Position von einem Land zu hören, das den ersten Platz belegt, was die Steigerung der Emissionen seit 1990 angeht (ca. 90 %) und unzählige neue Kohlekraftwerke plant, während es zugleich massiv von den Folgen des Klimawandels betroffen ist (z.B. Wassermangel), ist schwer verständlich.

UPDATE: Die Türkei wurde gestern mit einem Fossil of the Day belohnt.

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Diskussion

  1. Ja, die Türkei ist ein gutes Beispiel für ein boomendes Schwellenland.
    Das, was im heutigen ökonomischen Paradigma als „vorbildliche Wachstumsstory“ bezeichnet wird, dessen positive Stimulierungswirkung auf die Weltwirtschaft gelobt wird, mit teilweiser Überwindung gesellschaftlicher Rückständigkeit in Verbindung gebracht wird (im Falle Türkei durch schleichende Islamisierung allerdings teilweise wieder konterkariert), ist natürlich trotzdem das Gegenteil dessen, was klimapolitisch wünschenswert wäre.
    Ein echtes Dilemma. Denn wer ist schon für gesellschaftliche Rückständigkeit und Verhinderung wirtschaftlicher Prosperität?

    So nimmt es nicht Wunder, dass die Türkei seit 1990 ihren Ölkonsum um 50% gesteigert hat (allerdings in den letzten 10 Jahren erstaunlicherweise nicht mehr), den Kohleverbrauch verdoppelt hat und den Gasverbrauch sogar verzehnfacht hat.
    Nebenbei:
    Gas mag das kleinere Übel erscheinen, steht aber ganz zu Unrecht im Ruf eines „Klimaretters“. Natürlich bedeuten auch stark steigende Gasverbräuche stark steigende Emissionen. Nur eben um 20% niedriger als bei Öl und 40% niedriger als bei Kohle. Ein schwacher Trost, da ja Öl und Kohle nicht etwa substituirt werden sondern ihrerseits mengenmäßig wachsen.

    Das Beispiel Türkei – und nicht nur dieses Beispiel – zeigt, dass unsere gesamte, auf Wachstumsnotwendigkeit begründete Wirtschaftordnung und unsere gesamte auf zunehemende Komplexität gegründete gesellschaftlich-zivilsatorische Entwicklung in der Summe und Endkonsquenz leider nicht planetenkompatibel ist. Weder von der Seite des Ressourcenverbrauchs als auch von der Seite der (nicht nur) gasförmigen Emissionen her.

    Klimapolitik müsste also sehr viel grundsätzlicher ansetzen. Mit der Schaffung einer „plantenkompatiblen“ Wirtschaftsordnung und gesellschaftlichen Entwicklung, und das auch noch im breiten gesellschaftlichen Konsens, denn ein Klimastalinismus kann ja nicht der Weg sein. Schon wieder so ein Dilemma.
    Und eine solche Ordnung, die diesem Anspruch gerecht wird, wäre für uns alle sehr gewöhnungsbedürftig. Das gebe ich gerne zu. Und ich will auch nicht behaupten, dass ich mich nach einer solchen dauerhaft erdegerechten Lebensweise sehne. Aber igendwann wird uns die Entscheidung aufgezwungen werden. Je später, desto brachialer.

  2. Waere das nicht mal eine neue Zielgruppe fuer die deutsche Umwelt- und Klimabewegung: die tuerkisch-staemmige community in Deutschland.

    Sie sollte dafuer gewonnen werden, dass sie von der tuerkischen Regierung mehr Einsatz fuer den Klimaschutz verlangt.

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