--> -->

TEEB DE launcht Klimabericht

Es ist vollbracht: Das Team des UFZ in Leipzig um Professor Hansjürgens hat letzte Woche den ersten Bericht des Projekts TEEB DE Naturkapital Deutschland gelauncht: „Naturkapital und Klimapolitik: Synergien und Konflikte„. Aber obwohl er „erfolgreich gelauncht“ ist, ist der Bericht noch nicht verfügbar. Lediglich die Kernbotschaften lassen sich online abrufen. Den Kurzbericht als Entwurf gibt es per Anfrage als pdf, die Endfassung des Kurzberichts aber erst ab Ende März sowie die Langfassung Mitte des Jahres. Schade! Denn damit lässt sich zwar insgesamt über den Bericht diskutieren, aber eine Auseinandersetzung mit konkreten Aussagen und Zitaten ist erst in einigen Wochen bzw. Monaten möglich – lange nach dem eigentlichen Launch.

Anliegen des Berichtes ist es, an den Beispielen Landwirtschaft, Moore, Wald, Auen und Küsten (Deichrückverlagerung) zu zeigen, dass Investitionen in Naturkapital sowohl dem Schutz der Biodiversität und Ökosysteme als auch dem Klimaschutz und der Anpassung an den Klimawandel nützen können. Da steht in jedem Fall viel Gutes im Berichtsentwurf und die Leser/innen werden auch bestimmt das eine oder andere Aha-Erlebnis haben, das ihnen der Studienleiter wünscht. Aber die Fragen, die ich an den Bericht und das Gesamtprojekt TEEB (The Economics of Ecosystems and Biodversity) habe, ist: Brauchen wir wirklich Ökonomen, die uns vorrechnen, dass es sich volkswirtschaftlich lohnt, dieses Investitionen zu tätigen, um die richtigen politischen Entscheidungen zu treffen? Und was ist, wenn die Rechnung eben nicht aufgeht – wenn es sich also z.B. im konkreten Fall einmal nicht rechnet, Ökolandbau zu betreiben, einen Naturwald oder ein Moor zu schützen? Entscheiden wir uns dann dagegen? Was überhaupt beeinflusst eine politische und gesellschaftliche solche Entscheidung?

Um darauf zu beantworten, möchte ich aus der aktuellen Broschüre zitieren, die mein Kollege Thomas Fatheuer gerade geschrieben hat („Die Neue Ökonomie der Natur – eine kritische Einführung„):

„Die Neue Ökonomie der Natur beruht auf der Annahme, dass wir in einer Welt der rationalen Entscheidungen leben. Umweltzerstörungen sind Folgen mangelnder Informationen und falscher Preissignale. Mit richtigen Informationen und Preisen können Umweltzerstörung und nicht-nachhaltiger Ressourcenverbrauch aufgehalten werden. Dies ist eine Welt ohne Interessen und Machtgefüge. […] In alle Berechnungen gehen normativ begründete Entscheidungen ein. Aus Fragen, über die sich Bürgerinnen und Bürger verständigen sollten – Beispiel: Wie viel Straßenlärm wollen wir ertragen? – , werden Rechnungen, die diese normativen Entscheidungen verbergen. Anstatt politisch über Präferenzen und Prioritäten Einigungen zu erzielen, wird dies an die Berechnungen von Ökonomen delegiert. Ökonomische Studien, die ihre Ergebnisse in Zahlen ausdrücken, spiegeln eine Objektivität vor, die nicht existiert. Ja, die ökonomische Betrachtung wird oftmals damit gerechtfertigt, dass sie, anders als die subjektive Wertschätzung der Natur, objektive Ergebnisse liefere. Wer dies einmal akzeptiert, liefert sich den Berechnungen von Ökonomen aus und willigt in die Abwertung normativ begründeter Entscheidungen ein.“

Einen konkreten Vorschlag, den der TEEB Klimabericht macht, ist die Einrichtung eines Fonds zur Finanzierung ökosystembasierter Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen. Das klingt doch grundsätzlich auch erstmal gut und richtig: Der Staat stellt öffentliche Gelder bereit, um Klimaschutz und Anpassungsmaßnahmen zu finanzieren, die nicht nur CO2 reduzieren, sondern auch Ökosysteme schützen. Allerdings sind die konkreten Finanzierungsinstrumente, die TEEB aufführt, Instrumente, die auf Kompensation setzen: Moor-Futures, Waldaktie, Flächenpools. Das bedeutet, dass jemand anders weiter zerstören oder verschmutzen darf, um es anderswo (!) auszugleichen. Die Problematik von Biodiversitäts-Offsets wird sehr gut in den aktuellen Briefings von FERN erläutert. Außerdem gibt es einen öffentlichen Appell gegen solche Offsets.

Und Thomas Fatheuer schreibt zurecht:

„Ob Verschmutzung eine Straftat ist oder zu einem kauf- und handelbaren «Verschmutzungsrecht» («permit») wird, macht einen Unterschied. […] Jegliche Kritik an den neuen, innovativen Finanzierungsmechanismen wird mir der drohenden Frage nach Alternativen gekontert. Es sollte aber nicht vergessen werden, dass die Durchsetzung innovativer Mechanismen wie der Emissionshandel mit der Diskreditierung möglicher Alternativen verbunden war. […] Mit der Rhetorik der Neuen Ökonomie der Natur ist immer wieder der Abgesang auf Ordnungspolitik verbunden. Auch dies sollte nicht kritiklos hingenommen werden. Vorschriften und Verbote haben immer Widerstand provoziert, haben sich aber als durchaus effektiv erwiesen. […] Nicht das Fehlen von Alternativen ist das Problem, sondern deren politische Durchsetzbarkeit. Aber dieses Dilemma wird sich nicht durch ein Rekurrieren auf ökonomische Rationalität lösen lassen, sondern durch den Kampf um politische Mehrheiten. Dass dies auch mal gelingen kann, hat die jüngste deutsche Geschichte mit dem Aufstieg der Anti-AKW-Bewegung gezeigt. Aber das ist ein ganz anders Kapitel. Denn soziale Bewegungen und deren Einflussmöglichkeiten spielen in der ökonomischen Betrachtung der Natur keine Rolle.“

TEEB ist gut und schön, um uns ein paar angenehme Aha-Effekte zu bescheren und dem einen oder der anderen die Augen für den Sinn von Naturschutz zu öffnen. Aber TEEB ist eben auch gefährlich, wenn es uns im Glauben wiegt, wir könnten uns um die tatsächlichen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und politischen Konflikte herumdrücken, indem wir die scheinbar objektive Realität einer (neoklassischen) Ökonomie akzeptieren.

 

 

Dieser Artikel wurde unter Allgemein abgelegt.

Kommentieren