--> -->

World Ocean Review 3: Aufruf zur Ausbeutung der Rohstoffe aus der Tiefsee

Der World Ocena Review 3 „Rohstoffe aus dem Meer – Chancen und Risiken“ des Kieler Exzelllenzculsters „Ozean der Zukunft“ befasst sich mit dem Thema Meeresrohstoffe. Was sich erstmal wie eine umfassende Bestandsaufnahme liest, ist eine regelrechtes Plädoyer für die Ausbeutung der Rohstoffe!

In der Zusammenfassung von Kapitel 1 zu „Öl & Gas“ heißt es:

„Die Ursachen für den wachsenden Energiehunger sind insbesondere das Bevölkerungswachstum in Asien sowie die fortschreitende Industrialisierung in den Schwellenländern.“

Das ist eine ziemlich einseitige Weltsicht. Zunächst einmal ist es so, dass vor allem die Menschen in den Industriestaaten immer schon und immer noch einen viel höheren pro Kopf Verbrauch hatten. Da holt vor allem China nun mächtig auf. Aber die „Schuldfrage“ lässt sich nicht so leicht beantworten!

„Die fossilen Rohstoffe Kohle, Erdöl und Erdgas werden nach Einschätzung von Fachleuten trotz des Ausbaus erneuerbarer Energien weiterhin den größten Teil der Energie liefern. Während Kohle und Erdgas die Nachfrage noch bis weit über dieses Jahrhundert hinaus decken können, dürfte die Ölproduktion bis 2050 abnehmen.“

Da frage ich mich schon: Welche Fachleite haben die denn gefragt? Das ist ja keine wissenschaftliche, sondern letztlich eine politische Frage. Im Kapitel 2 „Mineralische Rohstoffe“ steht:

„Der Meeresbergbau ist aus verschiedenen Gründen interessant. Zum einen steigt durch neue Hightech-Anwendungen wie etwa in Smartphones die Nachfrage nach chemischen Elementen, die in den marinen Vorkommen enthalten sind. Zum anderen werden viele dieser Elemente nur in wenigen Ländern abgebaut. Vor allem China hat eine marktbeherrschende Position. Viele Staaten möchten sich daher eigene Claims am Meeresboden sichern. […] Interessant sind die 200-Seemeilenzonen von Papua-Neuguinea, in der Massivsulfide mit hohen Gold- und Silbergehalten zu finden sind, sowie der Cookinseln, in der kobaltreiche Manganknollen liegen. Ein Abbau der edelmetallhaltigen Vorkommen in Papua-Neuguinea erscheint heute schon wirtschaftlich. Ein Industriekonsortium will Ende 2016 mit dem Abbau beginnen.“

Wer sich mal einlesen möchte, was die tatsächlichen und möglichen Folgen dieses Rohstoffbooms in Papua Neuguinea sind, dem oder der empfehle ich den Bericht von Peter Kreysler, der selbst zur Recherche vor Ort war.

Aus Kapitel 3 „Methanhydrate“:

„Nach den aktuellen Schätzungen enthalten die Hydratvorkommen weltweit rund 10-mal so viel Methangas wie herkömmliche Erdgaslagerstätten. Damit sind sie ein ernst zu nehmender Energierohstoff. Mit Testbohrungen hat man inzwischen gezeigt, dass sich Methanhydrate im Meeresboden abbauen lassen. […] Da sich die Methanhydrate vor allem an den Kontinentalhängen bilden, fürchteten Kritiker, dass das weiche Sediment durch die Bohrungen ins Rutschen geraten könnte. Dadurch, hieß es, könnten Tsunamis ausgelöst werden. Geoforscher schließen das inzwischen aus. Lawinenartige Hangrutschungen seien ein natürliches Phänomen und durchaus häufig. […] Befürchtet wurde außerdem, dass durch das Bohren am Meeresboden Methan in großen Mengen unkontrolliert ins Wasser und schließlich in die Atmosphäre aufsteigen könnte. Da Methan ein starkes Treibhausgas ist, würde das die Erderwärmung verstärken. Wissenschaftler gehen davon aus, dass das nicht geschehen wird, da das in Hydraten gebundene Methan anders als Erdgas und Erdöl nicht von allein aus dem Bohrloch fließen kann. Es wird nach und nach freigesetzt, wenn das Hydrat beim Abbau im Boden langsam zerfällt. Ein Blowout wie an einem Ölbohrloch ist damit grundsätzlich nicht möglich. Selbst in dem Fall, dass Methan aus dem Meeresboden ins Wasser gelangt, wird es auf seinem langen Weg durch die Wasser­säule von Bakterien abgebaut, ehe es die Meeres­oberfläche erreicht.“

Das ist mir ehrlich gesagt wirklich neu, dass Forscher diese Gefahren ausschließen. Immerhin musste UNEP im November eilends eine Pressemitteilung zum Launch eines (nun meines Wissens nach ebenfalls zurückgezogenen Berichts) zurückziehen, indem Methanhydrate als Teil eines zukünftigen Energiemixes aufgezählt wurden. Das Thema ist eben nicht nur brisant, sondern hoch explosiv. Ob die Meereswissenschaftler/innen auch mit den Klimaforscher/innen gesprochen haben? Sieht eher nicht danach aus, denn im Bericht heißt es am Ende sogar:

„Forscher gehen heute im Allgemeinen davon aus, dass die Erderwärmung in diesem und den ­nächsten Jahrhunderten nicht zu einer verstärkten Freisetzung von Methan führen wird.“

Das ist schlichtweg gelogen – bzw. eine ziemliches Zurechtbiegen der Wahrheit durch Weglassen unliebsamer Fakten. Schön für unseren rohstoffintensiven Lebensstil – schlecht für Ozeane, Klima und die Reputation der Forschung.

Dieser Artikel wurde unter Allgemein abgelegt.

Diskussion

  1. Zustimmung zu ihren Kommentaren, Frau Fuhr.
    1. Methanblowouts aus den maritimen Hydraten gibt es auch schon ohne künstliche Eingriffe.
    2. Beobachtungen von Meeresforschern vor der nordostsibirischen Küste zeigen, dass dort heute signifikant größere Blowouts zu beobachten sind, als in früheren Zeiten. Auch die Nasa hat verstärkte Methankonzentrationen über der Arktis gemessen.
    Da wird also keineswegs alles von Bakterien weggenascht.
    3. die Methanhydrate verteilen sich über große Flächen an den Schellfrändern aller Kontinente und verteilen sich zusätzlich noch in unterschiedlichen Tiefenschichten. Nach meiner Kenntnis zwischen relativ oberflächennahen Hydraten bis zu solchen in 200 Meter Tiefe unter dem Meeresgrund. Sprich: eine hohe Feinverteilung.
    4. natürlich besteht bei einer Ausbeutung die Möglichkeit von Destabilisierungen von maritimen Steilhängen und zusätzlichen unkontrollierten Blowouts.
    5. In jeden Fall werden bei der Verbrennung zusätzlicher Gasmengen auch zusätzliche Mengen an CO2 freigesetzt.
    6. Der Superwarmzeit von 55 Mio Jahren mit globalen Durchschnittstemperaturen von ca. 9 Grad über dem heutigen Niveau und der Auslöschung von ca. 75% aller damals lebenden Arten werden als entscheidender Auslöser die verstärkten, selbstrückkoppelnden Methanblowouts zugeordnet. Als initiale Ursache wird verstärkter maritimer Vulkanismus vermutet.

    So ist das in einem hochkomplexen System: ein Anfangsimpuls, der in Stärke und Dauer groß genug ist, führt zu Rückkopplungen, wenn Kipppunkte überschritten werden.
    Da kein Computerprogramm diese Kipppunkte und Rückkopplungen genau „kennt“, handelt es sich also um ein großes globales Experiment, das wir mit unserem gastgebenden Planeten gestartet haben.
    Das ähnelt einer Entscheidung, sein 3-jähriges Kind auf eine nur mäßig befahrene Straße zu schicken, weil ja die Wahrscheinlichkeit, das es überfahren wird, „nur“ bei 30% liegt. Würde kein Mensch machen.
    Aber im globalen Maßstab machen wir so einen Irrsinn, ein unkalkulierbares Großrisiko einzugehen.

Kommentieren