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Etwas wird sichtbar? Märkte als Mosaik und Patchwork für ein neues Klimaregime

Thomas Fatheuer hat auf der Lima COP einige Zeit auf Events der Internationalen Emissions Trading Association (IETA) und anderer Marktenthusiasten verbracht, um zu ergründen, welche Erwartungen “die Märkte” signalisieren. Hier seine Spurensicherung.

In Lima war nicht zu übersehen, dass die Stimmung der Marktenthusiasten sich in diesem Jahr verbessert hatte. Was ist geschehen? Im September 2014 hat die Weltbank im Rahmen der “Climate Leadership in Action” ein Manifest (Statement heißt es offiziell) mit dem Titel “Putting a Price on Carbon” lanciert. Carbon Pricing, das macht das Dokument deutlich, wird zum Schlüssel für alle Strategien: “Pricing carbon is inevitable” und hat folgendes Ziel: “to redirect investment commensurate with the scale of climate change”.
Das Manifest ist von Ländern und Unternehmen unterschrieben worden, die über 50% des weltweiten Bruttosozialprodukts repräsentieren. Darunter befinden sich z.B. Deutschland, die Deutsche Bank und Shell, nicht aber die USA und Australien. Dennoch wird das Manifest als Durchbruch bewertet: “The Momentum is growing”. Oder wie Rachel Kyte, die für Klimafragen verantwortliche Vizepräsidentin der Weltbank, es in Lima formulierte: ”Es ist keine Frage mehr von ob, sondern von wann und wie.” CO2-Bepreisung ist das Kernelement eines Diskurses, der in Lima überall bemerkbar war.
Nun dürfte allen Beobachter/innen des Verhandlungsprozesses klar sein, dass in Paris kein globaler Emissionshandel verabschiedet wird, der tatsächlich „carbon pricing“ in das Zentrum des Klimaprozesses stellen würde. Macht nichts, so die Befürworter/innen. Deren Hoffnung beruht auf der wachsenden Zahl von regionalen CO2- Emissionshandelssystemen. Diese weiter auszubauen und zu vermehren (scaling up) ist der erste Schritt, dann kommt die Verbindung dieser Märkte (linkage), das heißt, Reduktionsverpflichtungen können ausgetauscht werden. Das muss in Paris nicht designt, sondern einfach als zukünftige Möglichkeit offen gehalten werden.
Die Marktenthusiasten sind sich darüber im Klaren, dass dies Zeit braucht und dass erst ab 2020 größer werdenden Ambitionen der CO2-Handel Fahrt aufnehmen kann. Bis dahin ist es wichtig, gutes Design für diese Märkte zu entwickeln und zu erproben. Dafür wird dem kalifornischen CO2-Markt eine wichtige Rolle zukommen.
So weit so gut und nicht neu. Überraschender war schon, dass auch auf den Veranstaltungen der Markenthusiasten das Ziel „Netto-Null Emissionen“ für 2100, mit bedeutenden Zwischenzielen für 2050, immer wieder auftauchte. Den Unternehmen soll klar werden, so die Botschaft, dass sie ihr Geschäftsmodell auf diese Perspektive einstellen müssen. “Expectation drives Innovation” lautet ein weiterer Schlüsselsatz. Daher ist es erstmal zentral, ein klares Signal für die Erwartungen zu geben und einen Zeitrahmen, der alle wichtigen Akteure mitnehmen kann. Damit wechselt auch der Diskurs von der Bekämpfung des Klimawandels zu einer ökonomischen Transformation. In den Worten von Rache Kyte: “It’s all about a future re-engineering of the economy, it’s not about pollution control.“ Deshalb hatten Begriffe wie “systemical transformation” in Lima Hochkonjunktur.
Dies alles ist in Appelle an die Dringlichkeit eingebunden, die sich kaum vom Diskurs vieler NGOs unterscheidet. “We have to raise ambition now”, wird immer wieder betont. Der Schlüssel dazu ist Innovation – nur sie soll uns helfen können, die Dekarbonisierung (Zero Net Emission) zu erreichen. Alle Erfahrungen lehren uns angeblich – hier kommen nun Leute wie Thomas Heller (Direktor der Climate Policy Initiative) ins Spiel – dass nur Wachstum Innovation und Investitionen geriert. Wachstum ist daher fundamental für die systemische Transformation. Diese ist ein gigantisches Investitionsprogramm. Für die Weltbank und andere Marktenthusiasten ist es wichtig dass das Ziel – Zero Net 2100 – klar ist, der Weg dahin kann und soll es nicht sein. Hier kommen wir zurück zum „carbon pricing“: dieses setzt den Anreiz für Unternehmen, die besten Wege (also die effizientesten und preisgünstigsten zu finden). Diese Maßnahmeneutralität ist zentral. Innovationen müssen konkurrieren können.
Und so kommen wir zum nächsten Element des Mosaiks: CCS, die umstrittene Speicherung von CO2, ist notwendig, so die immer wieder verkündete Botschaft auf dem IETA Veranstaltungen. Denn ohne CCS soll es angeblich nicht gehen, denn Kohle ist eine Realität und wird es bleiben, insbesondere in Asien (China und Indien), ohne Kohle kein Wachstum, ohne Wachstum keine Innovation und Investition. Auch hier war die Stimmungsverbesserung der Marktenthusiasten deutlich: die freundliche Haltung des IPCC zu CCS in seinem letzten Bericht wird als Durchbruch gesehen. CCS wird dabei keineswegs als Alternative zu erneuerbarer Energie angesehen, sondern als Teil einer totalen Mobilmachung: wir brauchen alle Technologien. Und auch CCS wird bei seiner Umsetzung effektiver und billiger werden – so die Botschaft.
Die große Attraktion dieses “framing” ist, dass damit alle Akteure, auch die von Kohle, Öl und Gas abhängigen Unternehmen und Staaten mitgenommen werden können. Einer der eloquentesten Vorsprecher dieser Narrative war in Lima Sir Nicolas Stern, oder Nick, wie er auf den IETA Events genannt wurde. Es war schon ein Erlebnis der besonderen Art, wie Stern dort zuerst die Folgen des Kohleabbaus in drastischen Worten schilderte (Kohle verschmutzt nicht nur, Kohle tötet), um dann CCS als einzig gangbaren Weg darzustellen.

Dies sind die wichtigsten Stücke des Mosaiks, dass auf vielen Events des Business Sektors in Lima sichtbar wurden. Dagegen gibt es sicherlich viel einzuwenden, aber darum geht es hier nicht. Zentrale Akteure scheinen sich auf dieses framing zu einigen, sicherlich mit Abweichungen über den Zeitrahmen (when) und die Schlüsseltechnologien (how). Die Frage ist, ob diese Narrative und deren Konstrukteure mächtig genug sind, um die Dinge in die von ihnen gewünschte Richtung zu lenken.

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