--> -->

Boden, Land, Flucht und Migration

Was eine verfehlte europäische und globale Agrarpolitik mit Flucht und Migration zu tun hat, erläutern meine Kolleginnen Barbara Unmüßig und Christine Chemnitz in ihrem aktuellen Beitrag, den sie anlässlich des Erscheinen des Berichts „The Value of Land“ der Initiative The Economics of Land Degradation verfasst haben.

Die Zusammenhänge von Klimawandel, Umweltkrisen und Migration / Flucht werden zur Zeit ja rauf und runter diskutiert – hilfreich für den Überblick über den Stand der Literatur und Debatte ist aus meiner Sicht z.B. der Beitrag in der aktuellen Le Monde Diplomatique (Verwüstung – wie der Klimawandel Konflikte anheizt von Agès Sinai). Weniger hilfreich finde ich den Kommentar in der New York Times (The Next Genocide von Timothy Snyder) der die Parallelen zur Blut und Boden Strategie der Nazis zieht.

Bzgl. des Berichts „The Value of Land“ kritisieren meine Kolleginnen jedenfalls zu Recht:

„Die Zahlen des neuen Berichts der ELD über das Ausmaß der Bodenzerstören bergen aber auch eine Gefahr: Sie vermitteln den Eindruck, als könne man die Probleme und die Schäden genau beziffern. Doch dafür sind die Zusammenhänge viel zu komplex und vielschichtig. Das machte schon das Stockholm Resilience Center mit ihrem Konzept der Planetarischen Grenzen deutlich: Wir kennen die Belastbarkeit unserer Ökosysteme viel zu wenig und wissen noch gar nicht genug über die jeweiligen Zusammenhänge. Wie wirkt es sich auf den Klimawandel aus, wenn noch einmal Millionen von Hektar Land zu Ackerland umgebrochen wurden? Wie ist der Zusammenhang wiederum zur Biodiversität, zum Stickstoffkreislauf oder zu anderen ökologischen Systemen? Wo genau sind, wenn alles mit allem zusammenhängt die „Tipping Points“? Wir wissen es nicht. Hinzu kommt, dass es schier unmöglich ist, viele Aspekte monetär zu bewerten: Was kostet es zum Beispiel, wenn Menschen nicht mehr von ihrem Land leben können, weil die Böden so ausgelaugt sind? Wie teuer bewerten die Wissenschaftler es, wenn Menschen von ihrem Land vertrieben werden? Persönliche Schicksale monetär zu bewerten, scheint unmöglich. Aber genau von diesen persönlichen Schicksalen handeln Bodendegradation, Landinvestitionen und Vertreibung.“

Wer mehr zum Thema wissen will, kann im Bodenatlas stöbern.

Dieser Artikel wurde unter Allgemein abgelegt.

Diskussion

  1. Man kann ja schon heute regional sehr starke Effekte von Bodenübernutzung, falscher Bewässerung, Nutzbarmachung von ungeeigneten Böden und Klimawandel beobachten.
    Im Nildelta z.B. schreitet die Versalzung immer größerer Areale von Norden her voran, weil das Gebiet keinen Nachschub mehr an fruchtbarem Schlamm erhält (lagert sich leider im Nasser-Stausee ab) und weil der Meeresspiegel ansteigt und das Grundwasser deshalb immer salzhaltiger wird.
    Wenn die Bevölkerung Ägyptens zur Jahrhundertmitte von jetzt 85 Millionen auf 130 Millionen angewachsen sein wird, dann wird das größte Agrargebiet Ägyptens wegen Überbauung und Versalzung kaum mehr zur Verfügung stehen.
    Gebiete mit sehr bergiger Topographie werden heute nicht mehr terrassiert, weil dies dem Einsatz moderner Erntetechnik zuwiderläuft. Extreme Erosion an den Hängen ist die Folge.
    Immer mehr werden neue Agrarflächen im Bereich ehemaliger tropischer Regenwälder erschlossen. Diese Böden sind sehr nährstoffarm und haben nur eine geringe Stärke der Humusschicht, die bei tropischen Starkregenfällen sehr schnell erodiert. Diese Flächen sind für eine längere agrarische Nutzung völlig ungeeignet.
    In Sambia z.B. ist die Holzkohle der wichtigste einheimische Energieträger. Zur Versorgung der ständig stark anwachsenden Stadtbevölkerung werden immer mehr Bäume gefällt und zu Holzkohle verarbeitet. Wenn die heutige Abholzungsrate so weitergehen würde, hätte Sambia in 30 Jahren keine Bäume mehr. Was Erosion und starker regionaler Austrocknung und Erwärmung zusätzlich Vorschub leisten würde. Solche Beispiele ließen sich hundertfach rund um den Globus finden.
    Und wie sich die Pro-Kopf-Verfügbarkeit an natürlichen Basisressourcen (fruchtbarer Boden, sauberes Süßwasser, Holz, Fisch) in unserem Nachbarkontinent Afrika entwickeln wird, wenn sich die Bevölkerung auf diesem Kontinent bis 2050 fast verzweieinhalbfacht und laut UN-Prognose bis 2100 vervierfacht, kann sich wohl jeder ausmalen. Eine wesentlich zurückgehende natürliche Ressourcenbasis müssen sich dann viel mehr Menschen teilen. Sogar ohne Berücksichtigung des Klimawandels.

    Die heutige weltweite Migration ist nur wie eine schwache Brise vor dem Sturm.

Kommentieren