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Zum Grünen Wohlstandsbericht 2016

Es war ein konkreter Auftrag aus der Enquête-Kommission des Bundestages zu „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“, den die Grünen beschlossen haben umzusetzen: vor wenigen Tagen legte die Grüne Bundestagsfraktion den ersten Grünen Wohlstandsbericht vor, der ab jetzt jährlich und zeitgleich mit dem Jahreswirtschaftsbericht erscheinen soll. Verfasst haben ihn Roland Zieschank und Hans Diefenbacher (die auch hinter dem Nationalen Wohlfahrtsindex stecken). Das Ziel:

Der nun vorliegende grüne Wohlstandsbericht ist der Start einer regelmäßigen Untersuchung des Wohlstands in Deutschland. […] Längerfristiges Ziel ist es, den traditionellen Jahreswirtschaftsbericht und den Jahreswohlstandsbericht zu einer neuen Berichtsform zu verschmelzen. Um eine neue Form gesellschaftlicher Berichterstattung zu etablieren, muss die Datenerhebung und statistische Erfassung der Indikatoren in Zukunft auch von offizieller Seite unterstützt und weiterentwickelt werden.

Das Ergebnis schaut so aus (zum Vergrößern draufklicken):

Grüner Wohlstandsbericht 2016

Ein solcher Bericht, der auf einer Vielzahl hoch komplexer Indikatoren beruht, ist eine anspruchsvolle Angelegenheit. Die Erhebung und Bewertung der Daten ist mit sehr viel Aufwand verbunden. Und wie bei jedem Messvorgang gilt: Sobald wir bestimmte Aspekte hervorheben, machen wir andere unsichtbar. Wer etwas misst und bewertet (und mit welcher Haltung und mit welchem Ziel), spielt dabei eine große Rolle.

So lobenswert ich auch das Anliegen finde (Kritik an der Alleingültigkeit des BIP als Maßstab zur Bewertung von Wohlstand und Lebensqualität, Erfassung der Umweltauswirkungen unseres Wirtschaftens auch über nationale Grenzen hinaus, Sichtbarmachen von Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten usw.), so sehr frage ich mich doch, ob der Aufwand den Ertrag rechtfertigt und auch ob wir uns nicht mit einigen der Grundannahmen (diese sind netterweise in diesem Bericht auch ausdrücklich in einem eigenen Kapitel aufgeführt) auf sehr dünnem Eis bewegen.

Die politischen Empfehlungen, die sich aus der Betrachtung der ökologischen Indikatoren ergeben, sind weder neu noch bringen sie uns über das hinaus, was wir bereits wissen. Im Bericht steht:

So wären Verbesserungen nur zu erzielen, wenn an den beiden großen Polen der Umweltbelastung gleichzeitig angesetzt würde: Dies sind einerseits die Produktions- und andererseits die Konsumseite. Folglich spielen diejenigen Branchen eine maßgebliche Rolle, die Natur und Umwelt besonders intensiv beanspruchen, etwa im Bereich der Erzeugung von Feldfrüchten und insbesondere von  tierischen Produkten, im Chemiebereich die Herstellung von Plastikprodukten sowie die Branchen Kohle und Öl, aber auch Eisen und Stahl. Auf der Konsumseite sind dies die zentralen Bereiche Wohnen, Ernährung und Mobilität.

Meiner Meinung nach ist eine der falschen Grundannahmen, dass wir nicht die richtigen politischen Entscheidungen treffen, weil uns das notwendige Wissen fehlt. Meist ist es doch so, dass uns all diese Probleme – und auch die Ansatzpunkte für Veränderungen – bekannt sind: z.B. industrielle Landwirtschaft umkrempeln, ökologische und bäuerliche Landwirtschaft fördern, Fleischkonsum massiv senken, Flächenversiegelung verhindern. Kreislaufwirtschaft, Energiewende, Kohleausstieg – alles keine neuen Themen.

Ein neuer und besserer Indikator hilft nicht, die politischen Widerstände aufzubrechen oder die Machtverhältnisse zu verändern. Schlimmstenfalls versteckt er sogar die notwendigen politischen Auseinandersetzungen hinter einer scheinbaren Objektivität, die sich in Zahlen ausdrücken lässt.

Besonders kritisch finde ich im Grünen Wohlstandsbericht 2016 zum einen die Annahme, die aktuellen Umweltkrisen seien auf Marktversagen zurückzuführen und daher nur durch Einbeziehung der Natur (in Form von Naturkapital) in die Ökonomie zu beheben, und zum anderen ein Bekenntnis, dass sich in Deutschland Umweltpolitik in Richtung einer erfolgreichen Wirtschaftspolitik entwickeln sollte.

Hinter diesen Aussagen stecken wichtige politische Fragen, die wir dringend kontrovers und mit großer Beteiligung führen sollten! Wenn ein Wohlstandsbericht diese Fragen tatsächlich auf den Tisch bringt, begrüße ich das. Wenn er aber vor allem einfache Ampelbilder und Zahlen präsentiert, die zugrundeliegenden Werte und normativen Entscheidungen aber nicht zur Debatte stellt, dann bin ich ehrlich gesagt enttäuscht. Da habe ich mir nach den intensiven Debatten der letzten Jahre deutlich mehr erhofft, auch und gerade von den Grünen!

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