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Synthetische Biologie und die UNCBD – Bericht vom SBSTTA 20 in Montreal

Ab heute tagen in Montreal die Mitgliedsstaaten der UN Biodiversitäts-Konvention (UNCBD), um die nächste große Konferenz, die COP 13, vorzubereiten, die im Dezember 2016 in Cancun, Mexiko, stattfindet. Es handelt sich um das 20. Treffen des Subsidiary Body on Scientific, Technical and Technological Advice (SBSTTA 20).

Auf der Agenda stehen eine Reihe von spannenden Themen, die auch konkrete Implikationen für die Klimaverhandlungen Post-Paris haben und andersherum. Dazu noch mehr im Laufe der Woche.

Eines der umstrittensten Themen, das bereits seit 2010 im Rahmen der UNCBD diskutiert wird, ist die Synthetische Biologie. Hierbei handelt es sich um eine Reihe von neuen Technologien und Anwendungen extremer Gentechnik mit erheblichen Risiken und Implikationen für Umwelt, Menschen und Wirtschaften. Darum möchte ich hier einmal zum Auftakt der Woche diese Aspekte beleuchten…

Was ist Synthetische Biologie?

Die letzte UNCBD COP (COP 12 in Südkorea) hat einen Prozess zur Bewertung der sozioökonomischen Risiken sowie zur Erarbeitung von Regulierungsmaßnahmen für Synthetische Biologie auf den Weg gebracht. Hierzu gehörten vor allem ein Online-Forum sowie eine Ad Hoc Technical Expert Group (AHTEG), die konkrete Empfehlungen erarbeitet hat, die nun diese Woche in Montreal diskutiert werden.

Zivilgesellschaftliche Organisationen wie die ETC Group, Biofuelwatch, Friends of the Earth, Third World Network und die Vereinigung Deutsche Wissenschaftler haben eine Schlüsselrolle dabei gespielt, das Thema auf die Agenda zu setzen und waren auch im Rahmen des Online Forums und der Expert Group aktiv beteiligt.

Konkret geht es diese Woche um folgende Aspekte der Synthetischen Biologie, die große Implikationen für die Ziele und Arbeit der UNCBD haben (englische Zusammenfassung der Aspekte gibt es im Papier der ETC Group hier):

  1. Definition von Synthetischer Biologie und welche Technologien und Anwendungen sind gemeint?

Hier gibt es vor allem seitens der USA aber auch von anderen Regierungen, die sich sehr für die Interessen der Biotechnologie-Unternehmen einsetzen, einen starken Versuch, bestimmte Technologien aus der Debatte zur Regulierung von Synthetischer Biologie rauszunehmen. Sie argumentieren, dass es sich hierbei weder um klassische Gentechnik noch um Synthetische Biologie handele und streben an, sie bzw. die daraus entstandenden Produkte ohne jegliche Aufsicht und Regulierung auf den Markt zu bringen. Konkret geht es dabei vor allem um sog „gene-editing“ Technologien wie z.B. CRISPR-CAS9. Aus Sicht der Zivilgesellschaft hier in Montreal sind das jedoch eindeutig Technologien der Synthetische Biologie und fallen unter die Aufsichts- und Regulierungspflicht der UNCBD!

  1. Verbot von „Gene Drives“

Terminator Staatgut galt bis vor Kurzem als einzige Technologie, die ganze Populationen „kontrollieren“ bzw. ausradieren konnte. Nicht umsonst gibt es daher im Rahmen der UNCBD ein Moratorium auf diese Technologie. Dank der oben genannten gene-editing Technologien gibt es heute ganze neue Möglichkeiten – oder eher: Gefahren! Gene Drives sind Methoden (letztlich: „engineered genetic sequences“) die darauf abzielen, bestimmte Gene möglichst schnell in ganzen Populationen zu verbreiten.

Zivilgesellschaft hier in Montreal fordert ganz dringend ein absolutes Verbot der Erforschung und Entwicklung von Gene Drives, da eine Freilassung in die Umwelt unkontrollierbare Folgen für ganze Ökosysteme haben würde. Die aktuellen Sicherheitsbestimmungen für Labore, die mit dieser Technologie arbeiten, sind nicht-existent oder unzureichend.

  1. Sozio-ökonomische Folgen für Bäuerinnen und Bauern im globalen Süden.

Hier geht es darum, dass derzeit immer mehr Synbio-Produkte auf den Markt kommen, deren Anbau und Verkauf den Lebensunterhalt für Millionen von Menschen bedeuten. Synbio-Vanille, Synbio-Stevia, Synbio-Palmöl usw. entstehen in den High-Tech Laboren in den USA, Europa oder Ostasien und können die natürlichen Produkte vom Markt drängen.

Konkrete Fallstudien sind hier zu finden: Vanille, Stevia.

Neben der Untersuchung und Bearbeitung dieser sozio-ökonomischen Folgen besteht für die UNCBD ebenfalls Handlungsbedarf in Bezug auf die biologische Sicherheit. Das Cartagena Protokoll über biologische Sicherheit regelt völkerrechtlich bindend den grenzüberschreitenden Transport, die Handhabung und den Umgang mit gentechnisch veränderten Organismen. Es bezieht sich dabei aber nur auf lebende Organismen. Produkte der Synthetischen Biologie – wo die gentechnische Anwendung in Laboren stattfindet – sind hiervon bisher nicht erfasst.

  1. Digital Genetic Sequences

Das Nagoya Protokoll (nun endlich auch von Deutschland ratifiziert!) regelt den Zugang und die Nutzung von genetischen Ressourcen sowie das Benefit-Sharing (um gegen Biopiraterie vorzugehen) – ganz zentral auch für indigene und lokale Gemeinschaften. Mit der Synthetischen Biologie findet jedoch eine Dematerialisierung von genetischen Sequenzen statt, d.h. die relevanten Informationen liegen digital vor, was den Transfer von physischem Genmaterial zunehmend irrelevant macht – und damit auch potentiell das Nagoya Protokoll. Zivilgesellschaft fordert, digital genetic sequences genauso zu behandeln wie physisches Genmaterial.

Morgen stehen diese und andere wichtige Themen hier in Montreal auf der Agenda…

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