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Eine Replik auf die Kritik am Plastikatlas durch Thomas Probst vom Fachverband für Kunststoffrecycling (bvse)

Während wir bereits nach wenigen Wochen die dritte Ausgabe vom Plastikatlas in den Druck geben und damit bald mehr als 100.000 Exemplare verteilt haben werden, freut es mich natürlich sehr, dass der Plastikatlas auch von der Industrie wahrgenommen wird. Mit großem Interesse habe ich daher das Interview gelesen, dass recyclingnews mit Dr. Thomas Probst vom Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bsve) geführt hat.

Herr Probst bewertet den Plastikatlas dabei „aus Expertensicht“. Da frage ich gleich zu Beginn: Soll das heißen, dass der Plastikatlas selber nicht von Expert/innen gemacht ist? Dem möchte ich vehement widersprechen. Am Atlas sind Dutzende Expert/innen und Wissenschaftler/innen beteiligt gewesen. Und auch die Kolleginnen und Kolleginnen beim BUND und beim Break Free From Plastic Netzwerk sind Expert/innen und sehr erfahren. Ich lese das Interview eher aus Sicht eines Interessensvertreters der Recyclingindustrie.

Hier ein paar Reaktionen auf die zentralen Kritikpunkte von Herrn Probst:

„Allerdings ist es schade, dass teilweise sehr einseitige Argumentationen erfolgen. Darüber hinaus werden Kunststoffe federführend verantwortlich gemacht für Probleme wie Klimawandel, Gesundheit und Gendergerechtigkeit – das ist aus meiner Sicht unseriös.“

Da frage ich mich, ob Herr Probst den Atlas auch wirklich gelesen hat? Wir belegen in verschiedenen Kapiteln eindringlich und ausführlich, welchen Beitrag (!) die Produktion, der Konsum und die Entsorgung von Kunststoffen zu Krankheiten und Klimakrise leisten. An keiner Stelle machen wir sie allein oder „federführend“ verantwortlich. Da genau diese Aspekte (Klima und Gesundheit) aber eher zu den unterbelichteten Themen in der aktuellen Plastikdebatte gehören, beleuchtet der Plastikatlas eben genau aktuelle Zahlen und Fakten dazu. Was genau ist daran unseriös?

-> Das Kapitel zum Thema Klima & Plastik findet sich hier.

-> Das Kapitel zu Gesundheit & Plastik findet sich hier.

„Kunststoffe werden im „Plastikatlas“ unter anderem für die Umweltprobleme der Erdölexploration verantwortlich gemacht.“

Falsch – das sagt der Plastikatlas so nicht. Richtig ist: der Plastikatlas weist darauf hin, dass die Klima-, Umwelt- und Entwicklungsproblem beim Plastik bereits bei der Extraktion der fossilen Rohstoffe (vor allem Erdöl und Erdgas) beginnen. Aber genau diesen Aspekt in der gesamten Wertschöpfungskette verschweigt die Industrie gerne. Richtig ist auch, dass der Anteil an Öl und Gas, der derzeit in Kunststoffe fließt, noch relativ gering ist. Aber er wird in Zukunft zunehmen und die petrochemische Produktion gewinnt in Zeiten von Energie- und Verkehrswende eine strategische Bedeutung für Big Oil. Das sagt übrigens auch die Internationale Energieagentur (IEA).

„Für mich ist es besonders ärgerlich, dass Kunststoffe im „Plastikatlas“ immer wieder als gefährliche Materialien dargestellt werden. Beim größten Anteil der Kunststoffe – den Verpackungen – greifen das Stoffrecht (REACh, CLP), das Lebensmittelrecht und das Bedarfsgegenständegesetz. Diese rechtlichen Vorgaben sind ein scharfes Schwert, um besorgniserregende Stoffe in den Kunststoffen von vornherein auszuschließen.“

Tja – uns ärgert es auch sehr, dass Plastik so gefährlich ist. Und wir würden uns wünschen, dass es gesetzlich verbindliche Vorgaben für Transparenz über chemische Zusatzstoffe gäbe. Wir brauchen volle Transparenz in der gesamten Lieferkette, damit zu jedem Zeitpunkt ermittelbar ist, welche Stoffe im Produkt enthalten sind und welche Risiken für Mensch und Umwelt bestehen.

Zur Erläuterung, warum das so dringend notwendig ist und warum aktuelle Regelungen nicht genügen, verweise ich auf diese wissenschaftliche Untersuchung, die gerade einmal ein Jahr alt ist: Chemicals associated with plastic packaging: Inventory and hazards.

„Plastic packaging is diverse and made of multiple polymers and numerous additives, along with other components, such as adhesives or coatings. Further, packaging can contain residues from substances used during manufacturing, such as solvents, along with non-intentionally added substances (NIAS), such as impurities, oligomers, or degradation products. To characterize risks from chemicals potentially released during manufacturing, use, disposal, and/or recycling of packaging, comprehensive information on all chemicals involved is needed. Here, we present a database of Chemicals associated with Plastic Packaging (CPPdb), which includes chemicals used during manufacturing and/or present in final packaging articles. The CPPdb lists 906 chemicals likely associated with plastic packaging and 3377 substances that are possibly associated. Of the 906 chemicals likely associated with plastic packaging, 63 rank highest for human health hazards and 68 for environmental hazards according to the harmonized hazard classifications assigned by the European Chemicals Agency within the Classification, Labeling and Packaging (CLP) regulation implementing the United Nations’ Globally Harmonized System (GHS). Further, 7 of the 906 substances are classified in the European Union as persistent, bioaccumulative, and toxic (PBT), or very persistent, very bioaccumulative (vPvB), and 15 as endocrine disrupting chemicals (EDC). Thirty-four of the 906 chemicals are also recognized as EDC or potential EDC in the recent EDC report by the United Nations Environment Programme. The identified hazardous chemicals are used in plastics as monomers, intermediates, solvents, surfactants, plasticizers, stabilizers, biocides, flame retardants, accelerators, and colorants, among other functions. Our work was challenged by a lack of transparency and incompleteness of publicly available information on both the use and toxicity of numerous substances. The most hazardous chemicals identified here should be assessed in detail as potential candidates for substitution.“

Beim Thema Recycling ist klar, dass Herrn Probst die Informationen aus dem Plastikatlas nicht gefallen: Denn die belegen eindeutig, dass Recycling nur einen kleinen Teil der Lösung stellen kann. Die Plastikindustrie versucht seit Jahrzehnten, den Fokus der Politik und öffentlichen Debatte auf die Verantwortung der Verbraucher/innen (hier benutzt Herr Probst ja auch das Wort „Littering“, das genau das Verhalten Einzelner in den Blick nimmt, die den Müll achtlos in die Umwelt schmeißen) zu lenken und Recycling als fast einzige Lösung anzuführen.

Aber da sprechen die Zahlen gegen Sie, Herr Probst: wenn wir immer mehr billiges Plastik auf den Markt schmeißen und unsere Versorgungswege mit einer Einmal- und Wegwerfmentalität gestalten, dann kommen wir der Plastikflut nicht bei. Egal wie gut wir recyceln.

Ein weiteres Problem beim Recycling ist auch, dass die Hersteller oft neuwertigen Kunststoff bevorzugen und eben nicht die Rezyklate wollen, weil sie häufig minderwertig und kurzlebiger sind. Und auch dort, wo sie zum Einsatz kommen: die recycelten Mischkunststoffe müssen dann ja auch irgendwann entsorgt werden und enthalten zudem Giftstoffe, die meist nicht einmal deklariert werden.

Und den Begriff „Downcycling“ haben wir im Plastikatlas übrigens nicht erfunden.

„Im Kapitel „Sammeln und Verkaufen“ werden Kunststoffe als wertlos dargestellt – selbst für die Müllsammler. Ist das richtig?

Dr. Thomas Probst: Das Kapitel hat einen internationalen Fokus. Häufig werden Kunststoffabfälle von Ärmeren genutzt, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. In Deutschland und in Europa sowie in den USA gehören hierzu diejenigen, die Pfandflaschen, also PET-Flaschen sammeln. Diese Aspekte wurden im „Plastikatlas“ überhaupt nicht beachtet. Die Publikation führt dazu aus, dass Kunststoffe überwiegend keinen Wert für Müllsammler haben. Das ist so nicht richtig! Müllsammler erzielen über das Sammeln von Getränkeflaschen (PET), Hohlkörpern (HDPE, PP) und Folien (LDPE, PP) Beiträge zum Lebensunterhalt. Die Ausprägung der Sammlungen ist aber weltweit sehr unterschiedlich.“

Im Plastikatlas steht (S. 40): „Müllsammelnde verbringen mehr Zeit als irgendwer sonst mit dem Abfall der globalen Konsumwirtschaft. Kaum jemand kennt dessen Zusammensetzung und Beschaffenheit so gut wie sie. Weil sie davon leben, in Sekundärmärkten ausrangierte Materialien zu Geld zu machen, wissen sie sehr genau, welche Gegenstände wertvoll sind und welche nicht. Aufgrund ihres Designs und der Marktbedingungen lassen sich Plastikprodukte in der Regel am schwierigsten sammeln und weiterverkaufen. Mancherorts hat der Großteil der Kunststoffe keinen Wert. Andernorts beschränken sich die recyclingfähigen Produkte auf wenige Artikel.“

Den Wert von Plastikmüll dadurch schönzureden, dass Menschen in Deutschland, die sich mit dem Sammeln von Pfandflaschen ein paar Euro dazuverdienen müssen, „einen Beitrag zum Lebensunterhalt erzielen“, finde ich ehrlich gesagt sehr zynisch.

Großartig ist aber, dass Herr Probst uns in einigen zentralen Aspekten der Plastikkrise zustimmt. Das macht Hoffnung, dass wir genau hier gemeinsam anpacken können:

„Kunststoffabfälle aus Deutschland sind in erster Linie in Deutschland und im europäischen Verbund zu verwerten. Und für diese Verwertung sind ausreichend Kapazitäten für das Sortieren und das Recycling zu schaffen.“

Ich würde hier noch hinzufügen: Um das ermöglichen, müssen wir den Hahn für neues Billigplastik zudrehen, die Produktion und den Konsum von Plastik drastisch und rasant reduzieren, Einmal-/Wegwerfprodukte vom Markt nehmen (auch durch Verbote) und Mehrweg konsequent fördern. Das übrigens will auch eine Mehrheit der Deutschen – siehe unsere repräsentative FORSA-Umfrage, deren Ergebnisse wir im Plastikatlas auf S. 43 präsentieren.

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