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Our House Is On Fire #2: Weltklimarat IPCC verhandelt Sonderbericht zum Landsektor

Ein Beitrag von Linda Schneider (Referentin Internationale Klimapolitik der Heinrich-Böll-Stiftung, live bei den Verhandlungen in Genf dabei)

Ab heute, Freitag, 2. August, verhandelt die internationale Staatengemeinschaft in Genf einen weiteren Sonderbericht des Weltklimarats (IPCC). Nach dem Sonderbericht zu 1,5 Grad geht es nun um den Sonderbericht zum Landsektor, der am 8. August erscheinen soll. Er ist der zweite aus drei Sonderberichten (der dritte zum Thema Ozeane und Kryosphäre erscheint im September), die in den nächsten großen Sachstandsbericht einfließen werden – den AR6.

Der Landsektor ist insofern ein spezieller Fall, als dass er – je nach dem, wie er genutzt wird – sowohl Quelle von Treibhausgasen (durch Abholzung und industrielle Landwirtschaft, beispielsweise) als auch eine wichtige Senke sein kann (durch natürliche Ökosysteme und auch bestimmte landwirtschaftlichen Anbauweisen und Praktiken, z.B. Agrarökologie).

Außerdem sind in den existierenden globalen Ökosystemen, vor allem den noch bestehenden Primärwäldern, sehr große Mengen an CO2 gespeichert – daher ist ihr Schutz ganz zentral im Kontext der globalen Klima-, aber auch der Biodiversitätskrise.

Das bedeutet, dass der Landsektor einen ganz zentralen Beitrag leisten kann in der Bearbeitung der multiplen sozial-ökologischen Krisen rund um Klima, Biodiversität, Bodendegradierung und Wassermangel, Ernährungssicherheit und der Sicherung von Menschen- und Landrechten.

Es bedeutet aber auch, dass im Landsektor mit Monokulturen, BECCS und anderen Geoengineering-Ansätzen sowie einer Ausweitung und Intensivierung der industriellen Landwirtschaft extrem viel falsch gemacht werden kann, was die genannten Krisen noch verschärft. Der IPBES-Bericht vom Mai 2019 hat beispielsweise die existentielle Krise unserer globalen Ökosysteme und Biodiversität noch einmal mit aller notwendigen Drastik beschrieben – sie fällt neben der globalen Klimakrise oft hinten, ist aber eine globale Krise ähnlichen Ausmaßes und vor allem: sie hängt eng mit der der Klimakrise und anderen Krisen zusammen.

Bei den Verhandlungen des IPCC-Landberichts wird es aus unserer Sicht stark darum gehen, ob es dem IPCC gelingt, die sozialen und ökologischen Dimensionen, die für den Landsektor zentral sind, deutlich herauszustellen und dadurch dazu beizutragen, dass im Landsektor tatsächliche Lösungen und keine Scheinlösungen vorangetrieben werden.

Indigene und kollektive Landrechte

Eine wichtige Frage wird sein, inwieweit die Rolle von indigenen und kollektiven Landrechten sowie Geschlechtergerechtigkeit als zentrale Elemente von Klimaschutz im Landsektor anerkannt werden.

Indigene und lokale Gemeinschaften schützen und bewirtschaften einen großen Anteil der globalen Ökosysteme, die in aller Regel eine viel größere Biodiversität aufweisen als anders etwa privatisierte oder anders bewirtschaftete Flächen und Ökosysteme. Gleichzeitig sind nur ein Bruchteil der Landrechte und auch der gewohnheitsrechtlichen Landnutzungsrechte von Indigenen und lokalen Gemeinschaften weltweit anerkannt. Die mangelnde Absicherung von Landrechten führt unter dem Druck der industriellen Landwirtschaft und anderen extraktiven Industrien oft zu Privatisierung, Vertreibung und Verlust von Lebensgrundlagen.

Ähnliches gilt für die Rechte von Kleinbäuer*innen, die 70% der Weltbevölkerung mit viel geringem Ressourceneinsatz als die industrielle Landwirtschaft ernähren, deren zentrale Rolle und elementaren Rechte aber auch oftmals nicht ausreichend anerkannt sind.

Eine frühere, geleakte Version der Summary for Policy Makers (SPM) erkennt den Zusammenhang von gesicherten indigenen und kollektiven Landrechten und dem Schutz von Wäldern explizit an, ebenso die Wichtigkeit von gesichertem Zugang zu Land von Frauen*. Es wird sich zeigen, inwiefern diese Anerkennung in den Verhandlungen des Landberichts verteidigt werden können.

BECCS & andere Geoengineering-Maßnahmen

Die Kritik an BECCS und anderen CDR-Maßnahmen aufgrund ihrer absehbaren sozialen und ökologischen Folgen ist über die letzten Jahre immer stärker geworden. Das hat im Sonderbericht zu 1,5 Grad bereits dazu geführt, dass auch entlang des Einsatzes von Bioenergie/BECCS in verschiedene Szenarien unterschieden wurde, und dass vor allem das Szenario als positiv hervorgehoben wurde, das aufgrund von radikaleren Emissionsreduktionen ganz ohne BECCS auskommt.

Auch der geleakte Draft der SPM hat für das Potential von BECCS und anderen land- und biomassebasierten Carbon Dioxide Removal (CDR)-Maßnahmen recht klare Worte gefunden: Großmaßstäbliche Monokulturen für BECCS oder Aufforstung gefährden die Ernährungssicherheit, zerstören natürliche Ökosysteme und Biodiversität, treiben die Bodendegradierung und Wüstenbildung voran und ziehen viele weitere sozial-ökologische Probleme nach sich, etwa verschärften Wassermangel und die Folgen eines stark erhöhten Einsatzes von chemischen Düngemitteln für schnellwachsende Monokulturen.

Natural Climate Solutions vs. Monokulturen und Aufforstung

Das Potential von ökologischen, ökosystem-basierten Ansätzen hat in den vergangenen 18 Monaten zunehmend Aufmerksamkeit gewonnen (auch durch den Bericht der CLARA-Group). Das ist gut so, denn natürliche, biodiverse Ökosysteme speichern nicht nur viel mehr CO2 als Monokulturen, sie sind gleichzeitig auch stabiler und weniger anfällig gegenüber Hitze, Dürren und anderen Auswirkungen des Klimawandels. Die Waldbrände, die im Hitzesommer 2018 zum Beispiel in Europa wüteten, brachen vor allem in monokulturellen sogenannten „Wäldern“ aus, nicht in natürlichen Wäldern.

Außerdem erfüllen natürliche Ökosysteme (abseits der CO2-Speicherung) ganz viele andere positiv klimaregulierende Funktionen, sie speichern Wasser, weisen bessere Bodenqualität auf usw. – und sie sind Lebensraum und wichtig für den Lebensunterhalt von lokalen Gemeinschaften.

Daher gilt es vor allem, die bestehenden natürlichen Ökosysteme zu schützen und degradierte oder zerstörte Ökosysteme zu renaturieren und ökologisch wiederherzustellen. Monokulturen für Aufforstung und BECCS verschärfen eine Vielzahl der sozial-ökologischen Krisen, anstatt ihnen Abhilfe zu leisten – inklusive der Tatsache, dass sie dem Fortbestand des fossilen Extraktivismus dienen.

Industrielle Landwirtschaft vs. Agrarökologie

Aktuell ist die industrielle Landwirtschaft ein großer Klimawandel-Treiber: Sie treibt Abholzung und Entwaldung massiv voran, führt zu Privatisierung von Landflächen, zu Landrechtsverletzungen und zu Vertreibung, und verursacht Emissionen durch großindustrielle Fleisch- und Tierproduktproduktion sowie durch die großen Mengen an chemischen Düngemitteln, die zum Einsatz kommen.

Die Organisation GRAIN hat berechnet, dass das System der industriellen Landwirtschaft entlang des gesamten Produktions- und Konsumzyklus ungefähr 50% der globalen Treibhausgase verursacht, wenn Entwaldung, Verarbeitung, Verpackung, transnationaler Transport, Kühlung und Lebensmittelverschwendung einberechnet werden.

Dabei verursacht sie 80% der fossilen Emissionen innerhalb des Landwirtschaftssektor und verbraucht 70% des Wassers, das in der Landwirtschaft zum Einsatz kommt – und ernährt dabei trotzdem nur 30% der Weltbevölkerung (siehe „Who Will Feed Us?“, ETC Group, 2017).

Gleichzeitig ist der Landwirtschaftssektor nicht nur ein Treiber der Klimakrise, sondern auch ganz massiv vom Klimawandel beeinträchtigt. Der Sonderbericht zu 1,5 Grad hat deutlich gemacht, welche signifikanten Unterschiede es in den Erträgen von Grundnahrungsmitteln schon zwischen 1,5 Grad und 2 Grad geben wird.

Internationale Bewegungen wie La Via Campesina, die vor allem im Globalen Süden stark sind, kämpfen schon lange für andere landwirtschaftliche Produktionssysteme. Agrarökologische Anbauweisen reduzieren nicht nur Emissionen, sondern sind auch viel anpassungsfähiger an die Auswirkungen des Klimawandels und sind viel besser geeignet, Ernährungssicherheit in Zeiten der Klimakrise zu gewährleisten.

Aber auch dafür braucht es: Die Sicherung der (Land-)Rechte von Kleinbäuer*innen, weniger Privatisierung, stärker lokalisierte Ernährungssysteme und natürlich auch Veränderungen im Lebensstil und den Konsumweisen, vor allem im Globalen Norden.

Vom 1,5-Grad-Bericht zum Landbericht

Der IPCC hat mit seinem Sonderbericht zu 1,5 Grad bereits wichtige Schritte in die richtige Richtung gemacht und die Notwendigkeit von radikalen Emissionsreduktionen und das Potential natürlicher Ökosysteme anerkannt – und auf die Risiken von Geoengineering und„overshoot-Szenarien hingewiesen.

Der Landbericht sollte genau da ansetzen und deutlich machen, was klimagerechte Ansätze im Landsektor sind: Die Anerkennung von Indigenen und kollektiven Landrechten, der Fokus auf Ernährungssicherheit, die zentrale Rolle von natürlichen Ökosystemen, vor allem von Wäldern, und das Potential anderer landwirtschaftlicher Produktionsweisen. Und eine klare Anerkennung der anderen sozial-ökologischen Krisen, die mit der Klimakrise so eng verbunden sind.

Eine klare Absage sollte es für all diejenigen Ansätze geben, die die Klima- und andere Krisen nur weiter verschärfen: Die Ausweitung und Intensivierung der industriellen Landwirtschaft, großmaßstäbliche Bioenergie, BECCS und Aufforstung, die voranschreitende Zerstörung natürlicher Ökosysteme durch extraktive Industrien und die Missachtung von Land- und Menschenrechten.

Der IPCC muss hier vor allem auch präziser werden und beispielsweise zwischen Aufforstung und ökosystem-basierten Ansätzen unterscheiden, wenn es darum geht, die politischen Implikationen zu beschreiben. Ähnliches gilt für landwirtschaftliche Praktiken. Der Kampf um Begriffe und Konzepte ist immer auch einer gegen industrielles Greenwashing, das versucht, Scheinlösungen hinter positiv besetzten, teilweise aus der Zivilgesellschaft und sozialen Bewegungen in den Diskurs eingespeisten Begriffen zu verstecken.

Im Sonderbericht zu 1,5 Grad hat das mit den unterschiedlichen, repräsentativen Szenarien bereits ganz gut geklappt: Es wird absolut klar, welche Szenarien potentiell in Richtung Klimagerechtigkeit führen können, und welche – unter dem massiven Einsatz von BECCS und anderen Geoengineering-Technologien – dazu führen, dass die fossile Industrie auch in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts noch fleißig Öl, Gas und Kohle produziert.

Solche klaren Aussagen in Anbetracht der globalen (Klima-)Krise braucht auch der Landbericht – die weltweit streikende Fridays-for-Future-Bewegung sagt nicht ohne Grund: Hört endlich auf Euch hinter schwammigen Formulierungen und Untätigkeit zu verstecken.

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