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Eine Replik auf die geTon-Pressemitteilung zu unseren Forderungen: Wege aus der Plastikkrise

Die am Mittwoch vorgestellten Forderungen der Allianz „Wege aus der Plastikkrise“ haben hohe Wellen geschlagen und ein großes Echo in der deutschen Presselandschaft bekommen. Da ist es sicherlich nicht verwunderlich, dass auch die Verpackungs- und Entsorgungsindustrie reagiert. Dieser Beitrag ist eine kurze Replik auf die heutige Pressemitteilung der geTon: geTon bedauert: Umweltverbände geraten in Regelungswut – Stellungnahme zu „Wege aus der Plastikkrise“ der Umweltverbände.

geTon bedauert, „welchem Imageverlust Kunststoff als Werkstoff inzwischen ausgesetzt ist“. Plastik besteht zu 99 % aus Erdöl oder Erdgas und ist damit fossil. Dank jahrelanger Kampagnenarbeit der internationalen Klimabewegung ist inzwischen klar, dass fossile Rohstoffe den größten Beitrag zur Klimakrise geleistet haben und weiterhin leisten. Und auch die Finanzbranche erkennt inzwischen das Investitionsrisiko, das mit fossilen Projekten einhergeht (siehe nicht zuletzten den Brief von BlackRock Chef Larry Fink).

Nicht Wenige ziehen hier inzwischen Vergleiche mit dem Image-Verlust der Tabak- und Zigarettenindustrie in den 1990er Jahren: „Big Oil is the new Big Tobacco“. Plastik ist ein Produkt der petrochemischen Industrie – und Big Oil steckt mittendrin im Plastikgeschäft.

Quelle: Plastikatlas 2019, S. 31 (www.boell.de/plastikatlas)

Nun kann man einen solchen Imageverlust bedauern, wenn man sein Geld mit dem betroffenen schädlichen Produkt verdient. Aber für die Menschen und für die Ökosysteme dieses Planeten ist das vor allem eine gute Nachricht!

Die geTon behauptet zudem: „…die 15 Forderungen der Umweltverbände verweisen nicht ein einziges Mal auf den Nutzen von Verpackungen, den Sinn der Mülltrennung, das werkstoffliche Recycling und den Gedanken der Kreislaufwirtschaft.“ Ich frage mich, ob sie die Langfassung der Forderungen überhaupt gelesen haben? Allein das Wort „Kreislaufwirtschaft“ taucht da 26 Mal auf. Unter anderem heißt es dort:

„Um das Ende des linearen Wegwerf-Geschäftsmodells und eine tatsächliche Kreislaufwirtschaft zu erreichen, muss das Vorsorgeprinzip sowohl für das Recycling als auch bei der Verwendung von biobasierten Ersatzstoffen strikt
angewendet werden. Vor der Vermarktung muss der Produzent durch entsprechende Daten belegen, dass von dem Produkt weder bei der Herstellung noch während und nach Ende der Nutzung irgendeine Gefährdung für Umwelt und Gesundheit ausgeht. Es gilt hier das Prinzip der
Umkehr der Beweislast.“

Es geht also im Kern darum, was wir unter Kreislaufwirtschaft verstehen! Unter anderem müssen dann die giftigen Zusatzstoffe im Plastik adressiert werden:

„Eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft kann es nur dann geben, wenn umwelt- und gesundheitsschädliche Stoffe nicht mehr in den Recyclingkreislauf gelangen.“

Forderung 13 aus dem Papier befasst sich sehr ausführlich mit diesen Fragen:

„Absolute Reduktion des Abfallaufkommens gemäß des Zero-Waste-Prinzips, Forcierung eines qualitativ hochwertigen Recyclings und verbindliche Mindesteinsatzquoten für Rezyklate zur konsequenten Umsetzung der europäischen Abfallhierarchie sowie ein Verbot von Kunststoffmüll-Exporten zu Anlagen mit schlechteren Standards als in Deutschland.“

Aber die Kritik von geTon setzt ja noch auf anderer Ebene an:

„Der vorliegende Forderungskatalog verwendet viel Sorgfalt auf die Situationsbeschreibung mit Begriffsdefinitionen, Analyse der Gesetze und ein Quellenverzeichnis: aber der Fokus auf unser bestehendes System fehlt. Schade. GeTon begrüßt jeden, der sich für die einfache, naheliegende und wirksame Lösung einsetzt: Wertstoffsammlung und Recycling.“

Auf das Duale System nimmt das Forderungspapier tatsächlich nur am Rande Bezug. Das liegt aber vor allem daran, dass es uns um einen echten Systemwechsel geht: weg von Einweg hin zu Mehrweg, weg von Verpackungen und hin zu unverpackten Lösungen – wo immer es geht.

Warum Recycling nur einen sehr geringen Beitrag zur Lösung der Plastikkrise leisten kann und der heutige dominante Fokus auf Recycling als Lösungsstrategie sogar zum Teil des Problems wird, habe ich bereits in dieser Replik auf die Kritik am Plastikatlas durch Thomas Probst vom Fachverband für Kunststoffrecycling (bvse) beschrieben.

Wir brauchen eben nicht, wie von geTon gefordert, „einen neuen, gemeinsamen Appell an die Verbraucherinnen und Verbraucher, die bestehenden Sammel- und Recyclingsysteme zu nutzen“, sondern eine Politik, die die Produzenten und Hersteller von Plastikverpackungen und anderen Kunststoffprodukten in die Verantwortung nimmt – undzwar für Schäden und Kosten, die entlang des gesamten Lebenszyklus dieser Produkte entstehen. Dafür steht das Bündnis „Wege aus der Plastikkrise“ und wird sich auch nach der Präsentation des gemeinsamen Forderungspapiers lautstark für die Durchsetzung dieser Lösungen einsetzen.

Übrigens: Auch andere Akteure der Plastikindustrie haben auf die Forderungen reagiert:

PlasticsEurope fordert: „Kunststoff nicht verdammen“ und der Gesamtverband Kunststoffverarbeitende Industrie will vor allem keine neuen Verbote.

Das sehen die Deutschen durchweg anders: Aus unserer repräsentativen forsa-Umfrage für den Plastikatlas 2019 geht klar hervor, dass einer Mehrheit die Regulierung der Plastikproduktion und des Plastikverbrauchs nicht weit genug geht. Sie wünschen sich mehr Verbote und mehr verpflichtende Vorgaben für die Industrie.

 

 

 

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