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Corona und die sozial-ökologische Transformation – eine kurze Momentaufnahme mit Lesetipps der vergangenen Woche

Es sind beängstigende, anstrengende und seltsame Tage, die wir gerade durchleben – und zugleich ist alles so dynamisch, dass wir jeden Tag aufs Neue selbst definieren müssen, was wir für „normal“ halten.

In diesen Zeiten „einstürzende Gewissheiten“ (danke, Wolfgang Sachs, für diese treffende Formulierung!) sitzen Millionen Menschen – so wie ich – jetzt zum Arbeiten zu Hause und müssen nebenbei auch die Kinder beschulen und bespaßen, was nicht einfacher wird, je weniger wir uns außerhalb der eigenen vier Wände bewegen dürfen.

Und doch geht es denjenigen, die sich maximal um ihre Eltern oder Großeltern gesundheitlich sorgen und die Launen ihrer Kinder managen müssen noch gut im Vergleich mit denen, die vorerkrankte Personen in der Familie und im engsten Freundeskreis haben oder deren ökonomische Situation so prekär ist, dass ihnen aktuell buchstäblich der Boden unter den Füßen weggerissen wird.

Auch von unseren Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt erreichen uns beunruhigende Nachrichten über unzureichende Gesundheitssysteme, mangelnde Testkapazitäten sowie ökonomische und soziale Katastrophen, die wir erst in den Anfängen zu erahnen beginnen.

Mir fällt es in solchen Zeiten nicht leicht, mich auf Themen und Fragen zu konzentrieren, die nicht meinen unmittelbaren Alltag und mein direktes Umfeld betreffen. Und damit bin ich bestimmt nicht alleine. Aber über die Vielzahl an Mailinglisten, internationale Netzwerke und Kontakte haben mich diese Woche doch sehr viele wichtige und gute Analysen, Denkanstöße und Impulse erreicht, die vielleicht auch anderen als Basis für weiteres Nachdenken und Diskutieren bieten können.

Daher möchte ich hier am Ende der Woche 1 dieses neuen Zeitalters (wobei ich anmerken sollte: diese Zählung ist sehr lokal definiert – in China und Italien begann sie schon viel früher, anderswo hat sie noch nicht begonnen) eine kurze Liste von Lese-, Hör- und Guckempfehlungen geben. Mein Fokus liegt dabei auf Zusammenhängen der Covid-19-Krise mit Fragen der Ökologie und sozial-ökologischen Transformation.

Ich freue mich übrigens auch über weitere Hinweise dieser Art (über die Kommentarspalte).

Corona & Ökonomie:

Was vielleicht in diesen Tagen eher weniger im Fokus steht, aber doch unmittelbare Wechselwirkungen mit den absehbaren ökonomischen (und damit auch politischen) Verwerfungen der kommenden Monate hat, ist die Tatsache, dass wir parallel zu den Auswirkungen der rasant abnehmenden Nachfrage nach Erdöl- und Erdgas durch schrumpfende Wirtschaften und unterbrochene Lieferketten auch einen regelrechten Preiskampf der Ölgiganten Saudi-Arabien und Russland erleben. Eine gute Analyse dazu hat auf Deutsch die SWP veröffentlicht.

Andere denken intensiv darüber nach, welche Lehren es aus der letzten großen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008-2009 zu lernen gilt und schnüren Empfehlungen für grüne Konjunktur- und Investitionspakete. Da ist es vielleicht noch ein wenig früh, die besten Ideen zu präsentieren, weil die Debatten genau dazu noch sehr heiß laufen: Wie kann man zugleich Social Distancing praktizieren und die Wirtschaft ankurbeln? Und wie sieht das Ganze in grün aus? Welche Maßnahmen müssen wir jetzt ergreifen und welche Vorbereitungen für die Zeit nach dem akuten Krisenmanagement treffen?

Finanzmarktanalyst/innen warnen davor, dass die amerikanischen Fracking Industrie (sowie die damit eng verflochtene petrochemische / Plastikindustrie) die angespannte Lage auf den Ölmärkten und die anstehende Finanzkrise nicht überstehen könnten. Das wären ja erstmal gute Nachrichten.

Interessant ist da u.a. aber auch zu beobachten, wie jetzt führende Entscheidungsträger/innen diese Frage betrachten und welche Entscheidungen langfristig getroffen werden. Beispielhaft ist hier Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur (IEA) zu nennen, der vor allem für Investitionen in erneuerbare Energien plädiert und davor warnt, die Energiewende als dringende Aufgabe aus den Augen zu verlieren.

Eine erste Analyse dazu, wie sich die Corona-Krise auf die Wirtschaften ärmerer Länder auswirken könnten, die bereits jetzt mit Verschuldung und Kapitalflucht zu kämpfen haben, hat das Global Policy Forum vorgelegt.

Warum die jetzige Krise und der Einbruch des globalen Wirtschaftswachstums nichts mit den transformativen Ideen der Degrowth-Bewegung zu tun hat – aber gleichzeitig deutlich macht, warum wir Degrowth brauchen und dass eine solche grundlegende Neuausrichtung des Wirtschaftssystems auch machbar ist, hat das Editorial Team von Degrowth.info vorgelegt.

Absolut empfehlenswert ist zudem dieser Video-Beitrag von Naomi Klein (Coronavirus Capitalism — and How to Beat It), die sich ja bereits spätestens seit ihrem Buch The Shock Doctrine / Die Schock-Strategie mit dem Krisenmanagement kapitalistischer Wirtschaften befasst hat und wichtige Lehren für die kommenden Wochen und Monate bereithält:

„I’ve spent two decades studying the transformations that take place under the cover of disaster. I’ve learned that one thing we can count on is this: During moments of cataclysmic change, the previously unthinkable suddenly becomes reality. In recent decades, that change has mainly been for the worst — but this has not always been the case. And it need not continue to be in the future. […] This crisis — like earlier ones — could well be the catalyst to shower aid on the wealthiest interests in society, including those most responsible for our current vulnerabilities, while offering next to nothing to the most workers, wiping out small family savings and shuttering small businesses. But as this video shows, many are already pushing back — and that story hasn’t been written yet.“

Umweltzerstörung, Biodiversität & Pandemien:

In den letzten Tagen sind einige Analysen, Artikel und Reportagen erschienen, die über den Zusammenhang von Biodiversitätsverlust, Umweltzerstörung und Pandemien nachdenken und sich anschauen, wie sich Übertragungswege von Infektionskrankheiten von Tieren bzw. Wildtieren auf Menschen verändern. Einige dieser Artikel erscheinen mir auf den ersten Blick tatsächlich noch recht undifferenziert. Spannend finde ich aber diesen wirklich ausführlichen Bericht von John Vidal, einem sehr renommierten Journalisten, der über viele Jahre die Umweltberichterstattung beim Guardian geleitet hat: Tip of the iceberg‘: is our destruction of nature responsible for Covid-19? Darin zitiert er sehr viele Gesundheitsexpert/innen, auch aus der sich neu entwickelnden wissenschaftlichen Disziplin „planetary health“ die sich explizit mit den Wechselwirkungen der Gesundheit von Menschen und Ökosystemen befasst.

Hoffnung auf eine bessere Zukunft?

Neben all der Horrornachrichten und düsteren Aussichten, die uns in dieser Woche erreicht haben, gibt es aber auch ganz viele Menschen, die sich jetzt Gedanken darüber machen, wie die Welt nach dem Überstehen der Krise eine bessere, gesündere, sauberer, solidarischere und gerechtere sein könnte.

Zukunftsforscher wie Matthias Horx reflektieren über die Welt nach Corona. Kritische Ökonominnen und Ökonomen prophezeien das Ende des Neoliberalismus. Viele hoffen auf mehr Anerkennung und bessere Entlohnung von Care Arbeit (in Krankenhäusern, Pflegeheimen, Schulen, Kitas usw.). Die Klimabewegung schaut mit staunen, wieviel Handlungsmacht und Durchsetzungskraft eine Regierung haben kann, die sich von wissenschaftlichen Erkenntnissen leiten lässt – und wie wohlgesonnen die Bevölkerung auch auf heftigste Einschnitte in private Konsummuster und Lebensbereiche reagiert, wenn ihnen die Notwendigkeit transparent kommuniziert wird und sie versteht, dass es dem Gemeinwohl dient. All das macht auch mir Hoffnung.

Aber mit mindestens genauso großer Sorge betrachte ich die Gegen-Narrative, die jetzt ebenfalls von ganz anderen Akteuren mit großer Macht vorangetrieben werden. Einiges davon ist bereits jetzt sichtbar und hörbar, anderes werden wir vermutlich in Kürze zu hören bekommen:

  • Klimaschädliche und umweltzerstörende Industrien wie Fluglinien und Automobilkonzerne müssen nun vom Staat „gerettet“ werden. Ebenso die Öl- und Gasindustrie (Achtung: und damit sind dann leider meist nicht die Arbeiter/innen dieser jeweiligen Branchen gemeint, sondern die Unternehmen und Investoren!).
  • Superreiche Philanthropen, allen voran Bill Gates, werden ihre Technofixes zur Lösung globaler Krisen noch massiver befördern und dafür auch politische Unterstützung bekommen: mehr digitale Überwachung, mehr neue Gentechnik, weniger Menschen in den globalen Lieferketten (sprich: noch mehr Amazon und weniger lokale Märkte).
  • Dazu passt dann auch: Einmalverpackungen aus Plastik sind doch eh viel hygienischer als Mehrweg. (Das Food Packaging Forum hat übrigens eine Übersicht über Informationen zum Thema Corona Virus und Verpackungen)

Diese Liste könnte man jetzt beliebig ergänzen. Und dieser Beitrag ist auch kein Versuch, die Situation umfassend und vollständig zu erfassen. Es ist eine Momentaufnahme nach Woche 1 im Homeoffice in Berlin. Wie Naomi Klein richtig sagt: Das Ende dieser Geschichte ist noch nicht geschrieben. Jetzt kommt es darauf an, wer die besseren Ideen hat und wie hart wir bereit sind, für unsere Ideen zu kämpfen.

Übrigens: Gestern Abend habe ich mehr Sterne am Berliner Nachthimmel gesehen als jemals zuvor…

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Diskussion

  1. liebe Personen, die einen so wertvollen Artikel schon kurz nach Corona veröffentlichen. Wie weise und in die Zukunft denkend. Jetzt an Ostern also einige Wochen später zeichnet sich noch nicht ab, wie es weiter gehen wird. Inzwischen sind aber die Lobbyist*innen schon in den Startlöchern, wie z.B. der Wirtschaftsrat der CDU, der alles andere nur keine gesellschaftliche oder wirtschaftliche Transformation möchte. Bei großer Zustimmung zu ihrem Artikel vermisse ich allerdings ein Argument, dass ich hier gern nennen möchte. Es ist doch so, dass die neoliberale Wirtschaft solange funktioniert, wie alles in ihrem Sinn läuft. Dann kommt ein kleiner Virus und nichts geht mehr in gewohnten Bahnen. Und jetzt ist der Staat gefragt, also immer dann, wenn die Wirtschaft mit ihren Mechanismen. Also ist dieses Wirtschaftssystem nicht krisensicher, ja nicht einmal darauf vorbereitet. Diese Wirtschaft brauen wir nicht.

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