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Die Energiewende kann nur durch Energiesuffizienz erfolgreich werden

Ein Gastbeitrag von Simon Göß*

Die Transformation unserer Energiesysteme ist die bestimmende Herausforderung der Menschheit im 21. Jahrhundert. Ohne Energie in ausreichenden Mengen und Raten ist wirtschaftliche Tätigkeit nicht möglich. Energie ist sozusagen die Schlüsselressource, die alle anderen Tätigkeiten, wie Landwirtschaft, Bergbau oder die Produktion von Gegenständen in Fabriken erst ermöglicht. Unsere globale, industrielle Zivilisation benötigt atemberaubende Mengen von Energie, in verschiedenen Formen, wie flüssige Kraftstoffe oder Strom, bereitgestellt durch eine Vielzahl von Energieträgern – von Erdgas über Kernkraft zu Rohöl, Solar, Windkraft und mehr.

Heute im Jahr 2020 befindet sich die Welt seit 10 bis 20 Jahren im Umstiegsprozess auf erneuerbare Energien. Jedoch ist unsere Abhängigkeit von fossilen Energierohstoffen nach wie vor ungebrochen. Letztes Jahr stellten die Fossilen noch immer 85 Prozent des globalen Primärenergieverbrauchs: Wir leben noch immer in der Kohlenstoff-Zivilisation! Gleichzeitig steht der Klimawandel plötzlich vor uns und ist kein fernes und diffuses Problem für die nächste Generation. Neunzehn der zwanzig heißesten Jahre sind seit 2001 aufgetreten!

Unsere Zivilisation steht demnach vor zwei sich überschneidenden Krisen. Während sich die globalisierte und industrialisierte Wirtschaft weiterhin auf einem Wachstumspfad bewegt (die Corona-Pandemie schiebt dem Wachstumstrend vorläufig einen Riegel vor) und von endlichen fossilen Rohstoffen abhängig ist, heizt der Verbrauch dieser den Klimawandel weiter an.

Der Umstieg auf erneuerbare Energien verspricht eine nachhaltige Energieversorgung, die möglichst CO2-arm ist. Trotz technischer Fortschritte und fallender Kosten für Wind- und Solarenergie sind diese beiden Energieträger allerdings noch weit davon entfernt die Basis der Energieversorgung unserer Zivilisation zu sein. Abbildung 1 verdeutlicht dies anhand des weltweiten Primärenergieverbrauchs nach Energiequellen von 1965 bis 2019. Die Dominanz der fossilen Energieträger wird hier klar deutlich.

Abbildung 1: Zeitreihe des absoluten weltweiten Primärenergieverbrauchs nach Energiequellen 1965–2019 zur Verdeutlichung der dominierenden Rolle fossiler Brennstoffe (ohne traditionelle Biomasse). Datenquelle: BP Statistical Review of World Energy 2020. Copyright – Oekom Verlag. Alle Rechte vorbehalten

Laut einem Umweltgutachten des Sachverständigenrats für Umweltfragen würde Deutschland bei einem CO2-Ausstoß wie im Jahr 2019 sein Emissionsbudget für ein Paris-kompatibles Klima innerhalb der nächsten 5 bis 8 Jahre aufbrauchen. Auch weltweit betrachtet ist für den Erhalt eines sicheren Klimasystems kaum noch Spielraum. Dies bedeutet, dass die Energieversorgung – welche ja 80 bis 90 Prozent der anthropogenen Treibhausgasemissionen ausmacht – innerhalb der nächsten 10 bis 20 Jahre beinahe komplett dekarbonisiert werden müsste.

Damit stellt sich die Frage, inwieweit der bislang oft nur angebotsseitige Fokus auf den Ausbau erneuerbare Energien, insbesondere Wind und Solar, diese außerordentliche Transformation und Umstellung leisten kann? Im folgenden möchte ich auf drei Herausforderungen aufmerksam machen.

Klar ist zumindest: Die Dekarbonisierung der kompletten Gesellschaft benötigt weit mehr als den Ausbau von Windturbinen und Solarparks. Vielmehr müssen die meisten oder alle industriellen Prozesse, die Wärmeerzeugung und das Transportwesen elektrifiziert werden. Dies geht mit starken Auswirkungen auf den Verbrauch von Rohstoffen, wie seltenen Erden und fossiler Energien zum Aufbau dieser neuen Infrastrukturen einher.

In einer elektrifizierten Welt, würde der Stromverbrauch aufgrund neuer Anwendungen natürlich steigen, während der Primärenergieverbrauch aufgrund effizienterer Umwandlungen gegenüber heute wahrscheinlich sinken würde. Stand 2020 deckt der Energieträger Strom nur etwa 20 Prozent des weltweiten Endenergiebedarfs. Zuerst müsste der gesamte Strombedarf erneuerbar oder CO2-frei gedeckt werden. Im Jahr 2018 lag der Anteil erneuerbarer Energien weltweit bei 26 Prozent. Anschließend muss der verbleibenden Endenergieanteil von gut 80 Prozent ebenfalls durch erneuerbaren Strom gedeckt werden. Dies verdeutlicht die Größenordnung der Herausforderung.

Ein weiteres Problemfeld stellt Herstellung, Errichtung, Betrieb, Wartung und Entsorgung der Erneuerbaren-Technologien dar. Sie alle sind abhängig von fossilen Energierohstoffen. Diese Prozesse sind zusammen mit weitverzweigten globalen Lieferketten erst durch den Einsatz von Kohle, Öl und Erdgas möglich. Zumindest auf absehbare Zeit wird der Ausbau der erneuerbaren Infrastruktur über unzählige Pfadabhängigkeiten tief mit der fossil-betriebenen industrialisierten Weltwirtschaft verknüpft bleiben.

Es ist theoretisch natürlich denkbar, dass in Zukunft alle beteiligten Produktionsprozesse für ein erneuerbares Energiesystem mit erneuerbarem Strom betrieben werden können. Allerdings liegt zwischen solch einer Vision und der gegenwärtigen Realität eine Bandbreite technischer, wirtschaftlicher und institutioneller Herausforderungen.

Alle diese Ausführungen sollen jedoch nicht verstanden werden als Argumente gegen einen so schnellen Ausbau von erneuerbaren Energien wie ihn die Menschheit aufbieten kann. Stattdessen sind sie Argumente für die Schaffung von Gesellschaften, die mit so wenig Energie wie möglich gedeihen können, anstatt davon auszugehen, dass energieintensive Gesellschaften einfach und problemlos auf erneuerbare Energietechnologien umsteigen können.

In unserem Buch „Das Ende der Kohlenstoff-Zivilisation“ gehen wir den oben beschriebenen Themen und der Doppelkrise unserer Abhängigkeit von fossilen Energien und des Klimawandels detailliert nach. Unsere These lautet hierbei: Statt allein auf erneuerbare Energie zu setzen, sollten wir uns auf eine Welt des rückläufigen Energiedargebots einstellen sowie auf Energiesuffizienz setzen. Dies hat tiefgreifende Implikationen, denn um in einer Welt des Energierückgangs erfolgreich navigieren zu können, müssen wir unser wachstumsbasiertes Gesellschaftsmodell reformieren, sowie resiliente und energiesuffiziente Infrastrukturen aufbauen.

 

*Simon Göß ist Ingenieur für erneuerbare Energiesysteme und Experte für Energiepolitik und -märkte und der Energiewende. Er ist Herausgeber des Buches „Das Ende der Kohlenstoff-Zivilisation“, welches im September 2020 im Oekom Verlag erschienen ist.

Quellen:

Alexander, S., Floyd, J., Göß, S., 2020, „Das Ende der Kohlenstoff-Zivilisation“, Oekom Verlag, Verfügbar unter: https://www.oekom.de/buch/das-ende-der-kohlenstoff-zivilisation-9783962382421

Fraunhofer ISE, 2020, „Wege zu einem klimaneutralen Energiesystem“, Verfügbar unter: https://www.ise.fraunhofer.de/de/presse-und-medien/presseinformationen/2020/klimaschutzziele-in-der-energieversorgung-erreichbar.html

NASA, 2020, „Global Temperature”, Verfügbar unter: https://climate.nasa.gov/vital-signs/global-temperature/

SRU, 2020, „Umweltgutachten: Pariser Klimaziele erreichen mit dem CO2-Budget“, Verfügbar unter: https://www.umweltrat.de/SharedDocs/Downloads/DE/01_Umweltgutachten/2016_2020/2020_Umweltgutachten_Kap_02_Pariser_Klimaziele.pdf

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Diskussion

  1. Volle Zustimmung, Herr Göß!
    Wenn die gegenwärtigen Trends des Energieverbrauchs (ausgenommen mal die Sondersituation 2020 und eventuell 2021) so weiterlaufen, wird der weltweite Energieverbrauch 2050 nahezu um 50% gegenüber heute gestiegen sein.
    Bereiche wie der IT-Bereich (immer mehr Streaming, G5, teilautonomes Fahren, KI usw) aber auch Ernährung (international zunehmender Fleischverzehr, immer mehr Lebensmitteldistribution in Kühlketten usw) aber auch die Urbanisierung (zusätzliche etwa 2,5 Milliarden mehr Stadtbewohner bis 2050 = größter Urbanisierungsschub der Menschheitsgeschichte) treiben den Energieverbrauch weltweit quasi automatisch in die Höhe.
    Und etwa 3…4 Milliarden Menschen sind noch nicht mal ansatzweise im „Energieparadies“ westlicher Prägung angekommmen, haben also im heutigen Paradigma noch einen stark nachholenden Energiehunger.

    Wenn wir uns also bis 2050 uns einen Energieverbrauch leisten wollten, der um 40…50% höher liegt als heute, müssten wir in kaum vorstellbarem Maß Wind und Solar nach oben pushen und Großspeicher von unglaublicher Kapazität schaffen, um nur alleine diesen zusätzlichen Energiebedarf mit EE sicherzustellen. Was nichts anderes heißt, als dass wir 2050 immer noch nominal so viel Verbrauch an fossilen Energieträgern hätten, wie heute.

    Wir müssten alles auf den Prüfstand stellen: Mobilität, Ernährungsweise, IT-Energieverbrauch, durchschnittliche Wohnfläche pro Einwohner und sehr viel mehr.
    Dazu sehe ich nicht mal ansatzweise die Bereitschaft, von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen. Zukunftsvisionen von Drohnentaxis, flächendeckendem G5, allumfassender künstlicher Intelligenz usw sind derzeit absolut angesagt, oft noch versehen mit dem Zusatz „nachhaltig“.
    Wie kann man sich selbst nur so krass belügen?

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