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Hintergründe und Einschätzungen zum Nobelpreis für die CRISPR/Cas-„Gen-Schere“

Die Verleihung des Nobelpreises für Chemie an Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna, die Erfinderinnen der CRISPR/Cas-„Gen-Schere“, ist nicht wirklich eine Überraschung – aber die Reaktionen fallen sehr unterschiedlich aus, und das zu Recht. Denn auch wenn es gut ist, dass angesichts der massiven Unterrepräsentanz von Frauen bei der Vergabe von Nobelpreisen in den Naturwissenschaften in diesem Jahr gleich zwei zum Zug kommen und die CRISPR-Gen-Schere in aller Munde ist, so handelt es sich eben auch um eine höchst umstrittene Technologie, deren Anwendungsoptionen weitreichend sind – mit teils unvorhersehbaren Folgen für Mensch und Natur.

Im Rahmen unseres Böll Thema zu neuer Gentechnik haben wir uns schon vor einem Jahr ausführlich mit dem Thema beschäftigt. Barbara Unmüßig von der Böll-Stiftung fordert in ihrem Kommentar, der mit dem Nobel-Preis noch einmal an Bedeutung gewinnt:

„Wir brauchen einen offenen Austausch zu den Risiken und zur Ausgestaltung des Vorsorgeprinzips. Wir brauchen eine Forschung, die erstens unabhängig von den Profiteur/innen der neuen Techniken ist und zweitens nicht nur die Chancen, sondern vor allem die Risiken der neuen Technologien erforscht und einzuschätzen hilft.“

Wer mehr über neue Gentechnik und ihre Risiken wissen möchte, kann in unserem Böll Thema nachlesen.

Christoph Then von Testbiotech fasst die Entscheidung des Nobel- Komitees so zusammen:

„Das ist ein Nobelpreis für die Büchse der Pandora. Diese Technologie und der Nobelpreis bedeuten eine enorme Herausforderung und Verantwortung für alle Beteiligten. Die Zukunft des Lebens auf diesem Planeten hängt ganz wesentlich davon ab, ob wir es schaffen, den Anwendungen dieser neuen Gentechnik klare Grenzen zu setzen. Wir müssen insbesondere verhindern, dass das Erbgut von Mensch, Tier und Pflanzen zum Spielball von Profitinteressen und technischer Hybris wird.“

Daniela Wannemacher, Gentechnik-Expertin des BUND, kommentiert:

„CRISPR/Cas ermöglicht umfassende Manipulationen am Genom, das zeigt die heutige Nobelpreis-Verleihung einmal mehr. Umso wichtiger ist es, dass mit Blick auf die Anwendungen das Vorsorgeprinzip und ein verantwortungsvoller Umgang mit der mächtigen Technologie gesichert sind. Entsprechend hat auch der EuGH 2018 gefordert, dass Verfahren wie CRISPR/Cas dem europäischen Gentechnikrecht unterstellt bleiben. Deshalb: Ohne Risikoprüfung, Zulassung und Kennzeichnung nach EU-Gentechnik-Freisetzungsrichtlinie dürfen keine CRISPR-Pflanzen auf den Acker und keine CRISPR-Tiere in den Stall. Und es darf keine Freisetzung von neuen Anwendungen wie Gene Drives geben, die das Potential haben, ganze Ökosysteme empfindlich zu stören.“

Es geht eben genau darum, wofür ein solche Technologie genutzt werden kann. Wenig überraschend äußert sich Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner gleich so:

„Die klassische Pflanzenzucht hat schon immer das Erbgut von Nutzpflanzen angepasst. Mit der Genschere kann aber zielgenauer, schneller geforscht werden. Deshalb setze ich Hoffnungen in solche neuen Züchtungsmethoden. Sie sind natürlich kein Allheilmittel. Doch wenn wir Pflanzen wollen und brauchen, die resistent sind gegen Wetterkapriolen und Klimawandel, die weniger Pflanzenschutzmittel benötigen, dann sollten wir verantwortungsvoll über eine differenzierte Zulassung solcher Verfahren für die Pflanzenzucht diskutieren. Die Entscheidung aus Stockholm ist dazu ein weiterer Anstoß.“

Hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen, denn die Beschreibung „zielgenau“ bei CRISPR ist hoch umstritten (die Technikfolgenabschätzung steckt hier in den Kinderschuhen und bereits ist klar, dass keine wirkliche Präzision bei den hochkomplexen Eingriffen ins Ergbut erreicht werden kann, siehe dazu z.B. die Hintergrundinformationen auf der Website von Martin Häußling, MEP). Ebenso wie der Begriff „neue Züchtungsmethoden„, den die Gentechniklobby gerne nutzt, um die neue Generation von Gentechnik als harmlos und natürlich darzustellen.

Außerdem ist es sehr wichtig zu verstehen, dass sich die Anwendungsmöglichkeiten von CRISPR/Cas nicht nur auf die Medizin oder auf Nutzpflanzen und Nutztiere erstrecken. Sondern sie betreffen auch ganze Ökosysteme sowie Insekten, Wildtiere, Bäume und Gräser. Testbiotech hat dazu einen Bericht veröffentlicht: Gentechnik gefährdet den Artenschutz.

Die CRISPR-Technologie spielt auch eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung der sogenannten Gene Drives, die es ermöglichen sollen, ganze natürliche Populationen zu verändern oder auszurotten. Dies entspricht einem Eingriff in die „Keimbahn“ der biologischen Vielfalt. Sehr gute und umfassende Informationen rund um Gene Drives und die Forderung nach einem Verbot dieser gefährlichen Technologie finden sich bei Save Our Seeds.

Weitere Hintergrundinformationen rund um die neue Gentechnik, synthetische Biologie und Gene Drives gibt es auch bei der Heinrich-Böll-Stiftung:

Webdossier Biodiversität mit Schwerpunkt Synthetische Biologie & Gene Drives

Bericht über die Anwendungsoptionen und Risiken von Gene Drives in der Landwirtschaft

Im Böll.Thema zu Gentechnik, das sich besonders mit dem verantwortungsvollen Umgang mit diesen Technologien befasst (2019)

Am 15. Oktober veranstalten Heinrich-Böll-Stiftung, Save Our Seeds, FDCL und Brot für Welt eine Online-Diskussion in der Reihe Umkämpfte Natur zum Thema Gene Drives – Mit gentechnischer Ausrottung Menschen und Natur schützen? .

Gene Drives – Mit gentechnischer Ausrottung Menschen und Natur schützen?

Do., 15. Okt. 2020,
16.30 – 18.00 Uhr

Anmeldung hier

Auf Englisch gibt es u.a. gute Informationen rund um das Thema:

Bei der ETC Group

Bei Friends of the Earth

Auf der Website synbiowatch.org

Bei Econexus

Beim Third World Network

Und im englischen Dossier der Heinrich-Böll-Stiftung

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