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Synthetische Biologie & Biodiversitätskonvention (CBD): was wurde bei der COP 13 in Cancun entschieden?

Einige Schlüsselentscheidungen für die internationale Regulierung der synthethischen Biologie standen in Cancun auf der Agenda. Denn dort tagten vom 4. bis 17. Dezember die Vertragsstaaten der UN-Biodiversitätskonvention CBD (COP 13) parallel mit denen des Nagoya-Protokolls (COP-MOP 2) und des Cartagena-Protokolls (COP-MOP 8).

Was ist synthetische Biologie? Als synthetische Biologie bezeichnet man die nächste Generation von Biotechnologien, die versuchen, Lebensformen – auch auf der genetischen Ebene – zu entwickeln, zu verändern, neu zusammenzusetzen und sogar künstlich zu erzeugen. Die synthetische Biologie geht weit über die erste Generation „transgenetisch“ veränderter Organismen hinaus. Für 2020 wird ihr Marktwert auf fast 40 Mrd. USD geschätzt, da die industrielle Aktivität in synthetischer Biologie geradezu explodiert, weil neue Instrumente zur Veränderung von Erbgut und kostengünstigere  DNA-Synthesen eine genetische Neugestaltung oder Veränderung von biologischen Organismen vereinfachen und beschleunigen Zu den bereits auf dem Markt erhältlichen aus synthetischer Biologie stammenden Produkten gehören biosynthetisierte Varianten von Geschmacksstoffen, Düften, Brennstoffen, Pharmaka, Textilien, Industriechemikalien sowie Inhaltsstoffe von Kosmetika und Nahrungsmitteln. Für die nächste Generation synthetisch hergestellter (einschließlich „genomeditierter“) Feldfrüchte, Insekten und Tiere zeichnet sich bereits eine kommerzielle Nutzung ab. In diesen Kontext gehören auch weitreichende Vorschläge, Gene Drives freizusetzen – sich selbst vermehrende genetische Bausteine, mit denen man darauf abzielt, ganze Populationen auf einen Schlag zu verändern oder auszurotten.

Die synthetische Biologie war in Cancun eines der umstrittensten Verhandlungsthemen, da sie droht, alle drei Ziele der Konvention zu unterminieren. Um das zu verhindern, mussten sich die Vertragsparteien mit komplizierten Fragen befassen und haben folgende Entscheidungen im Konsens beschlossen:

Operationelle Definition: Es war an der Zeit, dass die CBD eine Arbeitsdefinition des Begriffs „synthetische Biologie“ verabschiedet. Eine technische Expertengruppe (AHTEG) hatte eine solche erarbeitet. Bei den Zwischenverhandlungen im April 2016 in Montreal hatten sich die Verhandlerinnen und Verhandler aber nicht darauf einigen können, diese Definition als Arbeitsdefinition anzuerkennen. Besonders die Ländern, die große Biotechnologiefirmen beherbergen, wehren sich gegen eine Definition, die bestimmte Techniken klar einschließt und damit eine Regulierung einfacher machen würde. Der etwas faule Kompromiss lautet nun wie folgt (UNEP/CBD/COP/13/L34):

„Acknowledges that the outcome of the work of the AHTEG on Synthetic Biology on the operational definition is “synthetic biology is a further development and new dimension of modern biotechnology that combines science, technology and engineering to facilitate and accelerate the understanding, design, redesign, manufacture and/or modification of genetic materials, living organisms and biological systems”, and considers it useful as a starting point for the purpose of facilitating scientific and technical deliberations under the Convention and its Protocol;“

Das klingt wesentlich schwächer als eine Formulierung wie „decides to use it“, aber immerhin noch besser als eine bloße Zurkenntnisnahme der Arbeit des AHTEG.

Vorsorgeprinzip: Gene Drives. Gene Drives bergen weitreichende ökologische und soziale Gefahren, weshalb sich zu Beginn der COP 13 mehr als 160 Gruppen für ein Moratorium ausgesprochen hatten. Aber auch die Pro-Gene-Drive-Lobby war in Cancun sehr präsent und aktiv. Nur sehr wenige Länder – darunter aber immerhin die gesamte Africa-Group (bis auf wenige Ausnahmeländer innerhalb Afrikas, die sehr gentechnikfreundlich sind, z.B. Kenia) – traten als Champions für das Thema auf und bestanden darauf, das Vorsorgeprinzip der CBD explizit auf Gene Drives zu beziehen. Bis zum Schluss wurde daher um einen Kompromiss gerungen. Der Text in der Entscheidung lautet nun wie folgt (UNEP/CBD/COP/13/L34):

Reiterates paragraph 3 of decision XII/24 and notes that it can also apply to some living modified organisms containing gene drives;

Paragraph 3 der Decision XII/24 wiederum lautet: „Urges Parties and invites other Governments to take a precautionary approach, in accordance with paragraph 4 of decision XI/11 (die bezieht sich auf „new and emerging issues“ für die CBD, darunter eben auch synthetische Biologie), and: (a) To establish, or have in place, effective risk assessment and management procedures and/or regulatory systems to regulate environmental release of any organisms, components or products resulting from synthetic biology techniques, consistent with Article 3 of the Convention;“ und sagt auch „(b) To approve organisms resulting from synthetic biology techniques for field trials only after appropriate risk assessments have been carried out in accordance with national, regional and/or international frameworks, as appropriate;“.

Kurzum: Die COP 13 fordert alle Regierungen dazu auf, in Bezug auf Gene Drives das Vorsorgeprinzip sehr streng und sehr genau anzuwenden. Das bedeutet, dass es keine Freilassung von Gene Drives geben darf, ohne dass adäquate Risikobewertungen und Risikomanagementsysteme etabliert sind. Das kommt einem De-Facto-Moratorium schon ziemlich nahe – aber nur, wenn man es dementsprechend streng auslegt. Denn leider enthält die Entscheidung von Cancun auch einige Schlupflöcher, u.a. die Sprachwahl „notes“ (was eine sehr schwache Formulierung ist) und das „can also apply to some“ kann die Gegenseite (also die Gene Drive Lobby) sicherlich zu ihren Gunsten interpretieren und argumentieren, dass es eben genau auf ihre Gene Drives Organismen nicht zutreffe…

Angesichts der Tatsache, dass das Thema bis vor wenigen Monaten noch gar nicht auf der internationalen Agenda vorkam, die Technologie selber erst seit ca. 1,5 Jahren existiert und es eine gut organisierte und gut finanzierte Lobby gibt, die eine Regulierung / Verbot um jeden Preis verhindern wollte, ist das ein beachtlicher Erfolg der Länder und der Zivilgesellschaft, die sich dieses Thema für Cancun auf die Fahnen geschrieben haben. Wie bei jedem internationalen Vertragstext beginnt nun das Ringen um die Interpretation. Aber immerhin kann nun niemand mehr wagen zu behaupten, Gegen Drives seien ein harmloses, natürlich vorkommendes Phänomen. Die Regierungen von 196 Ländern (nicht dabei z.B. die USA…) haben sich mit der Frage befasst, welche möglichen Gefahren von Gene Drives ausgehen und sich schließlich im Konsens darauf festgelegt, dass diese Gefahren groß sind und das Vorsorgeprinzip unbedingt Gültigkeit hat!

Biopiraterie: Digitale Sequenzen. Die synthetische Biologie ermöglicht den digitalen Diebstahl und Einsatz von DNA-Sequenzen. Darauf muss sowohl in der CBD als auch im Nagoya-Protokoll eingegangen werden. Pünktlich zur COP 13 waren auch endlich alle Entwicklungsländern aufgewacht und hatten sich in dieser Frage politisch in Stellung gebracht. Das Thema wurde in vielen langen Nachtsitzungen stundenlang und sehr kontrovers verhandelt. Noch im April bei den Zwischenverhandlungen gab es nur zwei kleine Sätze mit Klammern im Text. In Cancun wiederum ist daraus eine egenständige Entscheidung (UNEP/CBD/COP/13/L29) mit nachfolgenden Prozessen (u.a. einem eigens zu schaffenden AHTEG – einer technischen Beratungsgruppe) entstanden. Bis zur nächsten COP 14 im Jahr 2018 soll Klarheit geschaffen werden:

Decides to consider at its fourteenth meeting any potential implications of the use of digital sequence information on genetic resources for the three objectives of the Convention.

Der Zeitfaktor ist hier entscheidend, da aktuell in rasantem Tempo die Gensequenzen von tausenden von Arten digital erfasst und in öffentlich zugänglichen Datenbanken gespeichert werden. Zugang haben darauf allerdings vor allem große Agrarkonzerne. Die lokale Bevölkerung und die Bevölkerung der Länder, aus denen die Pflanzen stammen, geht dabei leer aus – entgegen dem Oberziel der CBD, den Nutzen aus dem Zugang zu genetischen Informationen zu teilen. Übrigens: Zu diesem Thema hatte die Zivilgesellschaft in Cancun ja u.a. auch am 9. Dezember die Captain Hook Awards für Biopiraterie vergeben.

Sozio-ökonomische Auswirkungen: Die CBD braucht ein Verfahren, um den negativen Auswirkungen von synthetischer Biologie auf die nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt entgegenwirken zu können. Denn wenn Produkte der synthetischen Biologie auf den Markt gebracht werden und dabei als „natürlich“ („natural“) gelabelt werden, treten sie in Konkurrenz mit den Produkten, mit denen Millionen von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in Entwicklungsländern ihren Lebensunterhalt verdienen. Hierzu wurde in Cancun an verschiedenen Stellen im Text ganz klar Bezug genommen, so dass der Auftrag an die Regierungen nun klar ist. Gute Informationsmaterialien zum Thema gibt es z.B. hier in diesem Shopper’s Guide to Synthetic Biology.

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